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Helmut Schmidt Nationalsozialismus Schön, dass wir über ihn gesprochen haben

Plötzlich wird wieder über Helmut Schmidt gesprochen, aber es handelt sich um olle Kamellen.

Helmut Schmidt. Foto: dpa

Wussten Sie das schon: Helmut Schmidt war ein Nazi, ein fieser Ehebrecher und während seiner Amtszeit als Bundeskanzler häufig bewusstlos! Tja. Und das soll einer der beliebtesten deutschen Politiker aller Zeiten sein, wie noch jede Umfrage zur Popularität ergibt?

In einer merkwürdigen Zufälligkeit haben sich diese drei Informationen am Wochenende um den großen alten Sozialdemokraten geballt, der in drei Wochen 96 Jahre alt wird. Und weil er noch immer so viele Menschen fasziniert, drängen sie auf manche Titelseite. Was aber ist dran an diesen Nachrichten, und sind sie überhaupt welche?

Ihnen ist vor allem eines gemein: Sie sind nicht so neu, wie sie nun aufgetischt werden. Der junge Helmut Schmidt sei zeitweise von Nazi-Ideologie kontaminiert gewesen, hat die Historikerin Sabine Pamperrien nach Recherchen für ihr Buch „Helmut Schmidt und der Scheißkrieg“ festgestellt. Ist das überraschend? Schmidt würde dem Befund jedenfalls kaum widersprechen.

Er berichtete doch selbst

Als Wehrmachtsoffizier des Jahrgangs 1918, aus dem nach dem Krieg einer der einflussreichsten deutschen Politiker wurde, hat er sich selbstverständlich mit seiner Vergangenheit während der Nazizeit beschäftigt, beschäftigen müssen. In verschiedenen Schriften berichtete er selber über seine Faszination für die Hitlerei, allein der Zeitpunkt, an dem er das verbrecherische Wesen der Naziherrschaft erkannt habe, differiert darin.

1945, also noch in fast greifbarer zeitlicher Nähe, notierte er, zur endgültigen Abkehr von der Idee und Praxis des Nationalsozialismus sei er 1942 gekommen. In anderen Schriften hat er frühere Zeitpunkte genannt. Das war immerhin Jahre früher als bei den meisten Deutschen, bemerkt der „Spiegel“ dazu treffend.

In längst vergessenen Kontroversen innerhalb der SPD ist Schmidts Vergangenheit immer mal thematisiert worden, am infamsten wohl von Oskar Lafontaine, der 1982 zu Schmidts Appell für Pflichtgefühl und Berechenbarkeit bemerkte: „Das sind Sekundärtugenden (…) Damit kann man auch ein KZ betreiben.“

Eine „abgelegte Geliebte“

Der erklärte Schmidt-Gegner und Brandt-Freund Klaus Harpprecht berichtet indes in seinen jetzt erschienenen Lebenserinnerungen, Schmidt habe in Hamburg jahrelang eine Geliebte gehabt und diese erst „abgelegt“, als er Kanzler wurde. Ist das eine kleine Sensation? Nein, darüber konnte man schon etwas aus einem Film Sandra Maischbergers erfahren. Loki Schmidt schnitt eine entsprechende Frage Reinhold Beckmanns mit der beziehungsreichen Bemerkung ab: „Punkt an dieser Stelle.“

Bleibt die Gesundheit. Er sei während seiner Kanzlerzeit wohl annähernd hundertmal bewusstlos geworden, hat Schmidt jetzt auf einer Gesundheitskonferenz berichtet. Das habe ihn aber nicht davon abgehalten, seine politische Pflicht zu tun. Jawohl, so schnitzt auch ein 96-Jähriger noch an seinem Bild als harter Hund. Aber dass er eine labile Gesundheit hatte, war der Welt bekannt, seit ihm 1981 der erste Herzschrittmacher eingesetzt wurde.

Wissen wir jetzt also mehr über Helmut Schmidt? Nein. Aber schön, dass wir mal wieder über ihn gesprochen haben.

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