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Hagen Rether in der Alten Oper Der Ironman des Kabaretts

Ständig wird uns eine neue Voodoo-Puppe hingehalten, in die wir dann unsere Nadeln hineinstechen können und sollen. Das lenkt von den eigentlichen Skandalen ab, sagt Hagen Rether. Der Kabarettist gastierte am Wochenende in der Alten Oper in Frankfurt.

14.02.2016 15:31
Wolfgang Heininger
Hagen Rether in der Alten Oper Frankfurt. Foto: Alte Oper/Wonge Bergmann

Vergnügungssteuer dürfte für so einen Abend mit dem Wahl-Essener eigentlich nicht erhoben werden. Dreieinhalb bis vier Stunden Aufmerksamkeit verlangt der Marathon-Läufer unter den Kleinkünstlern seinem Publikum ab. Es soll gefälligst mitlaufen. Und am Ende sind die Zuhörer trotz des Plaudertons gedanklich ausgepowert und müde. Rether selbst aber macht den Eindruck, als könnte er mühelos bis zum Morgen weitererzählen.

Seine Begrüßung, wie er es nennt, dauert schon mal zwei Stunden. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum sich Rether kaum noch im Fernsehen sehen lässt. Denn bis der gebürtige Bukarester auf Touren kommt, ist die Sendezeit für mediale Satire meist schon abgelaufen.

Der Flügel, an dem er sich auf einem Bürostuhl herum räkelt, bleibt zumeist Requisit. Nur zwei Mal spielt der 46-Jährige darauf. Dafür poliert er das Instrument, mal mehr, mal weniger ausgiebig, wie an diesem Samstag. Zu lachen gibt es auch nicht viel. Auf Schenkelklopfer auf Kosten von Promis und Politikern verzichtet er mittlerweile fast vollständig.

Für Tagesaktualität gibt es die Zeitung

Auch der Tagesaktualität – „Dafür können Sie sich eine Zeitung kaufen“ – fühlt er sich nicht verpflichtet – „außer wenn es gerade passt“. Etwa das Thema VW: „Du wirst doch nicht ein Milliardenkonzern, wenn du nett und ehrlich bist“, hält er denjenigen entgegen, die von dem massenhaften Emissionsbetrug aus Wolfsburg erstaunt und enttäuscht sind. Und verweist auf die „üblichen“ Praktiken von Macht-habenden Unternehmen wie Monsanto oder Nestlé.

Dass Nestlé bestrebt ist, den weltweiten Handel mit Trinkwasser zu beherrschen und die Menschen, ob in den USA oder in Afrika, von den eigenen Quellen abzuschneiden. Am Ende müssen sie ihr Wasser in Nestléflaschen verpackt teuer zurückkaufen. Wenn sie es sich überhaupt leisten können.

Rether berichtet vom Massensuizid in Indien, wo Kleinbauern immer stärker in die Abhängigkeit des Dünger- und Pestizidherstellers Monsanto gebracht werden, sich verschulden müssen und bei ausbleibenden Ernteerträgen ruiniert sind. Zigtausende indische Landwirte hätten sich das Leben genommen, oft indem sie das Monsanto-Gift tranken. Und solchen Konzernen werde jetzt auch noch das Freihandelsabkommen TTIP

nachgeworfen, „damit es noch besser flutscht“.

Womit der Kern der Retherschen Botschaft deutlich wird: Natürlich tragen Wirtschaftsbosse und Regierungen seit Jahrhunderten Verantwortung für Sklaverei, Ausbeutung und „Ökoterrorismus“. Aber die Gesellschaft, die dem nichts entgegensetzt und ihr eigenes Konsumverhalten beibehält, lässt es zu, dass Sklaverei, Ausbeutung und „Ökoterrorismus“ fortgesetzt werden – mit der logischen Folge von Kriegen und Flucht aus den verheerten Ländern.

Flüchtlinge sind Heimatvertriebene

An dieser Stelle führt Hagen Rether den Begriff der „Heimatvertriebenen“ ein, der vor allem Unionschristen den Schaum auf die Lippen treibt. Und er rückt die Relationen zu Recht: Wenn der Staat acht Milliarden für die Heimatvertriebenen zusätzlich aufbringe, dann sei das etwa genauso viel, wie die Deutschen jährlich für die Haltung von Haustieren ausgeben.

Für den Krieg in Afghanistan habe die Bundesrepublik 36 Milliarden ausgegeben. Und für die Bankenrettung seien 480 Milliarden handstreichartig bewilligt worden, weil die als „too big to fail“ angesehen wurden, also zu wichtig, um sie kaputt gehen zu lassen. Für Hagen Rether dagegen sind eine Million oder mehr Flüchtlinge „too big to fail“.

Der tägliche Popanz zur Ablenkung

Aber anstatt sich mit diesen Problemen vom Grunde her zu beschäftigen, werde beinahe täglich ein neuer medialer Popanz aufgebaut, Voodoo-Puppen vorgezeigt, an denen man seinen Zorn abreagieren könne. Gerne genommen werden demnach Einzelpersonen wie der Protz-Bischof Tebartz van Elst, ein Sex-Unhold wie der SPD-Politiker Sebastian Edathy, Tier- und Menschenseuche oder ohnehin benachteiligte Gruppen wie jetzt die Heimatvertriebenen aus Afrika und dem mittleren Osten.

Still ist es nun im Saal, nur vereinzelt gibt es mal einen verdrucksten Lacher. Dennoch reisen die Menschen zu Tausenden aus allen Teilen der Republik an, um sich von Hagen Rether den Kopf waschen zu lassen und ihn dann auch noch mit brausenden Applaus zu verabschieden. Der Vielredner, der kaum etwas Privates von sich preisgibt, außer dass er sich mittlerweile vegan ernährt, ist ein Phänomen.

Hagen Rether gastiert am 22. April in der Orangerie Fulda, am 1. Mai im BIKUZ Frankfurt Höchst, am 6. Juni im Mainzer Unterhaus, am 2. November im Kulturforum Bad Vilbel-Dortelweil und am 6. November im Staatstheater Darmstadt.

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