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Hartmut Dorgerloh „Es muss eine Reise ins Offene sein“

Hartmut Dorgerloh will das Berliner Humboldt-Forum ins Zentrum des kulturellen und wissenschaftlichen Interesses rücken.

Hartmut Dorgerloh
Hartmut Dorgerloh: „Auf dem Bau und in der Denkmalpflege läuft vieles per Handschlag.“ Foto: dpa

Herr Dorgerloh, unter dem Namen Humboldt werden gerade vielfältige Erwartungen an Sie herangetragen. Wie weit ist der Weg aus Preußen zur Weltkultur?
Ich bin, wenn man so will, durch Humboldt zur Kultur gekommen. Mein erstes berufliches Bewerbungsgespräch hat mich vor vielen Jahren an den Denkmälern der beiden Humboldts vorbei in die Hallen der Universität geführt, und ich hätte nicht gedacht, dass mich das auf diese Weise noch einmal einholt. Was in der Zeit der Humboldts in der Berliner Kultur- und Wissenschaftslandschaft damals geleistet worden ist, verstehe ich noch heute in Bezug auf die Rolle von Kunst und Wissenschaft in der Gesellschaft als einen hohen Anspruch. Die damals formulierte Idee einer Freistätte von Kunst und Wissenschaft war ja bereits eine Reaktion auf die frisch gewonnenen Eindrücke aus den Forschungsreisen von Alexander von Humboldt, zum Beispiel die Erkenntnis, dass man Kultur und Natur nicht ohne weiteres getrennt voneinander betrachten kann. Oder auch der Gedanke, dass gleichmäßig alle zur Freiheit bestimmt sind. Das Wirken der Humboldts ist gewiss ein Leitmotiv für das Humboldt-Forum im 21. Jahrhundert. 

In dem langen Zeitraum, in dem die Idee des Berliner Humboldt-Forums diskutiert worden ist, hat sich vor allem auch die weltpolitische Konstellation verändert. Wie können Sie diesem Wandel Rechnung tragen?
Ich empfinde es als äußerst spannend, dass das Humboldt-Forum kein geschlossenes Konstrukt ist, sondern über eine offene Struktur verfügt. Das drückt ja bereits der Begriff des Forums aus. Hier soll eine Plattform entstehen, auf der Dinge verhandelt werden können und sollen. Die Mitte Berlins ist genau der richtige Ort dafür. Es wurde ja zunächst lange und intensiv allein über die Frage gestritten, was hier städtebaulich entstehen soll. Die Diskussion hat sich inzwischen weitgehend erledigt, auch wenn sie womöglich noch einmal aufkommen wird, wenn das Gebäude tatsächlich fertig ist. 
 
Eine zentrale Frage des Humboldt-Forums ist der Umgang mit Kulturgütern aus kolonialem Kontext, wie es seit Kurzem politisch korrekt ausgedrückt heißt. Ist das Humboldt-Forum in dieser Hinsicht gut aufgestellt?
Das Humboldt-Forum ist offenkundig ein Katalysator für die öffentliche Debatte über dieses Thema, sie wird auch in anderen europäischen Ländern äußerst vielfältig geführt. Für Deutschland nenne ich nur die Stichworte: Bodenreform, NS-Raubkunst, Beutekunst. In der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg haben wir gerade erst die Gemäldeerwerbungen in West-Berlin nach 1945 untersucht und sind dabei im Detail auf ganz erstaunliche Dinge gestoßen. Es wurde bei Ankäufen damals nun einmal nicht danach gefragt, wo sich die Gemälde zwischen 1933 und 1945 befanden. Die Diskussion über Provenienzforschung führt ja sehr deutlich vor Augen, dass sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen auch die Arbeit der Einrichtungen verändern. Beim Humboldt-Forum wird insbesondere deutlich, dass wir nicht mehr nur wirtschaftlich global verflochten sind, sondern auch eine ganz neue Sensibilität für koloniales Unrecht zu entwickeln haben, insbesondere auch in Bezug auf die Rolle, die Kultur und Wissenschaft bei der europäischen Ausbeutung und Unterdrückung in der Welt gespielt haben. Wir wissen schon etwas länger, dass der Begriff der Aufklärung nicht nur positiv besetzt ist und es kommt nun darauf an, ihn entsprechend zu historisieren und Fragen danach zu stellen, welche Bildung in der Geschichte wann und an wen vermittelt wurde. Das ist eine ganz berechtigte Diskussion, an die sich im Humboldt-Forum ganz konkret die Frage knüpft, auf welche Weise die ethnologischen Sammlungen der Berliner Museen künftig im Humboldt-Forum ganz neu präsentiert werden. 

Der französische Präsident Emmanuel Macron ist in dieser Frage ganz offensiv mit einem allgemeinen Rückgabeversprechen vorgeprescht. Macht er es sich da nicht ein bisschen einfach?
Man sollte sich die Rede Macrons, die er in Ouagadougou in Burkina Faso gehalten hat, ganz genau ansehen. Sie enthält verschiedene Passagen, und darin wird deutlich, dass es nicht eindimensional um Aspekte der Restitution geht, sondern eben auch die Forschung eine große Rolle spielt. Provenienzfragen sind immer auch Forschungsfragen, und darin werden nicht nur Eigentumsrechte verhandelt, sondern auch die Biografien der Objekte, die oft nicht nur von A nach B weitergegeben worden sind. Es gab Zwischenstationen, und die Artefakte wurden in unterschiedlichen Kontexten verwendet und getauscht. Restitution ist eine Möglichkeit, aber das Humboldt-Forum soll auch ein Ort sein, an dem man ausloten kann, ob es Alternativen geben kann.

Zum Beispiel?
Es kann ja nicht die Lösung sein, dass mexikanische Kunst nur noch in Mexico gezeigt wird und italienische nur noch in Italien. Im Zusammenhang mit der NS-Raubkunst haben wir gerade in Deutschland gelernt, dass es um einen fairen Ausgleich geht. Der ist im Bereich der ethnologischen Sammlungen schon deshalb schwieriger, weil es in den seltensten Fällen individuelle Eigentümer gibt. 

Und Sie agieren nicht allein als Humboldt-Forum, sondern sind ein Akteur in einem komplexen Geflecht diplomatischer Beziehungen.
Im engeren Sinne ist Provenienzforschung nicht die Aufgabe des Humboldt-Forums, sondern es ist die Aufgabe derer, denen die Sammlungen gehören, also etwa den Staatlichen Museen. Dort haben in den vergangenen Jahren gewiss andere Aspekte im Mittelpunkt gestanden. Für die ethnologischen Sammlungen heißt das ganz klar: Es muss personell und finanziell mehr passieren, und es wird nicht zuletzt auch um das Beschreiten neuer Wege bei der Zusammenarbeit mit den Herkunftsgesellschaften der Sammlungsobjekte und Artefakte gehen. Es reicht nicht aus, dabei emsig Karteikästen zu durchforsten. Wir müssen den Austausch mit den Herkunftsgesellschaften suchen, und das wird auch für das Humboldt-Forum eine Reise ins Offene sein.

Ihr künftiges Haus ist ein kulturpolitisches Schwergewicht, und ein Blick auf das Organigramm, das aus vier Säulen besteht, lässt erahnen, dass es auch ein bürokratisches Monstrum ist. Wie wollen Sie es bändigen?
Ich komme ja eigentlich vom Bau, also von der Denkmalpflege, und da läuft vieles per Handschlag. Das halte ich nach wie vor für die beste Art, zusammenzuarbeiten. Wir haben es hier natürlich mit einem ganz neuen Modell einer kulturellen Einrichtung zu tun. Das Humboldt-Forum wird nicht nur ein Museum sein, sondern Ausstellungsraum, Veranstaltungsort und Forschungsakademie. Es soll ferner Residenzprogramme für Wissenschaftler geben. Und es ist vollkommen klar, dass man inhaltlich nichts Neues machen kann, wenn man weiter mit den alten Managementstrukturen arbeitet. Insofern werden alle Beteiligten, also die Humboldt-Universität, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und das Land Berlin, etwas von ihrer gewohnten Autonomie abgeben müssen. Meine Aufgabe besteht darin, diesen Prozess zu organisieren und zu moderieren, um es zu einem gemeinsamen Programm zusammenzuführen. Dazu gibt es die klassischen Haushalts-, Personal- und Leitungskonferenzen. Für die Besucher wird es aber darauf ankommen, dass das Haus nach einem einheitlichen System gemanagt wird.

Das Zusammenwirken von Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Humboldt-Universität und Land Berlin ist immer wieder auch als schwierige Kombination beschrieben worden, insbesondere, was den Raumbedarf angeht. Wie ist der Stand der Dinge?
Die DNA der beteiligten Einrichtungen ist sehr unterschiedlich. Aber wir arbeiten alle im öffentlichen Auftrag und mit öffentlichen Geldern. Wir verfügen alle über einen Forschungs- und einen Vermittlungsanteil. Alle haben einen Bildungsauftrag. An den Universitäten, wo es um die Zukunftsfragen der Wissenschaften geht, ist es ja auch nicht mehr so, dass nur Physiker mit Physikern zusammenarbeiten und Mathematiker mit Mathematikern. Und so wird auch am Humboldt-Forum ganz im humboldtschen Sinn die Frage lauten, wie man Natur, Technik und Künste in einem gemeinsamen Programm zusammenbindet. Ich erhoffe mir, dass da auch ganz neue Kooperationserfahrungen gemacht werden. Das Berliner Stadtmuseum hat ein Publikum, das vielleicht auch für den universitären Raum von Interesse ist – und umgekehrt.

Die drei nun ausscheidenden Gründungsintendanten werden ja auch weiterhin mit von der Partie sein. Hermann Parzinger als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Horst Bredekamp für die Humboldt-Universität und Neil MacGregor gewiss auch beratend. Was heißt das für die Zusammenarbeit mit ihnen?
Die Gründungsintendanten haben in den vergangenen drei Jahren eine ganz wichtige Aufgabe eingenommen. Sie haben aus einer reinen Baustiftung heraus einen Übergang in den inhaltlichen Betrieb vorbereitet. Und ich hoffe sehr, dass Neil MacGregor Berlin auch weiterhin verbunden bleibt. Ganz besonders wichtig ist mir, was auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters noch einmal ausdrücklich bestätigt hat. Das Haus ist frei im Sinne der Freiheit und Wissenschaft der Kunst. Wir haben eine gemeinsame Verantwortung, weil wir auch Steuergelder ausgeben. Aber wir sind frei und unabhängig gegenüber der Politik, das ist eine ganz wichtige Voraussetzung.

Ganz konkret haben Sie bereits angekündigt, dass es in den ersten drei Jahren freien Eintritt zu den Ausstellungen im Humboldt-Forum geben soll. Das wird Ihnen nicht gerade den Beifall anderer Museumsdirektoren einbringen, oder? 
Wenn man eine offene gesellschaftliche Diskussion über öffentliches Grundeinkommen, die freie Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs und die Abschaffung von Studiengebühren führt, dann kann man das Kulturangebot davon nicht ausnehmen. Es ist gewiss keine ganz einfache Debatte, aber sie muss geführt werden, und das Humboldt-Forum wird einen Beitrag dazu leisten.

Interview: Harry Nutt

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