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Hans Magnus Enzensberger Irrlichternd heiter voran

Hans Magnus Enzensberger wird achtzig Jahre alt. Vor mehr als fünfzig Jahren erschien sein erstes Buch. Seitdem wird er befragt, seitdem antwortet er - zu unserem Glück. Von Arno Widmann

Hans-Magnus Enzensberger Foto: Christoph Boeckheler/FR

Hans Magnus Enzensberger wird am 11. November 2009 achtzig Jahre alt. Wir gratulieren. Vergangene Nacht haben wir ihn im Fernsehen gesehen. Fast drei Stunden lang. Der ehemalige Intendant des Südwestfunks Peter Voß befragte ihn. Enzensberger ist alt geworden. Es gibt Augenblicke, da ist der Geschlechtsunterschied aus seinem Gesicht verschwunden. Aber bei ihm wirkt das in einem anderen Augenblick auch wie eine Verjüngung. Er scheint ein kindlicher Zappelphilipp. Immer wieder greift er mit beiden Händen nach einem Unterschenkel, zieht sein Bein hoch, lagert den Knöchel des einen auf dem Knie des anderen Beines.

Er beugt sich zum Interviewer hinüber, sieht in interessiert an. Man darf sicher sein, dass exakt in diesem Augenblick ihn unendlich langweilt, was er gefragt wird. Vor mehr als fünfzig Jahren erschien sein erstes Buch, der Gedichtband "Verteidigung der Wölfe". Seitdem wird er befragt, seitdem antwortet er mehr oder weniger launig. So ruhelos er ist, so sehr ruht er in sich. Dass ihn nichts erschüttern kann, scheint ihm das Wichtigste zu sein. Dass er sich nicht mehr verblüffen lässt, dass er keinem mehr auf den Leim geht, ja dass er in Wahrheit womöglich niemals irgendjemandem auf den Leim ging, bestimmt das Bild, das er uns von sich bietet.

Sein Trick ist, dass er so tut, als wäre er klug aus Bescheidenheit. Man soll über das reden, wovon man etwas versteht und nur wenig über das, von dem man wenig versteht und wovon man keine Ahnung hat, davon soll man schweigen. Das sagt er als Begründung dafür, warum er nicht sagen möchte, ob Deutsche in Afghanistan kämpfen sollen oder nicht. Über den Irak könne er sich schon besser äußern und im Iran sei er immerhin schon gewesen, er habe Freunde dort, Menschen, die er befragen könne. In Wahrheit ist das natürlich Blödsinn. Es ist nicht so, dass Enzensberger etwas von einer Sache versteht und sich darum darüber äußern möchte. In Wahrheit läuft es umgekehrt. Enzensberger will etwas sagen. Er macht sich kundig und dann legt er los.

Enzensberger rechtfertigte den Golfkrieg mit "dem" Bösen

Nicht immer kenntnisreich, nicht immer klug. Man nehme nur seinen Artikel aus dem Jahr 1991, als er den ersten Golfkrieg rechtfertigte. Statt politische, militärische oder geostrategische Erwägungen anzustellen, argumentierte Enzensberger theologisch. Es gibt das Böse, war der erste Schritt seiner Argumentation. Das war die vom Papst damals gerade in die Debatte geworfene Wiederentdeckung des Teufels. Der zweite Schritt: Das Böse inkarniert sich. Ein Argument aus dem Arsenal eines platonisierenden Christentums. Dritter Schritt: Das Böse hat heute die Gestalt von Saddam Hussein angenommen. Das war die politische Theologie der Bush-Regierung.

Enzensberger weiß natürlich, dass es "das" Böse nicht gibt. Diese Theorie kam ihm aber gerade recht, um denen in seiner Umgebung, die gegen den ersten Golfkrieg waren, eines auf die Mütze zu geben. Er fand, dass die den Diktator weiß wuschen. Da wurde er wütend und darum legte er los. Enzensberger ist reizbar. Seiner Reizbarkeit verdanken wir sein Bestes und sein Dümmstes. Man kann das Eine ohne das Andere nicht haben. Das weiß niemand so gut wie er. Aber er breitet es nicht gerne aus.

Einmal neigt er sich im Sessel ganz zurück, sieht den Interviewer wie aus meilenweiter Entfernung erstaunt an und meint "Mein Sündenregister!?!?" Sie wollen mein Sündenregister? Er macht sich lustig darüber, in seiner Vita nach Irrtümern, mehr oder weniger gravierenden Fehlern zu schauen. Er lässt offen, ob es ihn amüsiert, weil er glaubt, nie welche gemacht zu haben, oder weil er davon ausgeht, dass er fast nur Fehler gemacht hat oder weil er - das ist, betrachtet man ihn, wohl doch die wahrscheinlichste Variante - den Frager in der Rolle seines Beichtvaters denn doch überfordert sieht. Jedenfalls lenkt er sofort ab.

Enzensberger war unser Glück

Wer wollte, konnte in der Nacht auf Dienstag hin und her zappen zwischen Hans Magnus Enzensberger und Heiner Müller. Arte brachte nach elf einen Film über den. Müller erklärte, er hasse die Unschuldigen. Als er das sagte, konnte man glauben, er meine, er hasse die, die sich für unschuldig hielten. Nachdem aber bekannt geworden war, dass er mit der Stasi kooperiert hatte, wusste man, dass auch dieser Satz Müllers ganz ernst gemeint und wörtlich zu nehmen war.

Müller hasste die Unschuldigen, weil sie zeigten, dass man unschuldig bleiben konnte, dass man nicht zur Zusammenarbeit gezwungen war. Vom einen zum anderen zu springen, machte noch einmal klar, wie deutsch Heiner Müller war. Wie sehr er das Klischee des mit dem Großenganzen beschäftigten deutschen Dichterphilosophen bediente und wie sehr Enzensberger davon lebt, dazu den Gegenpol zu bilden.

Enzensberger war unser Glück. Er ging uns auf dem langen Weg nach Westen irrlichternd heiter voran. Mit Versen wie diesen aus seinem neuesten Gedichtband ist der einstige Kursbuchgründer auch heute unser Glück:

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