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Halle Wir lernten zu morden

Eine exzellente Ausstellung im Landesmuseum in Halle erzählt die Geschichte des Krieges. Sie zeigt auch den langen Prozess der gesellschaftlichen Umstände, die zur Herausbildung einer Kriegerkaste mit der entsprechenden Ideologie führten.

Der Schädel eines Getöteten. Foto: Landesmuseum für Vorgeschichte Halle/Juraj Liptak

Eine exzellente Ausstellung im Landesmuseum in Halle erzählt die Geschichte des Krieges. Sie zeigt auch den langen Prozess der gesellschaftlichen Umstände, die zur Herausbildung einer Kriegerkaste mit der entsprechenden Ideologie führten.

In einem Massengrab der Schlacht bei Lützen (16. November 1632), das Grab dreieinhalb mal viereinhalb Meter groß, sind 47 Skelette gefunden worden. Noch bevor man die Ausstellung „Krieg – Eine archäologische Spurensuche“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle betreten hat, sieht man diesen unter Glas konservierten, aufrecht stehenden „Ausstich“ und ist überwältigt. Die umliegenden Schaukästen helfen einem wieder auf die Beine, sie erzählen detailreich von dieser Schlacht, die eine der wichtigsten des Dreißigjährigen Krieges war. Hier standen knapp 20 000 Protestanten unter der Führung Gustav Adolfs von Schweden – er fiel in der Schlacht – etwa 23 000 Katholiken unter Wallensteins Kommando gegenüber. Man geht von 10 000 Toten aus. Die Überreste von 47 davon hat man vor Augen. In den Schaukästen sieht man Schlachtaufstellungen, Kriegsgerät, Kriegsberichte, bekommt erklärt, was Skelette einem erzählen können zum Beispiel über die Ernährung eines Menschen. Ganz am Ende dieser Abteilung noch einmal ein riesiger Eyecatcher: ein dermoplastisches Präparat eines der Pferde Wallensteins.

Jetzt muss man sich links halten und ein paar Schritte nach vorne gehen. Dann kommt man in die eigentliche Ausstellung. Die Geschichte des Krieges von der Urzeit bis etwa 1200 vor unserer Zeit. Schon die 47 Skelette aus dem Dreißigjährigen Krieg waren die Reise nach Halle wert. Denn die Archäologie der Kriegsgeschichte, wie sie in Halle gezeigt wird, ist ganz sicher eine der interessantesten Ausstellungen, die es derzeit irgendwo auf diesem Globus zu sehen gibt.

Kain und Abel – der erste überlieferte Mord der Menschheitsgeschichte – fand vor etwa 430 000 Jahren in Spanien statt. Man sieht den Schädel und die Frakturen an der Stirn. Die Ausstellungsmacher weisen einen auch darauf hin, dass aus so früher Zeit nur Skelett- oder Schädelfragmente erhalten sind. Nur wenn die verletzt wurden, haben wir einen Nachweis von Gewaltanwendung. Wenn der Bauch aufgeschlitzt, Kehle oder Herz durchbohrt wurden, haben sich keine Spuren erhalten.

Aber noch bevor wir zu diesem frühesten Beleg kommen, müssen wir uns einen kleinen Film über Schimpansen anschauen. Er zeigt drei junge männliche Tiere, die Streife schieben am Rande des Territoriums ihres Stammes. Dann holen sie andere Mitglieder herbei. Mit ihnen zusammen stürzen sie sich in einen handgreiflichen Grenzkonflikt mit Schimpansen des Nachbarstammes. Es kommt zu Verletzungen. Man sieht, dass „die Wunden lecken“ auch wörtlich genommen werden kann. Wer keine Zeit hat, muss sie sich nehmen, um diesen Film zu sehen und dann muss er unbedingt ein paar Schritte weitergehen in der Ausstellung, um sich einen anderen Film anzusehen: Ausschnitte aus „Dead Birds“ von Robert Gardner. Eine Schlacht zwischen zwei Stämmen auf Neu-Guinea. Man muss diese beiden Filme sich unbedingt nacheinander anschauen. Nur so wird man die frappierenden Ähnlichkeiten und die kleinen Unterschiede beachten.

Es macht die Größe dieser Ausstellung aus, dass man sich hier nicht scheut, ethnologische Beobachtungen mit prähistorischen Funden zu vergleichen, ja dass man auch nicht davor zurückschreckt, menschliches und tierisches Verhalten zu vergleichen, dass man aber keine Sekunde an simple Ableitungen glaubt oder glauben gemacht wird. Gemordet haben Menschen immer wieder. Aber viel eindrücklicher ist, dass sie – wie eng sie auch immer beieinander leben – das doch meist friedfertig tun. Der Mensch wurde nicht als Killer-Affe geboren.

Die Ausstellung zeigt den langen Prozess nicht nur der Vervollkommnung des Waffenarsenals, sondern – wichtiger noch – auch die komplexen gesellschaftlichen Umstände, die zur Herausbildung einer Kriegerkaste mit der entsprechenden Ideologie führten. Die Ausstellung verdeutlicht auch, mit wie viel Sherlock-Holmes-mäßiger Detailbesessenheit und gleichzeitiger scharfsinniger Schlusslogik man ausgerüstet sein muss, um an Hand einiger Knochen, Pfeilspitzen und der – sehr wichtig – Lage der Fundstücke sich ein Bild konstruieren zu können von den Lebensumständen wirklicher Menschen, die vor einhunderttausend Jahren starben.

Die ersten Jahrhunderttausende waren die Menschen nomadische, in kleinen Gruppen lebende Jäger und Sammler. Aus dieser Zeit ist nichts überliefert, was auf systematische Kriege zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen hinweist. Das liegt natürlich auch an der Fundüberlieferung. Oder besser: am Mangel an Fundstücken. Es hat aber – blickt man auf Jäger und Sammler der nur wenige Jahrzehnte zurückliegenden Vergangenheit – wohl auch mit der Lebensweise etwas zu tun. Krieg kommt in diesen Gesellschaften auch vor, spielt aber bei weitem nicht die Rolle wie in denen der neolithischen Revolution.

Die Sesshaftwerdung, der Bau befestigter Städte, die Durchhierarchisierung der Gesellschaften – all das ist Zeichen einer Kriegerkultur, in der es selbstverständlich wird, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Die Ausstellung endet mit der Schlacht von Kadesch. Kadesch war eine Stadt im heutigen Syrien, um die Hethiter und Ägypter 1274 v. u. Z. kämpften. Am Ende der Schlacht stand ein Friedensvertrag. Der älteste erhaltene der Welt. Er hielt nicht lange.

Wer langsam durch die Ausstellung geht, wer sich Zeit nimmt zu lesen und zu betrachten, der sieht dem Menschengeschlecht bei seiner Barbarisierung zu. Aus dem Randphänomen der kriegerischen Auseinandersetzung wird im Laufe der vergangenen 10 000 Jahre der Dreh- und Angelpunkt menschlicher Gesellschaft. Die Rolle von Macht und Machtpräsentation wächst. Der „Held“ wird kreiert. Das ist der, der erfolgreich, weil skrupellos mordet.

In einer wohl um 1300 v. u. Z. entstandenen Felsritzung glaubt man in der lässigen Haltung, mit der ein Lanzenkämpfer seinem eine Keule schwingenden Gegenüber seine Waffe in den Leib rammt, die Genugtuung zu erkennen, mit der er seine Überlegenheit auskostet. Das ist uns nur zu vertraut. Aber die Ausstellung zeigt auch: Die Menschheit konnte mal anders.

Landesmuseum für Vorgeschichte Halle: bis 22. Mai. www.lda-lsa.de

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