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Haus der Völker Richtig zu sehen lernt man erst beim Sammeln

Ein Besuch im Haus der Völker, der Sammlung von Gert Chesi, im österreichischen Schwaz.

23.08.2008 00:08
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Figur der Nok-Kultur, entstanden zwischen 400 und 200 v. Chr. Foto: Haus der völker

Aus Versehen kommt niemand ins Haus der Völker. Wer aber Urlaub in Innsbruck macht oder zum Bergsteigen oder Skifahren ins Karwendelgebirge geht, der sollte einen Abstecher nach Schwaz in Tirol machen, um ein wunderbares Museum zu besuchen. Er wird dort Kunst aus Asien und Afrika sehen.

Zusammengetragen wurden sie von Gert Chesi. Die Sammlung ist noch nicht abgeschlossen. Ihr Begründer begann vor mehr als vierzig Jahren mit einer Helmmaske der Fang, die möglichweise Albert Schweitzer darstellen sollte. In der Zwischenzeit hat Chesi nicht nur afrikanische Kunst aus allen Ecken des Kontinents, sondern auch eine beeindruckende Kollektion buddhistischer Kunst von Afghanistan bis Burma.

Das Schöne an dem Museum ist, dass es die Sammlungen eines einzigen Sammlers beherbergt. Man betrachtet die einzelnen Stücke, man staunt über die Schönheit der Nok-Figuren, die Götterfamilien der Ibo, die Bronzeköpfe aus dem Benin oder den mit Edelsteinen geschmückten Totenschädel, der wohl Damien Hirsts Vorbild war. Nach einer Weile aber glaubt man hinter all diesen Gegenständen ein wenig den zu erkennen, der das alles zusammengetragen hat.

Ihm ist es zu verdanken, dass es in Schwaz eine der größten Sammlungen von Nok-Figuren außerhalb Nigerias gibt. Die hier ausgestellten Figuren stammen aus dem 6. bis 2. vorchristlichen Jahrhundert. Es sind Zeitgenossen von Solon, Perikles und Alexander dem Großen, von Aischylos und Phidias, von Buddha und Lao Tse. Wer die gebrannten Tonfiguren der Nok betrachtet, der wird kuriert vom Irrglauben ans Primitive. Diese Figuren wurden von Menschen geschaffen, die nicht weniger intensiv nachdachten über sich und die Welt als man es in Hellas oder Ägypten tat. Man kennt die Nok-Kultur seit kaum mehr als fünfzig Jahren. Man muss davon ausgehen, dass sie nicht allein war. Afrika hat einmal geblüht. Nicht nur an den Küsten, sondern auch um die großen Seen herum, im Inneren des Landes.

Die Sammlung Chesi öffnet einem dafür die Augen. Keine großen wissenschaftlichen Auslassungen, sondern die mal exzentrische, mal unheimlich vertraute Schönheit der ausgestellten Stücke, macht uns klar, dass Europa nur einer der möglichen Wege in unsere Gegenwart ist.

In Schwaz kann man auch sehen, wie diese Wege heute sich kreuzen. Chesis Leidenschaft galt nicht nur der Vergangenheit. Sie schloss von Anfang an die Gegenwart ein. Sein Museum ist kein Ort nostalgischer Verklärung. Es ist ein Ort heiterer Aufklärung. Man sieht kunstvolle Metall- oder Holzarbeiten, die wirken als würden sie so seit Jahrhunderten gemacht. Geht man näher heran, erkennt man Fahrräder oder weiße Männer mit Hüten. Chesi hat nie einer Reinheit der Kulturen nachgejagt. Ihn interessierte immer auch und gerade die Kunst, die aus der - oft mörderischen - Begegnung der Kulturen entstand.

Neben den Fetischen stehen die Kriegerhelme, die Äxte und Beile, mit denen die Völker einander die Schädel einschlugen. Keine Sekunde lang kommt die Illusion auf, die Schönheit sei von der Grausamkeit, das Erhabene sei vom Gemeinen zu trennen. Schon dass so viele der Stämme, deren Arbeiten wir sehen, längst aufgehört haben zu existieren oder aber seit Jahrhunderten schon nicht mehr in der Lage sind, Vergleichbares zu produzieren, lässt den Betrachter nachdenken über die Vergänglichkeit der Pracht.

Er kann das auch, weil das Museum meist ein leeres Museum ist. Ich war in den drei Stunden, die ich dort war, eineinhalb Stunden allein. Dann kamen zwei Paare. Paradiesisch. Das sind Situationen, in denen auch ein völlig unbegabter Betrachter beginnt, sich wenigstens die Positionierung einer Figurengruppe in einer Vitrine in sein Notizbuch zu skizzieren. Ja, er wird vielleicht auch beginnen, eine der Grabfiguren der Katsina peinlich hilflos abzuzeichnen, um sich klarzuwerden über das, was er sieht.

So schön diese Befreiung des Besuchers in der Ruhe und Abgeschiedenheit des Museums ist, sie kommt doch nur zustande, weil die Ausstellungsstücke von jener Qualität sind, die den Betrachter dazu treibt, sie begreifen zu wollen. Das tut man am besten, indem man nicht gleich anfängt über den Gegenstand zu lesen, sondern in dem man sich die Zeit nimmt, ihn anzusehen, nach und nach und von allen Seiten. Und wenn man alle Nok-Figuren angesehen hat, dann geht man zurück zu den Buddhas und den zu ihren Füßen hockenden hölzernen Gläubigen. Man taucht ein in ein ganz anderes Wasser, und danach kehrt man zurück zu den Noks und sieht sie wieder mit neuen Augen. Man entdeckt in ihrer Ruhe, dass sie doch etwas tun. Wenn sie mit geneigtem Kopf dasitzen, dann sitzen wirkliche Menschen da. Wenn der Buddha dasitzt, sitzt er wie eine byzantinische Madonna in einem bestimmten, einem festgelegten Gestus da. Jede Haltung hat ihren Namen. Sie zitiert eine Stelle aus der Geschichte Buddhas. Sie ist Skulptur gewordene Literatur. Die Noks dagegen sind dem Leben abgelauscht, "nach der Natur" gearbeitet.

Der Besucher der Ausstellung wird nicht das Eine gegen das Andere ausspielen. Er wird die Unterschiede genießen, und er wird einmal, wenn er nicht mehr nur Besucher von Ausstellungen sondern selbst ein Sammler geworden ist, mit Freude, ja mit Lust die Stellen entdecken, da die Natur von der Konvention erstickt und da durch die Konvention hindurch die Natur durchzuschlagen scheint.

Jetzt aber ist er nur gerade soweit gekommen, dass er zu ahnen beginnt, was ein in Liebe geschultes Auge alles zu sehen vermöchte. Er neidet Gert Chesi, dass er den Mut hatte, sich so ganz seiner Leidenschaft zu widmen. Der hatte schließlich mit nichts begonnen. Diese Sammlung wurde nicht von einem reichen Erben zusammengetragen, sondern von einem Besessenen. Das ist ihr anzumerken.

Dazu gehört natürlich, dass Chesi aus den Besuchern Besessene machen möchte. Darum gehört zu seinem Museum ein Museumsshop, in dem es nicht nur Kataloge und Postkarten, sondern natürlich auch afrikanischen Schmuck, Skulpturen, Bilder, Stoffe zu kaufen gibt. Wer einhundert Euro übrig hat, kann eine Tanzmaske kaufen und einer Freundin eine große Freude machen. Noch besser wäre, er kaufte sich etwas und begänne zu sammeln und also zu sehen.

www.hausdervoelker.com

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