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Hass im Netz „Es ist eine Form der Gewalt“

Bei Hass-Kommentaren gegen Frauen geht es auch um die Herrschaftsrolle des Mannes.

Ort des Hasses: Das Internet wird auch als Plattform für Beleidigungen und Hasskommentare aller Art genutzt. Foto: imago

Frau Grimm, inwiefern hat die Digitalisierung die Kommunikation verändert?
Heutzutage sind die meisten von uns „always on“, also ständig im Internet. Das heißt, dass alle einen viel größeren Handlungsspielraum haben: Wir sind nicht mehr nur Medienrezipienten, sondern kommunizieren auch selbst. Das verschafft uns zwar ein Mehr an kommunikativer Freiheit – aber auch ein Mehr an Verantwortung, denn wir konsumieren und produzieren gleichzeitig. Paradox ist jedoch, dass man trotz der Verantwortung einen Verlust an Verantwortungsgefühl beobachten kann.

Womit hängt das zusammen?
Es geht hier um eine indirekte Kommunikation, man begegnet sich im Netz nicht „face-to-face“ und nimmt sich ergo nicht körperlich wahr. Alles, was gemeinhin unter Reziprozität verstanden wird, also das direkt Wechselseitige, geht dadurch verloren; im Extremfall produzieren die Leute anonym. Daher sind die Folgen der Kommunikation nicht mehr spürbar und entsprechend intransparent. Ein Nutzer merkt vielleicht gar nicht, wenn er jemanden verletzt, womit auch nachgewiesen das Problem der fehlenden Empathie verbunden ist. Das heißt, bei indirekter Kommunikation besteht eine Tendenz zur Kurzsichtigkeit oder auch Ignoranz, ganz unabhängig davon, ob man jemanden beleidigen will oder nicht. Im Zusammenhang mit Cyber-Mobbing beispielsweise ist eine Verantwortungsdiffusion zu beobachten: Wenn jemand verletzt wird, nehmen viele das wohl war, die meisten schalten sich aber nicht ein. Weil sie denken, dass genug andere da sind, die auch reagieren könnten. Gerade wenn man nur beobachtet, fühlt man sich oft nicht verantwortlich.

Das ist in einer Situation auf der Straße auch nicht anders.
Sicherlich hilft da häufig auch niemand, aber das ist nicht der Punkt. Im Netz ist man ständig Zeuge, wenn andere verletzt werden, aber nicht jeder weiß, wie er sich verhalten soll. Es fehlt dort an einer Kommunikationskultur, wir müssen uns erst noch vergegenwärtigen, wie wir miteinander digital umgehen wollen. Und: Dass verkürzte Textbotschaften – letztlich ersetzt ein Zeichencode die ganzheitliche Sprache –, durchaus verletzen können, und dass Online-Gewalt auch reale Gewalt ist, sollte viel breiter diskutiert und stärker in den Mittelpunkt gerückt werden.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die individuelle Bewertbarkeit?
Durch das Netz stellt sich die Frage der Identität neu. Die Rollen und Identitäten, die ich im offline-Leben kontextuell festlege, kann ich im Netz nicht auseinander dividieren. Alles, was ich äußere, schreibe, was ich irgendwann einmal hochgeladen habe, jedes Handyfoto formt ein Bild von mir, und daran werde ich gemessen und bewertet. Ich kann es nicht kontrollieren oder steuern, es sei denn, ich betreibe ein Identitätsmanagement. Dieser Kontrollverlust über die eigene Identität ist eine Herausforderung, die wir vor 20 Jahren noch nicht hatten – weil alles langfristig und potentiell negative Konsequenzen hat.

Sie sagen, man soll sich im Netz definieren können, ohne einem Normativitätsdruck zu unterliegen. Ist der nicht implizit?
Hier geht es um die Frage: Welche Meinungen werden im Netz vertreten? Mir hat eine Studentin erzählt, sie würde niemals auf Facebook posten, dass sie für die Frauenquote sei aus Angst vor negativen Kommentaren. Offensichtlich traut man sich im Netz nämlich doch nicht, alles zu sagen, sondern begibt sich in eine Form der Selbstzensur. Letztlich geht es immer darum, welches Bild ich abgeben will. Das ist das, was ich als fehlende moralische Autonomie bezeichne: Meine Außendarstellung wird nicht durch meine Identität bestimmt, sondern möglicherweise durch ein fremdbestimmtes Deutungspotential. Was fehlt, ist die Selbstbestimmtheit auf die eigene Biografie.

Stichwort Hasskommentare: Was treibt die Leute an, sich im Ton zu vergreifen?
Mittlerweile sind die digitale und die analoge Welt kaum noch voneinander zu trennen, sie sind vielmehr miteinander verschmolzen. Was wir brauchen, ist eine digitale Kompetenz, die Umgangsformen wie Höflichkeit und das soziale Miteinander eben auch für das Verhalten im Netz einfordert. Es geht um die essentiellen Werte, die wir auch offline haben: Autonomie, Schutz der Privatsphäre, Verantwortung übernehmen – sich klarmachen, dass mein Gegenüber genauso verletzbar ist wie ich. Kaum einer überlegt, was er eigentlich von sich gibt. Leserbriefe sind viel aufwendiger in der Produktion; wenn ich einen Kommentar schreibe, kann es je nach Tagesform passieren, dass Dinge formuliert werden, die man beim nochmaligen Überlegen so nicht schreiben würde. Es fehlt schlicht die Selbstreflexion. Was nicht heißt, dass es nicht machbar wäre. Nur muss man es sich bewusst machen.

Die britische Zeitung „Guardian“ hat in einer Studie herausgefunden, dass weibliche Journalisten im Netz geschlechtsspezifisch beleidigt werden. Kennen Sie ähnliche Untersuchungen?
Mir ist keine deutsche Studie diesbezüglich bekannt. Ich kann nur aus Erfahrung sagen, dass das auch für Wissenschaftlerinnen gilt. Als wir das Institut für „Digitale Ethik“ eröffneten, wurde in der „Stuttgarter Presse“ getitelt: „Moral im Netz.“ Es brach ein Shitstorm über mich herein, wie ich dazu käme, Moral im Netz einzufordern. Dabei habe ich den Begriff gar nicht verwendet, ergo haben sie den Artikel auch nicht gelesen. Es war nur die Headline, die reichte, angegriffen zu werden – und zwar absolut unter der Gürtellinie. Es ging nicht um die Sache, auch nicht um mich als Wissenschaftlerin, sondern um die gegenderte Ebene und in erster Linie um mich als Frau. Insofern glaube ich, dass es alle Personen trifft, die in der Öffentlichkeit präsent sind. Vielleicht ist man die negativen Reaktionen im Kontext des Journalismus’ nicht gewohnt, weil man sie bis vor kurzem nicht wahrnehmen konnte. Es kann sich plötzlich jeder äußern, ohne ein Korrektiv zu erfahren. Solche Meinungen gab es sicher früher auch schon, nur hatte man dafür keine Bühne.

Was sind die Ursachen für die unsachlichen geschlechtsbezogenen Bewertungen gegenüber Frauen?
Wenn Sie sich die Medien anschauen, werden Sie feststellen, dass bei Männern und Frauen immer noch unterschiedliche Kriterien zur Bewertung herangezogen werden. Auch bei Politikerinnen ist wichtig: Wie sehen sie aus? Was haben sie an? In welchem Verhältnis stehen sie? Das steht bei Männern nicht im Vordergrund. Es mag auch damit zusammenhängen, dass Frauen noch nicht sehr lange in den entsprechenden Berufen und Verantwortungen präsent sind: Das ist gerechnet an Jahrtausenden historisch ein Klacks. Daher geht es in erster Linie immer noch um die Abbildung von Stereotypen – das fängt bereits beim Kinder-Fernsehen an.

Der Journalist schreibt sachlich falsch und die Journalistin ist frigide?
Es gibt nach wie vor eine extreme Ungleichheit bei den Beurteilungskriterien. Die Rollenklischees sind längst nicht aus den Köpfen. Frauen, die sich feministisch oder im Kontext frauenaffiner Themen äußern, unterliegen einer noch größeren Gefahr, Opfer von einer Hate-Speech-Attacke zu werden. In vielen Bereichen existieren sexistische Ideologien: Frauen, die ein Standing und auch eine Fähigkeit haben, sind für viele Männer, die um ihre patriarchale Herrschaftsrolle besorgt sind, ein rotes Tuch, auf das sie aggressiv reagieren. Die Sache interessiert in den seltensten Fällen.

Sie meinen, viele lassen sich also auf deren Leistung gar nicht erst ein?
Auch im Journalismus-Kontext schlägt sich nieder, dass Frauen in Führungspositionen nicht selbstverständlich sind. Daher werden sie oft nicht danach bewertet, was sie leisten oder nicht leisten. Vielmehr werden sie diskreditiert, indem man sie auf ihr Frausein anspricht und somit reduziert. Kennen Sie das Schlumpf-Modell? Es gibt viele Schlümpfe: Den schlauen Schlumpf, den faulen Schlumpf, den Kochschlumpf … aber es gibt die Schlumpfine. Die zeichnet sich einzig dadurch aus, dass sie eine Frau ist. Und das ist das klassische Geschlechtermodell der sexistischen Hate-Speecher, das sie nur im Netz ausleben können, da sie es im Offline-Leben offensichtlich vermissen.

Wie kann man sich dagegen wehren?
Sexistische, abwertende Kommentare müssten grundsätzlich gelöscht werden, und natürlich müssten Beleidigungen auch juristisch geahndet werden. Diese Form der Gewalt ist natürlich eine moralische, weil man den Ruf eines Menschen schädigt und seine Identität massiv verletzt. Es muss viel mehr zur Anzeige gebracht werden.

Haben Angriffe konkreten Einfluss auf die Handlungen?
Es gibt sicherlich Frauen, die aus den sozialen Netzwerken rausgehen, aber das können Sie sich als Journalistin nicht leisten – außer, Sie wechseln Ihren Beruf. Von daher ist es eine Frage der Relation. Und natürlich sollte man überlegen, inwiefern man die Kommentarfunktion überhaupt noch anbietet, und ob man das alles wirklich so nah an sich heranlassen muss. Wobei ich generell glaube, dass Sie das grundsätzliche Problem technisch nicht lösen können.

Sondern?
Sie müssen das mit einer Wertediskussion und der Notwendigkeit einer digitalen Kompetenz verknüpfen. Es geht schlicht um Wertschätzung und Achtung – um klassische offline-Tugenden: Höflichkeit, welch altmodischer Begriff. Es bräuchte wieder mehr Verständigung darüber, was das überhaupt heißt, und dass das für uns alle durchaus wichtig ist. In einem Projekt mit Studierenden haben wir „die zehn Gebote der Digitalen Ethik“ formuliert. Das vierte Gebot heißt: „Verletze nicht andere durch deine Kommentare. Die Werte des Miteinanders gelten auch im sozialen Netz.“ Es geht dabei nicht um Religion, sondern um Normen, die uns das Leben im Netz erleichtern und vereinfachen. Wichtig ist bei allem, dass man dabei die Verantwortung für sich selbst nie aus den Augen verliert.

Was ist mit Facebook, alle Verantwortung beim User?
Die sogenannten Intermediären müssen genauso zur Verantwortung gezogen werden, wie die Presse und sonstige Medienunternehmen. Sie beeinflussen den Meinungsbildungsprozess, weshalb darüber nachgedacht werden muss, die sozialen Netzwerke stärker in die Verantwortung zu nehmen. Ein TV-Sender kann ja auch keinen Hass vertreiben.

Interview: Katja Thorwarth

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