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Herta Müller im Interview „Ich bin ein lustiger Mensch“

Die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller über ihre Freude an Wörtern aus Baumarkt-Prospekten, die politische Krise in Rumänien und ihre Rolle als moralische Instanz

24.08.2012 10:48
Herta Müller 2009 auf der Frankfurter Buchmesse. Foto: dpa

Die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller über ihre Freude an Wörtern aus Baumarkt-Prospekten, die politische Krise in Rumänien und ihre Rolle als moralische Instanz

Herta Müller hat Kartons voller Karteikarten mitgebracht. Es sind die Collagen, aus denen ihr neues Buch „Vater telefoniert mit den Fliegen“ gestaltet ist. Die lässt sie beim Chef des Berliner Literaturhauses im Zimmer, denn aus den Collagen wird jetzt eine Ausstellung entstehen. Deutlicher noch als in dem Buch und seinem Vorgänger „Die blassen Herren mit den Mokkatassen“ ist auf den Karten zu sehen, wie diese Art von Literatur entsteht: Zusammensetzt aus ausgeschnittenen Wörtern, verschieden groß, verschieden farbig, ergänzt um kleine Bilder. Beim ersten Blick mag man an einen Erpresserbrief  aus der Vor-Computer-Ära denken. Mit dem zweiten Blick begibt man sich in poetische Abenteuer. Das ist die spielerische Seite der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, deren Romane radikale Erfahrungen in deutlichen Sprachbildern nachzeichnen. Die Schriftstellerin, in Schwarz gekleidet wie immer, versorgt mit Wasser und einem Aschenbecher, gibt auf dem Balkon des Literaturhauses zu verstehen, dass sie genug Zeit für ein Gespräch hat.

Frau Müller, wie viele Zeitungen und Zeitschriften haben Sie abonniert?

Nicht so viele. Warum?

In Ihrem neuen Buch reihen Sie Wortschnipsel zu poetischen Texten aneinander, zu Collagen. Die unterschiedlichen Typografien lassen vermuten, dass Sie dabei aus etlichen Zeitschriften schöpfen.

Ach, die meisten bekomme ich umsonst. Es gibt ja unzählige Werbeblätter. Gut sind Kleiderkataloge mit Begriffen zu Kleidungsstücken. Und im Baumarkt gibt es besonders  dicke Kataloge, da sind unglaublich viele Wörter drin und schöne Farben. Außerdem wissen die Leute in meinem Haus, dass sie ihre alten Zeitschriften nicht in die Papiertonne werfen müssen, sie legen sie bei mir vor der Tür ab.

Wie sind Sie auf diese Form der Collage-Gedichte  gekommen?

Angefangen hatte ich, als ich unterwegs war und mir die Ansichtskarten nicht gefielen. Also habe ich ein paar Wörter auf eine Karteikarte geklebt. Damals konnte man noch eine Schere mit ins Flugzeug nehmen. Wenn mir heute während eines Fluges in einer Zeitschrift ein Wort auffällt, reiße ich es heraus und stecke es ins Portemonnaie. Wenn ich im Zug unterwegs bin, habe ich oft Schere und Uhustift dabei. 

Lesen Sie anders, wenn Sie an solchen Collage-Texten arbeiten?

Ja, ich bin sehr auf Wörter fixiert. Ich kann nichts mehr lesen, ohne das Gefühl zu haben, dieses Wort brauche ich. Doch sehen Sie, die Wörter selbst sind ja gewöhnlich. Das Ungewöhnliche ist ja nur, wie ich sie zusammensetze. Was daraus entsteht, macht den Spaß bei dieser Arbeit aus, dieses Überraschende. Und die Reime, die mag ich so, weil sie wie ein Motor den Takt angeben. Dann wird der Text ganz woanders hin katapultiert.

So bekommt auch das Absurde oft einen Sinn. Was harmlos beginnt, wird politisch, dann wieder albern, etwa wenn „der Mann vom Geheimamt“ dem „Element Frank“ folgt, der  „mit dem rothaarigen Hund Else“ unterwegs ist.

Ich kann bei diesen Collagen nur auf diese spielerische Art politisch werden. Die Themen sind bei mir ja immer dieselben. Aber in den Collagen verarbeite ich sie auf eine andere Art – eben durch das Aneinanderkleben bereits vorhandener Wörter.

Manchmal entstehen so poetische Verrücktheiten wie „Es gibt Tage schwer wie Erde leer wie Wasser manche Leute saufen sich den Kapitän schön“. Verschafft Ihnen das eine Art Auszeit von den Romanen?

Ja. Dabei kann ich mich von den Gewichten lösen, die mich in der Prosa und den Essays beschäftigen. In diesen Collagen kann ich die Schwere durchkreuzen, das gibt eine Leichtigkeit. Weil ich wenig Platz habe, muss ich stutzen, mit noch weniger Wörtern das sagen, was ich will. Das ist eine Schule des Sparsamen. Ich vibriere immer innerlich, weil es so viele Dinge gibt, auf die es ankommt, die Wörter, die Farben, der Platz. Das Optische macht das Ganze so verrückt. Ich bin ja ein lustiger Mensch. Das kann ich in meinen anderen Büchern nicht ausleben, weil es dort nicht passt. Wenn ich über die Diktatur schreibe, vergeht mir das Lustige.

Haben Sie Lieblingswörter, bei denen Sie sich erinnern, woher sie kommen? Kugelpupillen zum Beispiel oder Möbelfüße?

Das stammt  bestimmt aus einem Katalog. Alles, was mit Gegenständen zu tun hat, bietet auch schöne Wörter. Die Werbung macht ja nicht nur Sprache kaputt, sie entwickelt ja auch Sprache. Lieblingswörter habe ich nicht. Es gibt Wörter, die habe ich öfter nicht ausgeschnitten, weil ich dachte, ich brauche sie nie, dann fehlen sie mir. So ging es mir mit dem Herrscher. Ich dachte lange, mir reicht der König.

Da ist König zu harmlos?

Ja, ich fand das Wort schön, es kommt ja auch in den Märchen vor, aber es ist mir heute zu weich. Weil sich vielleicht auch meine Position geändert zur Diktatur.

Frau Müller, in Ihrer Tischrede nach der Verleihung des Literatur-Nobelpreises am 10. Dezember 2009 sprachen Sie davon, dass der „Nobelpreis hilft, die geplante Zerstörung von Menschen durch Repression im Gedächtnis deren zu behalten, die sie erlebt haben – und sie denen ins Gedächtnis zu rufen, die sie Gott sei Dank nicht erleben mussten“.  Sehen Sie den Preis also nicht in erster Linie als Würdigung Ihrer literarischen Arbeit, sondern als Ansporn, politisch zu wirken?

Es ist ein literarischer Preis, aber das Thema meiner Bücher ist hauptsächlich die Diktatur und was sie mit den Menschen anstellt.  Daher habe ich den Eindruck, dass durch den Nobelpreis auch  dieses Thema – die Diktatur und was sie den Menschen antut – an Aufmerksamkeit gewinnt. Dieses Thema wäre mir  auch wichtig, wenn ich nicht schreiben würde. Einfach, weil ich erlebt habe, was mit Menschen passieren kann in totalitären Gesellschaften.

Sie haben Ihre Stimme gegen jedwede Form von Unterdrückung erhoben, praktisch seit Sie 1987  nach Deutschland kamen.

Als ich damals zunächst nach Nürnberg kam, war Ceausescu noch an der Macht. Ich hätte es in Rumänien nicht mehr lange ausgehalten, ich wäre kaputtgegangen. Ich habe das Lachen vom Weinen nicht mehr unterscheiden können. Ich habe gewusst, wenn sie mich jetzt nicht gehen lassen, lande ich in der Psychiatrie. Und die Psychiatrie war ein Appendix des Geheimdienstes. Als ich hier in Deutschland ankam, dachte ich, es den Freunden in Rumänien schuldig zu sein, darüber zu schreiben – jenen, die man umgebracht hat, und jenen, die noch immer im Land waren. Es war das Mindeste, was ich machen musste.

Als das Rumänische Kulturinstitut in Berlin zwei Historiker einlud, die einst im Dienste der Securitate standen, lösten Sie mit Ihrer Kritik eine öffentliche Debatte aus. Sie engagieren sich immer wieder für chinesische Dissidenten. Ist diese Rolle der kritischen Stimme, der moralischen Instanz, nicht auch oft eine Bürde?

Aber diese Missstände zu kritisieren - das gehört zu meiner Biographie dazu. Ich riskiere doch überhaupt nichts, wenn ich das mache. Es wäre  unnatürlich, wenn ich es nicht machen würde. Es gehört zu meinem Empfinden, meinem alltäglichen Denken, wenn ich mich darüber empöre, dass der chinesische Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo  elf Jahre im Gefängnis  sitzen muss, oder wenn ich mit dem verfolgten chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu spreche oder seine Bücher lese.

Trotz Ihrer Kritik an Menschrechtsverletzungen in China, sind Sie dort nicht persona non grata. Stimmt es, dass ein chinesischer Verlag eine zehnbändige Werkausgabe von Ihnen herausgegeben hat?

Ja, aber sie haben alles auf einmal veröffentlicht – also in kurzer Zeit und von verschiedenen Übersetzern. Was da von meiner Sprache übrig bleibt, weiß ich nicht.

Waren Sie je in China?

Nein.

Deutsche Kolleginnen wie Juli Zeh haben China bereist und sich danach weniger kritisch gegenüber der dortigen Zensur geäußert als Sie. Würden Sie eine Einladung des Goethe-Instituts annehmen?

Ich habe schon einige Einladungen abgelehnt. Ich möchte in China nicht mit Autoren reden, die von Staats wegen im Goethe-Institut zirkulieren. Und die, die ich gerne sehen würde, könnte ich nicht sehen, weil man sie wahrscheinlich daran hindern würde, oder weil sie sogar im Gefängnis sitzen.

Bei einem Podiumsgespräch zwischen Ihnen und Ai Wei Wei vor drei Jahren in Köln schwärmte er von der mobilisierenden Kraft des Internets. Sie waren damals eher skeptisch, weil am Ende doch nur jeder alleine vor seinem PC hocke. Haben Sie nach Bewegungen wie dem Arabischen Frühling oder Occupy Ihre Meinung dazu geändert?

Ich weiß es nicht. Sicher, durch das Internet hat man enorme Möglichkeiten, ein restriktives Regime zu umgehen. Andererseits kommen die Geheimdienste im Internet allem und jedem auf die Schliche, wenn sie nur lange genug tüfteln. Man kann das in Russland beobachten, wo Blogger in kürzester Zeit geschnappt wurden. So war es ja auch bei Ai Wei Wei.  Er hat gedacht, er sei zu bekannt, als dass man sich das mit ihm erlauben würde. Und jetzt steht  er unter ständiger Beobachtung, kann gar nichts mehr machen. Er sagt natürlich, er nehme das locker. Das ist vielleicht Selbstironie. Man geht aber kaputt daran.

Noch einmal zurück zu Rumänien: Sie haben in letzter Zeit mehrfach den neuen Ministerpräsidenten Victor Ponta kritisiert, dem Sie einen Rückfall in alte diktatorische Strukturen vorwerfen. In einem Interview hat Ponta ausdrücklich gesagt, Sie müssten sich keine Sorgen machen. Reicht Ihnen das?

Nein, das macht mir Angst. Rumänien rudert unter Ponta gerade zurück in die Diktatur. Er und seine Leute waren noch Kinder, als Ceaucescu gestürzt wurde. Und jetzt unterhöhlen sie alle Fundamente des Rechtsstaates. Das sind Kleptokraten, die ihren Besitz schützen wollen. Dass die Investoren wegbleiben, die rumänische Währung abstürzt, ist ihnen alles egal. Diese Entwicklung ist das Ergebnis von alldem, was in Rumänien bisher nicht passiert ist. Man hat nie über die Verbrechen im Sozialismus  gesprochen. Und jetzt schauen wir tatenlos zu.

Die EU-Kommission schaut den Entwicklungen in Rumänien nicht tatenlos zu. Sie wirft Ponta vor, die Demokratie zu untergraben, fordert ihn auf, strittige Entscheidungen zurückzunehmen.

Sicher, aber was kann die EU groß machen? Ponta hat jetzt schon Fakten geschaffen. Er hat durch eine Vielzahl von Notverordnungen  wichtige Institutionen auf seine Linie gebracht. Zum Beispiel hat er den Direktor der Behörde zur Aufarbeitung der Securitate Akten ausgewechselt. An bestimmte Akten wird man nun nicht mehr herankommen und womöglich verschwinden sie ganz. Dann hat er das Rumänische Kulturinstitut - das Pendant zum Goethe-Institut -unter seine Fuchtel gestellt, um jetzt mehr nationale Kultur zu präsentieren. Dahinter verbirgt sich ein Nationalismus wie bei Orban in Ungarn. Es ist erschreckend, wie sich wieder eine geschlossene Region mit solchen Staaten bildet, die sich von der Demokratie abwenden. In Russland wissen wir, was los ist, zurück zur Diktatur. Dann haben wir vergleichbare Entwicklungen in der Ukraine, Weißrussland sowieso, Ungarn, Serbien und Rumänien. Das ist wie ein Konglomerat, das macht mir wirklich Angst.

Würden Sie sich auf ein direktes Streitgespräch mit Victor Ponta einlassen?

Nein, dieser Mann ist mir unheimlich. Mir wird es kalt, wenn ich ihn sehe. Er ist so frech. Er behauptet, er sei es gewesen, der das Land in die EU gebracht habe und er würde sich wünschen, einmal beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag korrupte Politiker ins Gefängnis zu bringen. Ist das nicht unglaublich? Es ist diese kindliche Schamlosigkeit, die mir wirklich Angst macht.

Wie erklären Sie es sich, dass neben Rumänien viele der ehemaligen Ostblockstaaten nun reihenweise in alte totalitäre Strukturen zurückfallen?

20 Jahre sind eine kurze Zeit für Länder, in denen nach dem Ende der Regimes nie irgendetwas analysiert oder zugegeben wurde. Das Archiv der Behörde zur Aufarbeitung der Securitate-Akten spielt in Rumänien keine vergleichbare Rolle wie die Gauck-Behörde im wiedervereinten Deutschland.  Die meisten Rumänen wollen davon nichts wissen, einschließlich der Intellektuellen. Warum wühlst du in der Scheiße?, werde ich dort gefragt.  Ein Großteil der Pfarrer in Rumänien haben für die Securitate gearbeitet – nicht als IMs, sie waren Geheimdienstleute in der Kutte. Die Rumänen haben auch ihre Verbindung zu dem NS-Regime nie zugegeben. Bei den Ungarn war es genauso. Rückblickend gab es in vielen dieser Länder weder Faschisten noch Kommunisten. Leute wie Ponta sind ja keine Sozialdemokraten, auch wenn sie sich so nennen. Das ist ja ein Witz. Die Kommunisten hatten sich in Rumänien auf wundersame Weise in Luft aufgelöst und dann gab es nur noch Sozialdemokraten. Als ob man sich andere Socken anzieht.

Im Vergleich dazu hat es im Osten Deutschlands ja recht gut geklappt mit der Aufarbeitung der Diktatur.

Es gab ja auch eine Wiedervereinigung mit einer westlichen Hälfte, mit einer jahrzehntealten Demokratie. Dort war man schon gewöhnt daran, sich mit den Verbrechen der jüngeren Geschichte, der Nazizeit, auseinanderzusetzen. Dieses Glück hatten die anderen östlichen Länder nicht. Es gibt kein Westrumänien, kein Westungarn, keine Westukraine.  Die sind sich selbst überlassen.

Sie haben in dem 1992 in der FR erschienen Essay „Schmeckt das Rattengift“  einmal geschrieben, dass Sie sich den Menschen aus der ehemaligen DDR im wiedervereinten Deutschland näher fühlten als den „Westdeutschen“, weil sie Deutsche durch ihre Sprache gewesen wären, aber Ausländer in allen anderen Hinsichten der Biographie und Sozialisation. Hat sich daran heute, 20 Jahre später, etwas verändert?

Ich wollte damit nicht sagen, dass ich mich den Menschen aus der ehemaligen DDR inhaltlich näher fühlte. In Ostdeutschland haben die Leute nach der Wiedervereinigung oft völlig ausgeblendet, dass sie durch ihre Sozialisation mit den osteuropäischen Staaten mehr gemeinsam hatten als mit Westdeutschland. Das hat mich immer ein bisschen gestört.

Wie meinen Sie das?

Ich empfand das als eine Überanpassung an den Westen.    Viele Menschen aus der früheren DDR hielten sich auf einmal für etwas Besseres. Und das hat Menschen aus anderen osteuropäischen Ländern verletzt. Auch mich hat das geärgert. Das fiel mir oft bei meinen Lesungen im Osten Deutschlands auf, wenn ich aus dem Publikum nach Rumänien gefragt wurde. Das klang dann für mich immer so, als hätten sie nie etwas zu tun gehabt mit dem Kommunismus und der Diktatur. Ich wurde an solchen Abenden so nach dem Motto aufgenommen: „Ha, jetzt kommt so eine aus dem Osten.“ Das hat mich gestört. Ich habe das manchmal auch offen angesprochen: „Sie wissen doch selbst, wie das war, in einem Unrechtsstaat zu leben. Sie können doch nicht so tun, als käme ich aus einem ganz anderen Leben.“

Hat sich daran was geändert?

Natürlich verändert sich vieles, wenn so viele Jahre vergehen. Was hier in Deutschland daran liegt, dass junge Leute nachgerückt sind, die nicht diese Erfahrungen haben. Das ist heute eine andere Zeit. Es geht auch nur so. 

Als Sie 1987 im damaligen Westdeutschland ankamen, wurden Sie dort auch nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen. Hat es Sie verletzt, dass der Bundesnachrichtendienst ausgerechnet Sie für eine Spionin hielt?

Ja. Heute weiß ich, dass die Landsmannschaft der Banater Schwaben von der Securitate unterwandert war. Ihr Hass auf mich und die Aufträge der Securitate haben gut zusammengepasst.  Als ich im Übergangsheim Langwasser in Nürnberg saß, hat man mich   mehrere Tage verhört. Das war für mich schrecklich.  Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft dann lange nicht bekommen,  anderthalb Jahre nicht. Bei meiner Mutter dagegen ging es ganz schnell, sie  hat sich auf die Familienzusammenführung berufen. Ich wollte mich als erwachsener Mensch aber nicht auf meinen in Deutschland lebenden Onkel berufen. Ich bin ja in Rumänien politisch verfolgt worden. Aber dann sagte man mir, ich müsse mich entscheiden, ob ich Deutsche sein wolle oder  politische Verfolgte, beides zusammen ginge nicht.  Dafür hätten sie kein Formular. Ich habe ich mich für politisch Verfolgte entschieden, weil das der Grund meiner Ausreise war. Dass ich  so lange auf meine Staatsbürgerschaft warten musste, hatte damit zu tun, dass die Behörden mich für eine Agentin hielten, weil sie nicht mir glaubten, sondern den Denunziationen der Landsmannschaft.  Das war für mich ganz schlimm,  weil ich zeitgleich Todesdrohungen vom rumänischen Geheimdienst bekam. Es wäre für mich damals sehr wichtig gewesen, wenn man mir die deutsche Staatsbürgerschaft schnell zuerkannt hätte.

Während der BND nach Belegen dafür suchte, ob Sie eine Spionin wären, bot Ihnen der Verfassungsschutz zeitgleich Polizeischutz an, weil Sie von der Securitate bedroht wurde. Hat dieses Paradoxon damals niemanden in den Behörden stutzig werden lassen?

Nein. Ich habe den Behörden mehrmals gesagt, sie müssten sich mal entscheiden, ob sie in mir eine Spionin oder Verfolgte sähen. Beides zusammen  war irrational. Wenn ich damals irgendwo anders hätte hingehen können, hätte ich sofort meinen Koffer genommen. Aber wohin sollte ich gehen? Es wollte mich ja keiner haben.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie dann 2010, ein Jahr nachdem Sie den Nobelpreis erhalten hatten, mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet wurden?

Darüber hatte ich mich gefreut. Das habe ich damals auch gesagt. Ich empfand das als Wiedergutmachung,  eine späte zwar, aber damit wurde das einigermaßen wieder ins Lot gebracht, was damals passiert ist. Sie mussten eingestehen, dass ich in diesem Land vielleicht doch etwas wert bin.

Nach dem Nobelpreis waren Sie von Gesamtdeutschland als nationale Ikone selbst von  Boulevardmedien hofiert worden. Hat Sie das befremdet?

Das hatte mit dem Preis zu tun, nicht mit mir. Um den Nobelpreis wird eben immer so ein Tamtam gemacht. Aber der Nobelpreis ist etwas außerhalb von mir. Ich habe vorher auch andere Preise bekommen, da habe ich mir auch nie eingebildet: Ich bin Kleist oder ich bin Kafka. Ich fühle mich davon gar nicht belastet. Ich bin dieselbe Person, die ich vorher war. Ich habe damals unglaublich viele Zeitungsartikel über mich aus den unterschiedlichsten Ländern zugeschickt bekommen.

Ist das ein Fundus, aus dem Sie neue Wörter für zukünftige Collagen herausschneiden können?

Nein, wo denken Sie hin. Das ist mein Archiv. Ich habe das alles in einer großen Kiste verstaut, die bei mir Keller steht.

Interview: Cornelia Geißler und Martin Scholz

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