Lade Inhalte...

Henry David Thoreau Ein gedankenreicher und origineller Mensch

Zum 200. Geburtstag des amerikanischen Philosophen und Naturbewunderers Henry David Thoreau.

Henry David Thoreau
Der amerikanischer Schriftsteller Henry David Thoreau (1817 – 1862). Foto: epd

Mit dem Ruhm ist das so eine Sache. Macht er sich rar, bleibt die Hoffnung auf den Nachruhm, der sich jedoch, wie man aus Verstorbenenkreisen weiß, zugeknöpft zeigt. Der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau, geboren am 12. Juli 1817 in Concord (Massachusetts), hatte damit keine Probleme; der Nachruhm kam geradezu verschwenderisch über ihn. Abzusehen war das nicht, denn Thoreau, einer der führenden Köpfe der Bewegung des amerikanischen Transzendentalismus, die sich vom deutschen Idealismus, englischer Romantik, aber auch von der Antike inspirieren ließ, stand sich oft selbst im Weg.

Seine Manieren waren, vorsichtig gesagt, nicht die besten; schon die Begrüßung durch andere empfand er als Belästigung, und wer ihm die Hand gab, hatte das Gefühl, nach einem „Ast zu greifen“, wie Thoreaus Mentor, der Philosoph Ralph Waldo Emerson, notierte. Dazu passte sein Äußeres, das der Dichter Nathaniel Hawthorne so beschrieb: „Er ist sündenhässlich, mit einer langen Nase und einem schiefen Mund, mit ungeschliffenen, etwas bäurischen Umgangsformen.“ Thoreau verstand es dennoch, für sich einzunehmen. Hawthornes Fazit: „ein gedankenreicher und origineller Mensch, mit einer gewissen kompromisslosen Starrheit im Charakter, die an einen eisernen Schürhaken erinnert ... .“

Thoreau versuchte sich zunächst als Lehrer, bekam jedoch Schwierigkeiten mit der Schulleitung, da er sich weigerte, an seinen Schülern „die unerlässliche körperliche Züchtigung auszuüben“, die damals noch zu den pädagogischen Grundüberzeugungen gehörte. Danach gab er kurze Gastspiele in verschiedenen Berufen, aber nur, um über die Runden zu kommen.

Am besten erging es ihm noch bei Emerson, dem Cheftheoretiker der Transzendentalisten, der Thoreau als eine Art Hausmeister in Dienst nahm und ihm schließlich das entscheidende Existenzmanöver ermöglichte. Im Juli 1845 bezog Thoreau eine Hütte am Walden-See, wo er zwei Jahre lang lebte, vordergründig auf sich allein gestellt, aber doch mit genügend Kontakten ausgestattet, um nicht ganz zu verwildern. Der nächste Nachbar wohnte eine halbe Stunde entfernt, das Städtchen Concord konnte man bequem zu Fuß erreichen, ebenso die Eisenbahn. Es war kein Abschied von der bewohnten Welt, den Thoreau probte, sondern ein Selbstfindungsexperiment unter Anleitung der Natur. Das Buch, das er darüber schrieb, heißt „Walden. Oder das Leben in den Wäldern“ und wurde nach dem Tod des Autors zur Programmschrift für Naturfreaks und Aussteigewillige. Warum dem so war, hätte sich Thoreau nicht auf Anhieb erschlossen: Es ging ihm um eine Rückbesinnung; grüne Leitlinien wollte er aus seinem Aufenthalt in Walden, den er nach zwei Jahren kurzerhand für beendet erklärte, nicht entwickeln.

Die Natur, wie Thoreau sie sieht, verdient strikte Bewunderung: Sie „ist immerwährend schöpferisch und erfindet wie ein Handwerker in seiner Werkstatt neue Muster. Wenn die überhängende Fichte am Ufer durch die Kräfte der Sonne und des Windes, die an ihr zehren, ins Wasser stürzt, werden ihre Zweige weiß und glatt und nehmen phantastische Formen an.“

Naturwissenschaftler fühlen sich davon nicht angesprochen, weiß er: „Bücher über die Naturwissenschaften sind im allgemeinen von irgendeinem Kanzlisten in Eile zusammengestoppelte Listen oder Bestandsaufnahmen von Gottes Eigentum.“

Thoreau gab sich zudem als Freund der Indianer zu erkennen; auch das nahmen die Leser, die „Walden“ für sich entdeckten, wohlwollend zur Kenntnis. Der weiße Mann hatte den Verdrängungskampf gegen die Ureinwohner gewonnen, was ihn reich machte, seine Weltsicht aber unvorteilhaft begradigte. „Der weiße Mann kommt bleich wie der Morgen mit seiner Gedankenlast, mit seiner wie im zusammengescharrten Feuer schlummernden Intelligenz, er weiß genau, was er weiß, er rät nicht, sondern berechnet, stark in der Gemeinschaft und der Obrigkeit gehorchend ... .“ Der Blick auf das Wesentliche aber ist ihm verstellt: „Er kann den ganzen wogenden Wald fällen, aber er kann mit dem Geist des Baumes, den er fällt, nicht Zwiesprache halten; er kann die Dichtung und die Mythologie nicht lesen, die sich in dem Maße zurückziehen, in dem er sich vorwärtsbewegt.“

Das zweite Buch, das zu Thoreaus Nachruhm beitrug, ist „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ und war noch folgenreicher als „Walden“, da es ein nicht verhandelbares Misstrauensvotum gegen die Politik aussprach. Der Anlass für diese Streitschrift mutet eher belanglos an: Thoreau weigerte sich, eine Steuer für den Staat Massachusetts zu zahlen, der ihn daraufhin ins Gefängnis steckte. Dort blieb er nur eine Nacht, weil seine Schuld von einer auf Diskretion bedachten Gönnerin bezahlt wurde. Thoreau aber wollte sich von seiner Empörung nichts mehr abhandeln lassen und schwang sich zu einer These auf, die eingängig war, aber Schwierigkeiten aufwies, dem Realitätsprinzip gerecht zu werden: „Wenn ein Mensch frei ist in seinen Gedanken, frei in seiner Phantasie und seiner Vorstellung, also in den Dingen, die nie für lange Zeit leblos bei ihm bleiben, dann können unkluge Herrscher oder Reformapostel ihm nie gefährlich in die Quere kommen.“

Überhaupt war die Politik Thoreaus Sache nicht, er fand sie neuzeitlich überschätzt: „Politik ist zwar eine lebenswichtige Funktion der menschlichen Gesellschaft, sollte aber wie die entsprechenden Funktionen des menschlichen Körpers unbewusst betrieben werden.“ Sie sei „eine Art vegetativen Lebens. Manchmal erwache ich zu einem halben Bewusstsein, dass sie sich um mich herum abspielt, wie jemand des Verdauungsprozesses gewahr wird, wenn er krank ist“.

Thoreaus Aufruf zum zivilen Ungehorsam, zu dem sich u.a. Mahatma Gandhi, Martin Luther King und auch Bill Clinton bekannten, der 1998, nicht ohne Pomp, ein Thoreau-Institut in Concord eröffnete, ist von zeitloser Modernität; das Individuum, dem seine Sorge gilt, wird gerade heute von anonymen, freiheitsähnlichen Zwängen umgarnt und scheint gefährdeter denn je.

Henry David Thoreau starb am 6. Mai 1862 an Tuberkulose, was ein damaliger Nachrufschreiber seltsam fand. „Eine Ironie des Schicksals“, schrieb er, „dass der Mann, der ein naturgemäßes Leben führte, an Schwindsucht, der Geißel des zivilisierten Lebens, starb.“ Von Thoreau kann man auch heute noch lernen: die Kunst begründeter Selbstfindung etwa, die bescheiden bleibt, weil sie sich in einem Höheren aufgehoben weiß. Bei einem Zeitgenossen Thoreaus, dem dänischen Philosophen Kierkegaard, ist das Gott. Thoreau denkt eher an die Natur, von der wir aber noch immer vermuten dürfen, dass sie von Gott womöglich gar nicht so arg weit entfernt ist.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum