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Hilmar Hoffmann Einer, der immer Brücken baute

1. UpdateDer Frankfurter Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann ist im Alter von 92 Jahren gestorben.

Frankfurt
Hilmar Hoffmann beim Interview an seinem Schreibtisch. Foto: Christoph Boeckheler

In den letzten Monaten verengte sich sein Lebenskreis auf den Schreibtisch, an dem er täglich saß. Er hat geschrieben bis zum Ende. Denn Schreiben war sein Lebenselixier. Doch nun ist Hilmar Hoffmann, der wichtigste deutsche Kulturpolitiker nach 1945, im Alter von 92 Jahren in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main gestorben. 

Er hat der Nachwelt einen Auftrag hinterlassen, den er Zeit seines Lebens umzusetzen versuchte: „Kultur für alle“. Kultur nicht länger als ein Privileg der Bessergestellten und Wohlhabenden in der bürgerlichen Gesellschaft, als Zeitvertreib für mächtige Müßiggänger. Sondern Kultur auch als selbstverständliches Angebot für Nichtprivilegierte, für Menschen aus sogenannten „bildungsfernen“ Schichten. Diesen Anspruch, dieses Ziel umriss er in dem wichtigsten seiner mehr als 50 Bücher mit dem programmatischen Titel „Kultur für alle“ aus dem Jahre 1979. 

Der Autor Hoffmann beließ es nicht bei der Theorie. Er war ein Humanist der Tat. Es war die Erfahrung des nationalsozialistischen Terrorregimes, die ihn antrieb. Im Gegensatz zu anderen seiner Generation hat der Sozialdemokrat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er als Jugendlicher ein glühender Anhänger des Nationalsozialismus war. Er hat deshalb Scham empfunden bis an sein Lebensende. Immer wieder hat er sich die Frage gestellt, warum so viele Unterstützer und Täter des Naziregimes wurden. Noch sein letztes Buch, „Generation Hitlerjugend“, im Januar 2018 erschienen, ist diesem Thema gewidmet, einer Selbstbefragung auch. 

Hoffmanns Antwort als Kulturpolitiker war es, Brücken zu bauen und für Versöhnung und Frieden einzutreten. Als Präsident des Goethe-Institutes von 1993 bis 2002 eröffnete er siebzehn neue Kultureinrichtungen in aller Welt – aber auch in Deutschland. Einen Schwerpunkt setzte er nach der Wiedervereinigung in den östlichen Bundesländern. Hoffmann erkannte damals weitsichtig, dass viele Menschen dort dabei waren, sich von der Demokratie abzuwenden. 
Den Staaten, deren Menschen vom nationalsozialistischen Terror besonders getroffen worden waren, widmete er sich als Präsident des Goethe-Institutes intensiv, etwa Polen. Wütend verteidigte er das Institut gegen Kürzungen, die der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) durchzusetzen versuchte. Er konnte aber nicht verhindern, dass Schröder elf Einrichtungen schloss. Der Kanzler galt Hoffmann fortan als die Verkörperung eines kulturfernen Machtmenschen. 

Der Kulturpolitiker Hoffmann trat entschieden für die Versöhnung mit Israel ein, lehrte an der Universität der Frankfurter Partnerstadt, Tel Aviv. Er schuf 1997 aber auch ein Goethe-Institut im palästinensischen Ramallah. Weltweit warb er für das neue wiedervereinigte Deutschland, das bei vielen Menschen historisch begründete Befürchtungen aufkommen ließ. 

Die glücklichste und wirkungsmächtigste Zeit erlebte Hoffmann in Frankfurt am Main als Kulturdezernent von 1970 bis 1990. Eine so lange Phase ist in der schnelllebigen Kommunalpolitik ein Geschenk – und der Kulturpolitiker nutzte die Zeit. Unter seiner Ägide entstanden Einrichtungen, die das Motto „Kultur für alle“ ernst meinten. Da waren die Bürgerhäuser, die für Vereine eine Heimat wurden, da waren die Stadtteilbibliotheken, die vielen Menschen einen Zugang zu Büchern eröffneten. Sein Bibliotheksentwicklungsplan war der erste seiner Art in der Bundesrepublik. 

Hoffmann ließ auch das erste Kommunale Kino in Deutschland entstehen, das zahlreiche Nachahmer fand. Dieses Kino besteht noch heute. Er verwirklichte das Künstlerhaus Mousonturm als Ort für die alternative Kultur. An den Städtischen Bühnen führte der Kulturdezernent 1972 ein Mitbestimmungsmodell ein, das zum ersten Mal mit der Allmacht von Generalintendanten brach. Ein von den Bühnen-Mitarbeitern gewähltes Dreiergremium entschied mit über Spielplan und Gagen. Auch wenn dieses Modell nur wenige Spielzeiten überstand, es hatte Zeichen gesetzt.

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