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Helmut Kohl Vergangenheitsbewältigung der Linken

Es ist bemerkenswert, dass die erfolgreiche Kanzlerschaft Helmut Kohls sich gegen eine mehr oder weniger dominante kulturelle Hegemonie der Linken vollzog. Damit wird die Linke bis heute nicht fertig.

Helmut Kohl
1991: Angela Merkel, damals Frauenministerin, und Helmut Kohl beim Bundesparteitag der CDU in Dresden. Foto: dpa

Blamage, Unverschämtheit, geschmacklos – die Empörung über die Titelseite kam postwendend. Wobei das Wort postwendend seltsam antiquiert anmutet und in diesem Fall völlig falsch ist. Denn die öffentliche Entrüstung über die taz, die am Sonnabend ein üppiges Blumengesteck mit der auf den verstorbenen Alt-Kanzler Helmut Kohl bezogenen Schlagzeile „Blühende Landschaften“ abgebildet hatte, kam via Facebook, Twitter und Co. Die Botschaft der taz war kaum anders als despektierlich zu verstehen und zog folgerichtig die rasche Entschuldigung des Chefredakteurs Georg Löwisch nach sich. Der Versuch einer kritischen Würdigung, die der taz-Redakteurin Bettina Gaus in ihrem Nachruf zweifellos gelungen ist, wurde durch eine fragwürdige Text-Bildgestaltung konterkariert.

Mehr als über die Befindlichkeit an einem Freitagabend in der Berliner Rudi-Dutschke-Straße aber sagt die Titelpanne über das Verhältnis einer kulturellen Linken zu jener Kohl-Ära aus, in der sich ihre politische Sozialisierung vollzog. Der eigentliche Gegner hieß Franz-Josef Strauß. Ihn hatte man versucht, mit allen Mitteln zu bekämpfen. Eine knallgelbe Stoppt-Strauß-Broschüre listete dessen politische Vergehen auf und rückte den bayerischen Ministerpräsidenten, der sich angeschickt hatte, in das Kanzleramt einzuziehen, in die Nähe eines heraufziehenden Faschismus.

Die 1982 beginnende Kanzlerschaft Helmut Kohls war angesichts des stiernackigen Bayern das kleinere Übel. Eines, das mit der festen Überzeugung einherging, dass es von kurzer Dauer sein würde. Der geistig-moralische Wende, die Helmut Kohl vollmundig ausgerufen hatte, begegnete man mit Empörung, aber eben nicht mit politisch überzeugendem Einfallsreichtum. Der von Kohl artikulierte Anspruch auf gesellschaftliche Deutungshoheit war zweifellos anmaßend und wurde von niemand geringerem als Jürgen Habermas vehement zurückgewiesen. Dabei ist rückblickend kaum zu übersehen, dass der Provinzialismus, den man Kohl fast während seiner gesamten Kanzlerschaft unterstellte, eben auch jene kennzeichnete, die ihm herablassend bis feindlich gegenüberstanden.

Aus kulturhistorischer Sicht ist es überaus bemerkenswert, dass die erfolgreiche Kanzlerschaft Helmut Kohls sich gegen eine mehr oder weniger dominante kulturelle Hegemonie der Linken vollzog. Er sei mit Kohl noch nicht fertig, hat der Filmemacher Andres Veiel gerade in einem Interview gesagt. Das gilt für seine Generation insgesamt.

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