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Haiti Haitianer vegetieren im Elend

Die Mehrheit der Haitianer vegetiert im Elend, während die Ex-Bourgeoisie von Im- und Exportgeschäften profitiert, wenig oder keine Steuern zahlt und in schockierendem Luxus lebt.

Haiti
Haitis Marktfrauen kennen die Preise in Miami ganz genau. Seifenverkäuferin in Port-au-Prince. Foto: afp

Port-au-Prince. Der Haiti-Besuch Wole Soyinkas, Literaturnobelpreisträger und mutiger Streiter für Freiheit und Demokratie, fiel zusammen mit einem Sex-Skandal bei der Hilfsorganisation Oxfam, deren Mitarbeiter Minderjährige missbraucht haben sollen. Kurz zuvor ging der Eiserne Markt, das für achtzehn Millionen Dollar renovierte Wahrzeichen der Stadt, in Flammen auf: Ein durch illegale Müllverbrennung verursachtes Feuer, für das keine Versicherung zahlt – in der Markthalle lagerten Waren und Geld.

Vergewaltigung gilt als Kavaliersdelikt

Der Staatschef Jovenel Moïse verspricht, den Wildwuchs in Haiti tätiger Hilfsdienste zu beschneiden, und vergisst dabei, dass sein Vorgänger und Ziehvater Michel Martelly, alias Sweet Mickey, sich als Rap-Sänger und Politiker einer obszönen Sprache bedient, die von Frauenverachtung nur so strotzt: Der #MeToo-Bewegung bleibt hierzulande viel zu tun, wo Vergewaltigung als Kavaliersdelikt und Kinderreichtum als Altersvorsorge gilt. Die Hälfte der Bevölkerung ist unter zwanzig, die Umwelt wurde irreparabel zerstört, die Arbeitslosigkeit liegt bei siebzig Prozent. Das Erdbeben von Januar 2010 tötete 250.000 Menschen, Zeltstädte sind verschwunden, aber zum Abriss bestimmte Bauten werden weiter genutzt, der Tropenregen schwemmt Ackererde ins Meer, das als Mülldeponie dient, Fische und Korallenriffe sterben ab. 

Die Mehrheit der Haitianer vegetiert im Elend, während die Ex-Bourgeoisie, deren Platz heute Nachfahren libanesischer Kaufleute einnehmen, von Im- und Exportgeschäften profitiert, wenig oder keine Steuern zahlt und in schockierendem Luxus lebt. Zu schweigen vom Drogenhandel, der die gesamte Region destabilisiert und Haiti als Zwischenlager missbraucht. 

„Wer hätte das gedacht“, sagt Broder Schütt, 73, dessen Familie sich 1832 in Cap Haitien niederliess und seitdem weiß und deutsch geblieben ist. Er leitete eine Kaffeeplantage, war Honorarkonsul der Bundesrepublik und kümmert sich um Kreuzfahrtschiffe, die am Strand von Labadie anlegen, wo Haiti en miniature nachgebaut wurde mit Trommeln und Tanz, aber ohne die Armutskriminalität, ausgesperrt durch haushohen Nato-Draht. „Wer hätte was gedacht?“ 

650.000 Touristen im letzten Jahr, fährt er fort, unter ihnen Deutsche, überwiegend Senioren, die zu gebrechlich seien, um die Zitadelle des Ex-Sklaven König Christophe, einen Unesco-Weltkulturerbeort, per Pferd zu erreichen. „Aber es tut sich was“: Marriot baut ein Luxushotel am historischen Fort Picolet, und täglich landen vollbesetzte Jets mit Touristen aus Florida am Flugplatz von Cap Haitien. „Das ist nur ein Vorbote“, fügt er hinzu, Haiti sei fest in chinesischer Hand. – Wie das? – Broder Schütt zeigt auf Hao-Jin-Motorräder aus der VR China, die dicht an dicht vorbeibrausen und mit riskanten Manövern wild hupende Autos überholen, besetzt von zwei, drei oder mehr Personen mit Kindern, Körben und Säcken im Schoß: Ein furchterregender Anblick, wenn man bedenkt, was im Verkehrsgewühl passieren kann und ständig passiert.

„Die Motorräder sind eine Plage, aber wie Handys aus Taiwan, die jetzt jeder besitzt, haben sie Haiti gründlicher verändert als alle Entwicklungsprogramme zusammen, weil sie Bergpfade erklimmen, auf denen LKWs und PKWs steckenbleiben. Per Handy wird Geld überwiesen, und Haitis Marktfrauen wissen genau Bescheid über die Preise in Miami, wo sie Waren en gros einkaufen!“

Männer schuften für Hungerlöhne

Die Probe aufs Exempel ist Mont Organisé, ein hochgelegenes Bergdorf, wo es nachts kühl ist wie im Sommer im Schwarzwald. Die deutsche Welthungerhilfe betreibt hier großflächig die Wiederaufforstung abgeholzter Pinienwälder, ein Programm, das gut funktioniert, obwohl oder weil nur Frauen, Kinder und Alte auf den kahlen Bergen leben. Die Männer schuften für Hungerlöhne in der Dominikanischen Republik oder versuchen in Chile ihr Glück, das nach dem Erdbeben Arbeitsuchenden aus Haiti die Grenzen öffnete. Globalisierung auch hier: Exil-Haitianer aus USA kehren in ihre Heimat zurück, und zigtausend Migranten warten täglich auf Flüge, für die sie sich das Geld vom Munde absparen, nach Chile, aus ihrer Sicht trotz rassistischer Gewalt ein gelobtes Land. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Haiti

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