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Haiti Katastrophen, Gedichte, Gemetzel

Von der Kolonie über den ersten Staat emanzipierter Sklaven zur Vodoo-Diktatur: Der Schriftsteller Hans Christoph Buch, dessen Vorfahren aus Haiti stammen, blickt im Gespräch mit Arno Widmann auf den bemerkenswerten Leidensweg seiner zweiten Heimat zurück.

Schlange-Stehen für die Katastrophenhilfe: Generationen von Haitianern haben finstere Zeiten durchgemacht. Foto: rtr

Herr Buch, Sie haben nicht nur Bücher über Haiti geschrieben, Sie haben auch familiäre Bande dorthin?

Haiti ist meine zweite Heimat, meine Romane - ein Teil meines Werks - sind in der Karibik angesiedelt. Ich bin stolz darauf, dort als haitianischer Schriftsteller zu gelten, weil ich eine kreolische Großmutter hatte. Mein Großvater kam aus Darmstadt Ende des 19. Jahrhunderts nach Haiti. Dort wurde ein deutscher Apotheker gesucht.

Die Kolonie deutscher Kaufleute in Haiti brauchte einen eigenen Arzt und Apotheker. Mein Großvater eröffnete eine Apotheke in Port-au-Prince, im damaligen Stadtzentrum in der Nähe des Hafens. Er ließ sich ein wunderschönes Haus bauen. Darin befand sich die Apotheke mit Apothekerflaschen und -gläsern, beschrifteten Gefäßen und einer prächtigen Holzvertäfelung. Das alles war bis vor kurzem noch intakt - seit einer Woche ist es zerstört.

Wann waren Sie zum ersten Mal in Haiti?

Ostern 1968, während in Deutschland die Springer-Häuser brannten. Es ging um Erbschaftsangelegenheiten. Mein Vater hatte mich gebeten, ihn zu begleiten. Es war die Zeit von Papa Doc, eine finstere Diktatur, faschistisch kann man sagen, aber man könnte auch sagen: stalinistisch. Papa Doc bewunderte sowohl Stalin wie Hitler. Aber auch de Gaulle, Mao Tse Tung, Mohammed und Jesus Christus gab er als Vorbilder an. Eine Voodoo-Diktatur finsterster Art.

Ich hatte damals linke Illusionen, darunter die, man könne so etwas mit einer Revolution à la Che Guevara abschaffen. Alle, die das versuchten, scheiterten blutig. Papa Doc regierte bis zu seinem Tode, er starb friedlich im Bett. Danach kamen noch fünfzehn Jahre, in denen sein Sohn Baby Doc regierte. Diese insgesamt neunundzwanzig Jahre Diktatur haben die Substanz des Landes zerstört.

Papa Doc schottete Haiti ab. Investitionen interessierten ihn nicht. Er war - im Gegensatz zu seinem Sohn - nicht auf Bereicherung aus. Geld interessierte ihn nicht. Er wollte Macht ausüben und Schrecken verbreiten. Dazu diente ihm eine von ihm aufgestellte Truppe, die Tontons Macoutes (zu deutsch etwa: Knecht Ruprecht), eine Miliz, die später sogar die Armee entmachtete.

Der Mann meiner Tante, ein Offizier der Palastwache, wurde zusammen mit anderen Armeeangehörigen eines Nachts verhaftet und ohne Prozess erschossen. Insgesamt sollen einhundert Mann bei dieser Aktion getötet worden sein. Papa Doc brüstete sich, er habe eine Methode ersonnen, um 20000 Menschen pro Jahr spurlos verschwinden zu lassen. Mal regierte er mit Unterstützung der USA, mal gab es Konflikte mit den Vereinigten Staaten, aber er war ganz sicher keine Marionette Washingtons.

Warum nennen Sie Papa Docs Regime eine Voodoo-Diktatur?

1915 waren amerikanische Marines in Haiti gelandet. Angeblich fürchtete man - es war der Erste Weltkrieg - Deutschland werde eine Marinebasis auf Haiti errichten. Außerdem wechselten ständig die Regierungen. Die USA besetzten das Land bis 1934. In jenen Jahren besannen sich die haitianischen Intellektuellen auf ihre afrikanischen Wurzeln. Papa Doc war - wenn auch mehr am Rande - einer von ihnen. Damals publizierte er obskure Aufsätze über Voodoo in einer ethnographischen Zeitschrift. Im Wahlkampf in den 50er Jahren trat er dann als Voodoo-Doktor und Voodoo-Priester auf. Mit dicker Hornbrille, schwarzem Hut, schwarzem Anzug und einem Spazierstock.

Er wirkte wie eine Reinkarnation von Baron Samedi, Baron Samstag, dem Totengott des Voodoo. Er war selbst der Oberpriester des haitianischen Voodoo. In den Schulen wurde ein Gebet eingeführt, das mit den Worten begann: "Doc, der Du regierst im Palast, töte alle Deine Feinde...". Und Schulklassen wurden dazu verdonnert, geschlossen bei der Erschießung von Regimegegnern an der Friedhofsmauer von Port-au-Prince zuzuschauen.

Ein surrealistischer Wahn. Das muss Sie doch fasziniert haben?

Ja natürlich. Hinzu kommt, dass all das sich abspielte in einer Gesellschaft, die das Produkt einer welthistorischen Befreiung war. In Haiti - und nirgendwo sonst in der Weltgeschichte - haben schwarze Sklaven sich befreit und einen eigenen Staat aufgebaut. Aber die Geschichte ist kompliziert. Zunächst hatten die Mulatten, Nachkommen unehelicher Kinder, die weiße Pflanzer mit ihren schwarzen Mätressen gezeugt hatten, die Botschaft von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gehört und beim Wort genommen, dann kam ein Sklavenaufstand hinzu. England und Spanien mischten sich ein.

Aber am Ende siegte der Spartakus-Aufstand. Darauf ist Haiti noch heute zu Recht stolz. Später ernannte Dessalines, der Führer des Aufstands, sich zum Kaiser und ließ alle Franzosen umbringen. Alle, einschließlich der Frauen und Kinder. Deutsche und Polen dagegen durften in Haiti bleiben. Sie waren als Soldaten mit der napoleonischen Invasionsarmee nach Haiti gekommen. Als sie hörten, wie die Aufständischen die Marseillaise sangen, liefen sie über zu den schwarzen Sklaven.

In diesem Land herrscht der Gott des Gemetzels?

Das ist ein wenig vereinfacht. Es gibt auch ganz andere Seiten Haitis. Aber zu den Schrecken der Vergangenheit und der jeweiligen Gegenwart kommt hinzu, dass in Haiti die Zeiten nicht säuberlich getrennt werden. Die Gespenster der Vergangenheit werden ständig wiederbelebt. In Voodoo-Zeremonien beschwört man die Führer der Revolution. Gewalt war und ist immer präsent. Aber Haiti unterstützte zum Beispiel auch den Aufstand der Griechen gegen das osmanische Reich. Die schwarzen Revolutionäre erkannten in den griechischen Freiheitskämpfern ihre Mitstreiter. Darum kann heute noch jeder Inhaber eines haitianischen Passes frei nach Griechenland einreisen.

Aber dennoch gab es die Blutbäder von Papa und Baby Doc zwischen 1957 und 1986?

Unter Baby Doc sah das schon etwas anders aus. Er ließ Investoren ins Land. In der Nähe des Flughafens entstanden Fabriken, in denen Baseball-Bälle, T-Shirts und Jeans genäht wurden. Wahrscheinlich hat das Erdbeben sie zerstört. Aber der Bevölkerung ging es nicht mehr so schlecht, und Haiti - das passt zum Stichwort Blutbad - wurde eines der wichtigen Exportländer für Blutkonserven. Tiefgefrorene Leichen wurden an Anatomien in Kanada geliefert. Das war die Zeit, in der Haiti sich gleichzeitig eines gewissen Rufes bei internationalen Showgrößen erfreute. Mick Jagger zum Beispiel war oft da. Es gab ein Nachtleben wie an wenig anderen Orten auf der Welt.

Ich sprach vorhin vom Surrealismus...

André Breton kam 1945 nach Haiti und propagierte das, was er unter Berufung auf Rimbaud die Entregelung oder Entriegelung der Sinne nannte. Seine Begeisterung übertrug sich auf die Zuhörer. Die Studenten demonstrierten gegen die Regierung, die Arbeiter streikten, und eine Woche später stürzte das korrupte Regime des Präsidenten Lescot. Breton erklärte damals, Haiti sei das Heimatland des Surrealismus. Hier fühlte er sich zu Hause.

Man lacht, aber der Sturz der Regierung hatte sicher noch tiefere Gründe?

Es war die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. In den Truppen der Alliierten hatten Soldaten aus den Kolonien mitgekämpft. Sie hatten gesehen, dass und wie eine Fremdherrschaft gestürzt werden kann. Das Ende der Kolonialreiche war in Sicht. Die Entkolonialisierung stand auf der Tagesordnung, und die Mischung aus burleskem Witz und blutigem Ernst, dieses Kasperletheater, in dem Haiti schon immer gelebt hatte, war zu einem Teil der Weltlage geworden.

Sie sprachen schon von Mulatten und Schwarzen

Es gibt einige wenige, vielleicht ein Prozent Weiße, darunter Deutsche wie in meiner Familie. Aber es gab in Haiti keinen Rassismus, statt dessen immer schon eine Art fröhlicher Vermischung. Die Oberschicht bildeten die Mulatten. Das ist in Haiti kein Schimpfwort, sondern es bezeichnet Mischlinge. In der Geschichte Haitis gab es immer wieder schwarze Diktatoren wie zum Beispiel Papa Doc, die es besonders auf die Mulatten abgesehen hatten. Aber das stimmt so nicht ganz. Es ist nicht nur eine Frage der Hautfarbe, sondern auch der sozialen Stellung.

Die Mulatten waren die Geschäftsleute, die Oberschicht. Sie hatten eine Tendenz, weiße Frauen zu heiraten um, wie man in Haiti offen sagt, "die Hautfarbe aufzuhellen". Ein kreolisches Sprichwort besagt: Ein reicher Neger ist ein Mulatte und ein armer Mulatte ist ein Neger. Dieser Konflikt dauerte auch unter Papa und Baby Doc an.

Sie sagen immer: kein Rassismus. Aber warum ist dann die Aufhellung der Haut so erstrebenswert?

Es geht um sozialen Aufstieg, also doch eine Art von Rassismus, wenn man so will. Aber es gab keine Diskriminierung der Schwarzen durch die Weißen oder umgekehrt. Als die USA von 1915 bis 1934 Haiti besetzten, wollten sie die Rassentrennung einführen wie damals in den Südstaaten. Damit brachten sie alle Haitianer gegen sich auf. Kein Weißer, kein Mulatte und natürlich auch kein Schwarzer wollte so etwas. Es gibt einen ausgeprägten Nationalstolz in Haiti, und im Ernstfall ziehen alle am gleichen Strang. Aber auf sozialer Ebene existieren Spannungen zwischen Mulatten und Schwarzen nach wie vor.

Inzwischen hat sich die Lage durch den Zuzug christlicher Libanesen noch einmal verändert. Sie kamen als Trödler und Hausierer. Inzwischen gehören sie zur haitianischen Oberschicht. Sie sind in allen politischen Lagern zu finden, an allen Schaltstellen. Es sind die gleichen Leute, die man heute von Mexiko bis Argentinien antrifft. Gut vernetzte Gemeinschaften. Der einstige argentinische Präsident Menem entstammte einer solchen Familie.

Sprechen Sie über den Präsidenten Aristide...

Der polnische Papst kam nach Haiti, predigte öffentlich und erklärte: Hier muss sich etwas ändern. Die katholische Kirche richtete einen eigenen Radiosender ein, dann tat die evangelische Kirche das auch. So entstand eine regimekritische Öffentlichkeit in Haiti, eine Volksbewegung, die Baby Doc weggefegt hat. Es folgten Umstürze, Massaker. Da war es dann kein Wunder, dass 1990 ein Salesianer, der Armenpriester Jean-Bertrand Aristide, zum Präsidenten gewählt wurde.

Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Auflösung der Armee, die allgemein verhasst war wegen ihrer Brutalität. An ihre Stelle trat die neugeschaffene Polizei, die aber nie die Sicherheit der Bevölkerung gewährleisten konnte. Damit sind wir bei den Problemen der Gegenwart. Aristide gab sich salbungsvoll und sanft, sprach von Liebe und Frieden, doch gleichzeitig ließ er Gegner umbringen, und die kolumbianische Drogenmafia fasste Fuß in Haiti und machte die Slums zu ihren Zentren. Dort wurden und werden Waffen, Drogen und Entführungsopfer als Geiseln versteckt. Nichts wäre dümmer, als die Slumviertel zu Horten edler Armut zu stilisieren.

Die Korruption wuchs. Der Staat zerfiel. Der Widerstand der Zivilgesellschaft wurde immer stärker, und Anfang 2004 floh Aristide ins Exil. Seitdem kommt Haiti nicht zur Ruhe. Es ist ein zerfallender Staat, steht unter Aufsicht der UN, ist entmündigt, und die Regierung glänzt durch Abwesenheit. Es dauerte eine Woche, bis Präsident Préval nach dem Erdbeben den Notstand erklärte. Aristide droht jetzt mit Rückkehr. Das will außerhalb der von der Drogenmafia kontrollierten Slums wohl niemand, denn dann würden auf den Trümmern des Erbebebens politische Kämpfe ausgetragen.

Wie wäre das zu vermeiden? Ist es auch nur denkbar, dass das Geld, das jetzt ins Land fließt, nicht genau zu denen geht, die zur Misere des Landes beigetragen haben?

Ich denke, die großflächige Zerstörung bietet die Chance, das schon vor dem Erdbeben völlig ruinierte Port-au-Prince neu aufzubauen. Elektrische Leitungen, Wasser, Müllabfuhr. Eine elementare Infrastruktur muss bereitgestellt werden. Allein in einem einzigen Slum, in Cité Carton (Kartonstadt), vegetieren 300 000 Menschen.

Das sind die Aufgaben, für die Geld bereit gestellt werden muss. Doch es gibt keinen funktionierenden Staat, der damit umgehen könnte, dafür aber jede Menge krimineller Strukturen, die zu allen Schandtaten bereitstehen. Wie soll das gut enden? Wie kann man dafür sorgen, dass wenigstens zehn Prozent der Investitionen in eine wirklich funktionierende Wasserleitung gehen?

Nicht alle Missstände haben politische Ursachen - vieles liegt in der Natur der Sache, ist Folge der Unterentwicklung. Die Umwelt ist zerstört, das Land überbevölkert. Das sind nicht nur kriminelle Strukturen, sondern auch objektive, kaum noch zu beseitigende Hindernisse. Haiti wurde entwaldet, und tropische Sturzregen lassen ganze Siedlungen von den Berghängen rutschen. Bisher haben die UN Schadensbegrenzung betrieben. Sie haben dafür gesorgt, dass die Kinder zur Schule konnten, dass der Müll ab und zu beseitigt wurde, dass Märkte abgehalten werden konnten. Mehr nicht.

Zugleich ist Haiti, seit es unter Kuratel der UN steht, entmündigt worden. Straßen und Brücken werden nicht mehr von den Anwohnern, sondern von internationalen Organisationen repariert. Reis wird importiert, sogar Zucker. Haiti hat früher ganz Frankreich mit Zucker und Kaffee versorgt.

Genug von Gemetzel und Katastrophen! Welchen Autor Haitis muss ich lesen, welche Bilder sehen, welche Musik hören?

Vergessen Sie den Tanz nicht! Es gibt drei literarische Klassiker, die ich im Suhrkamp-Verlag herausgebracht habe. Da ist zunächst Jacques Roumain, 1907 - 1944, "Herren über den Tau". Roumain war Ethnologe, ein Kenner des Voodoo und Gründer der Kommunistischen Partei Haitis. Er erzählt aus der Perspektive der Bauern, ein Resultat des Indigenismus, den wir bei Papa Doc beobachteten.

Dann ist da Jacques Stéphen Alexis, 1922 - 1941. Auch er gründete eine kommunistische Partei. Auch er stammte aus der Oberschicht, auch er erzählt vom Kampf der Bauern. Als er in Moskau auf einer Konferenz der Kommunistischen Parteien war, wo der Konflikt zwischen der Sowjetunion und China ausbrach, stand er auf und forderte sehr bewegend die Einheit der Kommunistischen Bewegung.

Chruschtschow war so gerührt, dass er ihm einen Koffer mit Geld gab. Alexis schleppte das zu seinen Bauern nach Haiti, verteilte es unter ihnen und forderte sie auf, gegen Papa Doc in den Krieg zu ziehen. Sie taten das nicht. Sie riefen stattdessen Papa Docs Mördermiliz, die Tontons Macoutes, und die folterten Alexis zu Tode. Der dritte im Bunde ist René Depestre, geboren 1926, einer jener jungen Dichter, die Breton damals zuhörten und den Aufstand probten. Er lebt heute in Südfrankreich. Bei den Malern denke ich an die Brüder Obin, die beide 1977 starben.

Einer von beiden malt sich selbst auf einem Stuhl sitzend - ein wenig im Stil von Henri Rousseau - und darunter steht: "Der Maler Obin sinnt nach über Probleme der Malerei." Eine naive Kunst voller Hintersinn und Ironie. Die karnevaleske Stimmung, die uns im Jazz begeistert, gehört zum Lebensgefühl Haitis und kommt auch in der Malerei zum Ausdruck....

Lieber Herr Buch, Vielen, vielen Dank.

Interview: Arno Widmann

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