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Hamlet in Hamburg Was tief unten ist

Es ist alles faul und finster im Staate Dänemark: Luk Percevals inbrünstiger Doppel-Hamlet im Thalia-Theater in Hamburg. Aber am Ende gibt’s kein Hauen, kein Stechen und keine Toten.

Hamburger Hamlet: Josef Ostendorf und Jörg Pohl. Foto: dpa

Ist er’s, ist er’s nicht? Wir hatten ganz junge und wir hatten sehr alte Hamlets, wir hatten eine Frau als Hamlet, wir hatten „Hamlet“ ohne Hamlet, wir hatten einen Hamletkommentar, wir hatten viele Hamlets in einer Aufführung, wir hatten sogar normale junge Männer als Hamlet. Hamlet, das Rätsel, führt zu außergewöhnlichen Bühnenlösungen. Gern rät das Theater mit beim großen Wer-bin-ich-Spiel, das seit dreihundert Jahren unter dem Namen „Hamlet“ läuft. Nun gibt es, tatsächlich neu, den Doppel-Hamlet.

„Nicht Sohn, noch Neffe“, sind seine ersten Worte, weder-noch. Kein Geist des Vaters ist bisher erschienen. Schwarz sitzt er im schwarzen Bild, ein finsterer Menschenberg mit einer goldenen Papierkrone auf dem Kopf. Auch die Mutter habe sich gespalten, sagt er. Er spricht in einem infantilen Singsang, er leiert gleichgültig, er vegetiert, ein Kind, ein Kleinkind, ein Riesenbaby. Traurig und lächerlich anzuschauen. Hamlet, der erste moderne Mensch, ein Trauerspiel.

Da steigt Hamlet II aus Hamlet I empor: die zweite Krone, die der auf den Knien trug, gehört einem zweiten Körper, jung und schön und später nackt. Luk Perceval, der Regisseur dieser Hamlet-Beschwörung, hat seinem Hamlet auch die Dialoge mit Horatio gegeben, so spricht Hamlet hier noch mehr mit sich selbst als ohnehin, Hamlet II mit Hamlet I und umgekehrt. Hamlet II, der junge, agile Hamlet, gespielt von Jörg Pohl, ist dazu auch noch des toten Vaters Geist, der lebende Rachegedanke, die Lust zu handeln. „Rächen wirst du mich“, flüstert er zu Hamlet I, zur paralysierten Fleischmasse unterm riesig-schwarzen Häkelponcho, gespielt von Josef Ostendorf.

Luk Perceval, der brummende Belgier mit Beuyshut oder Häkelkappe, ist am besten, wenn er das Theater von ganz weit unten hervorzuholen scheint, aus den Tiefen des Grunds sozusagen, wenn er es hervorwürgt aus der Ursuppe des Menschseins. „Sein“ (Hamlet II) „oder Nichtsein“ (Hamlet I) wird da zur Beschwörungsformel in der Hexenküche, der Regisseur ein Alchimist des Archaischen, das Theater eine Brutstätte der Inbrunst, der Hamlet ein Faust. Man mag das lächerlich finden in Zeiten der atheistisch-gleichgültigen Aufklärung. Ist es auch. Aber dieser Perceval schafft es so trotzdem, das Theater als metaphysischen Ort zu behaupten, als Ort des Fragens, Denkens und Bangens, in gewissem Sinn als heiligen Ort. Und das, man mag sagen was man will, ist schön.

Die Stimme, die das alles hervorzwingt, ist nicht die von Hamlet, auch nicht die der „Hamlet“-Neuübersetzer und Stückbearbeiter Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, es ist die von Jens Thomas, dem Pianist, Stöhner, Seufzer, Summer und Sänger dieser Aufführung. Mit einer unglaublichen Intensitätsleistung gibt Thomas zum wiederholten Mal einer Aufführung Percevals (zuerst dem „Othello“ vor acht Jahren) Tonlage und Richtung. Er ist das Kraftzentrum, er kitzelt hervor was des Klaviers Töne, was der Stimme Farben und was des Inneren Laute sind.

Das Bühnenbild von Annette Kurz ist dazu wie Raum gewordene Stimme, eine gigantische Wand aus aufgehängten Mänteln, Klagemauer aus Klamotten, aus der die Schauspieler heraustreten. Auf der Vorderbühne liegt ein Hirsch, machtvolles, schönes, totes Tier. Der tote Vater? Kinder spielen Boten, schwer zu sagen, warum, vielleicht als Hoffnung, Fortinbras, den neuen Herrscher, gibt es nicht, es ist alles faul und finster im Staate Dänemark.

Mit der Verankerung der Aufführung im Strukturellen und vor allem Vorsprachlichen beginnen auch ihre Schwierigkeiten. Bei einer solchen Konzeption müssen die Schauspieler ihr Sprechen als Teil des großen Geräuschs begreifen, als Melodie im Rauschen der Ursuppe, die hervorgespült wird. Das aber ist längst nicht immer der Fall. Großartig Gabriela Maria Schmeide und André Szymanski als Gertrud und Claudius (die Mutter und der gleich nach dem Tod geheiratete Bruder des toten Königs, damit neuer König und Vater Hamlets). Die beiden fließen gestelzt über die Bühne, er wie ein verdreht-linkischer Richard III., sie stellt massige Schenkel bloß. Sie sprechen ganz aus dem Geist der Aufführung heraus.

Perceval im Gruselfach

Barbara Nüsse als Polonius hockt im Rollstuhl, sein Sohn Laertes (Sebastian Zimmler) dafür auf hohen Stelzen, der Vater ein kleiner Krüppel, der Sohn ein Riese. Nüsse spielt den alten Mann keifend und unbeleckt vom Rest der Aufführung, Zimmler müht sich die Konzentration gegen das gigantische Gehwerkzeug aufrecht zu erhalten. Und Birte Schnöink als Ophelia bleibt gesichtslos, obwohl sie bald vierfach die Bühne betritt. Da ist ein Konzeptionsüberhang und ein Spieldefizit. Die Schauspieler müssten Teil des großen Summens sein. So aber wird die Musik illustrativ, sie wird zum Hintergrundgeräusch, wie irgendeine Filmmusik. Da wirkt alle Inbrunst lächerlich.

Weitgehend autonom agiert Mirco Kreibich als Körperkomiker (Rosencrantz und Güldenstern). Die Bearbeitung von Zaimoglu/ Senkel enthält sich des Fäkalidioms, das sie beim „Othello“ und „Molière“ bemüht haben, und setzt auf Gegenwärtigkeit und Einfachheit. Das passt zu Percevals Hamlet-Paraphrase, wo die Sprache Hauptrolle und Eigentiefe aufgegeben hat. Nach diesen zwei Stunden kann man sich tatsächlich vorstellen, wie Shakespeare zum „Hamlet“ von irgendeinem Horror-Hamlet in den Straßen Londons inspiriert wurde. Auch dorthin, ins Gruselfach, ist Perceval mit seinem Archaismus gelangt.

Am Ende aber gibt’s kein Hauen, kein Stechen und keine Toten. Am Ende steht eine Kette von Sein-oder-Nichtsein-Alternativen (Versage oder Versage nicht/Töte oder töte nicht...), die so endlos lang ist, dass sich Hamlet schon durch das bloße Aufsagen vollkommen an ihr erschöpft.

Thalia Hamburg: 22., 23. Sept., 13., 14., 26. Okt. www.thalia-theater.de

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