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Gus Van Sants neuer Film "Milk" Im richtigen Moment

Gus Van Sants Film über den ermordeten Bürgerrechtler Harvey Milk in den USA.

Sean Penn
Grund zur Freude: Sean Penn spielt Harvey Milk. Foto: ap

Gus Van Sants neuer Film "Milk", ein Biopic über den schwulen Bürgerrechtler Harvey Milk, hätte zu keinem passenderen Zeitpunkt in die amerikanischen Kinos kommen können. Ursprünglich sollte "Milk" ein erbaulicher "Problem"-Streifen mit einem inspirierenden Helden zum Beginn der Feiertags- und Oscarsaison werden. Aber die Gesetzesvorlage 8, mit der die Entscheidung des obersten kalifornischen Gerichts, die Schwulenehe zu legalisieren, als verfassungswidrig erklärt wurde, hat dem Film unerwartet eine tragische und dringliche Note verliehen: "Milk ist plötzlich ein lautes Klagelied und ein Aufruf zum Handeln", schrieb das Internetmagazin Slate.

Den erzählerischen Rahmen von "Milk" bildet eine Tonbandaufnahme, die der erste offen schwule Politiker der USA 1978, nur Wochen vor seinem Tod, in seiner Wohnung in San Francisco anfertigte. Der Stadtverordnete wusste, dass er jederzeit mit einem Attentat zu rechnen hatte und setzte sich an seinen Küchentisch in seinem geliebten Castro-Distrikt, um vorsorglich sein Vermächtnis aufzuzeichnen. Dieses Tonband war schon in Rob Epsteins Dokumentarfilm "The Times of Harvey Milk" von 1984 zu hören.

Barack Obama muss diesen Dokumentarfilm, auf den sich "Milk" in weiten Teilen stützt, schon vor langer Zeit gesehen haben, denn die Botschaft von Milks Vermächtnis ist der Obama-Botschaft frappierend ähnlich. Hoffnung ist das zentrale Motiv dieser Botschaft, jene Hoffnung, die Milk durch seine offene Homosexualität und seinen Kampf um einen Platz im öffentlichen Leben Amerikas all jenen geben wollte, die aufgrund ihrer Sexualität diskriminiert wurden oder es gar nicht erst wagten, sich zu ihrer Sexualität zu bekennen. Die Hoffnungsbotschaft war, genau wie bei Obama, gepaart mit einer Botschaft der Verbrüderung und Versöhnung: Die "us-es" (die "Wirs") nannte damals Milk jene Koalition aus Asiaten, Schwarzen, Arbeitern, Frauen und Senioren, die er gemeinsam in die Schlacht um die Teilhabe am American Dream führen wollte.

Und nun, nach der Gesetzesvorlage 8, erscheinen die Zeiten von Harvey Milk mit einem Mal wie das kurze Aufflackern einer von Anfang an totgeweihten Utopie. Es war wohl wirklich ein einzigartiger kultureller Moment damals in San Francisco.

Gus Van Sant hat sehr viel Liebe und Kunstfertigkeit darauf verwendet, ihn detailgetreu wieder auferstehen zu lassen. Harvey Milk und seine Entourage hatten das ehemalige Arbeiterviertel Castro, wo "Milk" an Originalschauplätzen gedreht wurde, in ein Refugium für Schwule aus dem ganzen Land verwandelt und ein Bündnis mit schwarzen Bürgerrechtlern, Frauengruppen und den benachbarten Hippies von Haight Ashbury gebildet.

Als Milk in die Stadtregierung gewählt wurde und mit dem progressiven Bürgermeister George Moscone Hand in Hand an weitreichenden sozialen Reformen arbeitete, schien es, als könne sich von San Francisco aus eine kulturelle Revolution über das ganze Land ausbreiten.

Aber kurz nach der Ermordung von Milk und Moscone durch den frustrierten konservativen Stadtverordneten Dan White, der dann gerade einmal zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde, begann die Reagan-Ära in Amerika - jene 30 langen Jahre der konservativen Dominanz des Landes.

Am 4. November dieses Jahres glaubten viele Amerikaner, dass diese Ära zu Ende sei und dass die Zeiten von Harvey Milk zurückkommen. Mittlerweile fürchten jedoch viele, dass sie sich zu früh gefreut haben.

Der Filmtrailer bei Youtube (in englisch):

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