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Herfried Münkler Angriff aus dem Nichts

Studierende kritisieren anonym den Politologen Herfried Münkler. Im Blog Münkler-Watch werfen sie ihm „Rassismus, Sexismus und Militarismus“ vor.

Berliner Humboldt-Universität mit Wilhelm-Statue. Foto: epd

Herfried Münkler hat das Vorgehen seiner Kritiker schon früh als „asymmetrische Kriegsführung“ bezeichnet. Damit reagierte der Wissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität (HU) auf das sogenannte Watchblog einiger Studenten, auf dem sie sich seit Beginn des laufenden Sommersemesters anonym mit seinen Vorlesungen zur „Politischen Theorie und Ideengeschichte“ auseinandersetzen.

Ein Phänomen, das sich zu häufen scheint, denn in letzter Zeit werden immer wieder profilierte Denker für ihre Thesen angegriffen. Doch zu einem offenen Dialog über die Punkte, die sie kritisieren, sind die Studierenden nicht bereit. So kommt die harsche Kritik aus dem anonymen Netz, und der Angegriffene, darunter auch Münkler, kann nicht mehr tun, als sich in der Öffentlichkeit gegenüber der Kritik der Blogger zu verteidigen.

In Münklers Fall sind es die Haltung eines Politikprofessors und die Inhalte seiner Lehrveranstaltung, die missfallen. Münkler, einer der renommiertesten Politologen des Landes, hat sich im vergangenen Jahr insbesondere mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt. Die Blogger werfen ihm „Rassismus, Sexismus und Militarismus“ vor. Er denke eurozentristisch, da er keine Theoretiker des Postkolonialismus behandle, und er äußere sich abfällig über Frauen und in Gleichstellungsfragen.

In der Tat ist Münkler ein streitbarer Wissenschaftler der HU, der sich beispielsweise der Aussage des Bundespräsidenten Joachim Gauck anschloss, Deutschland müsse sich wieder stärker militärisch engagieren. Doch ganz sicher ist er weder Rassist, Sexist noch Militarist.

In der öffentlich geführten Auseinandersetzung, die bereits in einigen Zeitungsartikeln stattgefunden hat, werden derweil die Argumente der Blogger, die von sich selbst sagen, dass es sich bei ihnen um „zwei Handvoll Zweitsemester“ handele, widerlegt. Es wird deutlich, dass die Erläuterungen auf „Münkler-Watch“, wie der Blog heißt, nicht haltbar sind. So widerspricht ein Autor auf „Zeit Online“ der Unterstellung der Blogger, Münkler sei ein proto-faschistischer „Extremist der Mitte“, weil er in seiner Vorlesung den Staatsrechtler Carl Schmitt behandle. Unbestritten sei, dass sich Schmitt den Nazis als „Kronjurist“ angedient habe, erinnert „Zeit Online“ zurecht. Andererseits werde Schmitt mit seinem 1932 veröffentlichten Essay „Der Begriff des Politischen“ auch in der linken Theorie stark rezipiert. Das gelte ebenfalls für Münkler.

Genauso heftig wie über die inhaltlichen Vorwürfe gegenüber Münkler wird darüber diskutiert, ob die Art und Weise, wie aus der Anonymität heraus gegen ihn vorgegangen wird, haltbar ist. Nachdem der Politikwissenschaftler die Studierenden kurz nach Bekanntwerden des Blogs zu Beginn des Sommersemesters als „erbärmliche Feiglinge“ bezeichnete, hat sich die Form der Auseinandersetzung zugespitzt. Die Sache ist insofern brisant, als es nicht der einzige Fall ist, in dem sich schwerwiegende Kritik gegenüber gestandenen Wissenschaftlern anonym aus dem Netz verbreitet. Ein weiterer bekannter HU-Wissenschaftler ist der Historiker Jörg Baberowski, dem Trotzkisten vorwarfen, Hitlers Verbrechen zu relativieren. Baberowski hatte im „Spiegel“ erklärt, Hitler sei kein Psychopath gewesen.

Zunächst ging man davon aus, dass es sich bei den Betreibern von „Münkler-Watch“ um eben jene Trotzkisten gehandelt hätte. Doch die Blogger, die sich gegenüber den Medien mit „Caro Meyer“ zu erkennen geben, beteuern im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau, dass sie keine Trotzkisten seien, sondern eben jene Zweitsemester. Münkler, der sich in der Zwischenzeit in der „Zeit“ äußerte, hält sich mittlerweile mit öffentlichen Aussagen zurück.

Das Blog sei „eine eher schlechte und uninspirierte Darstellung“, so Münkler zur FR. Zudem äußert er eine neue Vermutung, wer hinter „Münkler-Watch“ stehen könnte. Es handele sich dabei unter anderem „um eine Philosophiestudentin und eine an der HU nicht als Student eingeschriebenen Person“, sagt der Politologe dieser Zeitung. Während Münkler Unterstützung von Seiten der Universitätsleitung und anderer Wissenschaftler wie dem Mannheimer Medienexperten Jürgen Hörisch („Die anonyme Kritik ist nicht nur ein Zeichen von Feigheit, sondern auch sittlich in jeder Art und Weise verwerflich“) bekommt, formiert sich mittlerweile auch in der linken Szene Widerstand gegen die Kritik an dem Blog.

Die Betreiber der Seite hatten von sich selbst gesagt, sie sprächen aus der Anonymität, weil sie Nachteile für ihre Arbeit an der Hochschule und später auf dem Arbeitsmarkt befürchteten. Die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE), eine Organisation, die für den Kampf gegen den Kapitalismus mobilisieren will, hat kürzlich eine Resolution zur Verteidigung von „Münkler-Watch“ ins Studierendenparlament der HU eingebracht.

Die Blogger und ihre Unterstützer unterstellen Münkler mit der Forderung, in die Öffentlichkeit zu treten, Zensur, da er ihnen somit die (anonyme) Meinungsäußerung verweigere. Dies ist die Begründung, warum sie weitermachen wollen. „Nur weil man Kritik wahrnimmt, heißt das nicht, dass man sie sich auch zu Herzen nimmt“, sagt einer der Caro Meyers der FR.

Ein Ende von „Münkler-Watch“ ist deshalb nicht in Sicht. Sie kündigen an, auf jeden Fall bis Ende des Sommersemesters weitermachen. Dass es hier keineswegs um Zensur geht, sondern darum, der kritisierten Person im Dialog die Möglichkeit der ebenbürtigen Auseinandersetzung zu geben, das scheint den Bloggern immer noch nicht aufgegangen zu sein.

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