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Günter Grass Der Rufer in der Wüste

Knapp ein halbes Jahr nach seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ hat Günter Grass sich erneut mit Israel angelegt - und ruft im geschmeidig galoppierenden klassischen Versmaß und im hochliterarischen Imperfekt zum militärischen Geheimnisverrat in aller Welt auf.

01.10.2012 16:19
Sabine Vogel
Günter Grass auf der Bühne. Foto: AFP

Knapp ein halbes Jahr nach seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ hat Günter Grass sich erneut mit Israel angelegt - und ruft im geschmeidig galoppierenden klassischen Versmaß und im hochliterarischen Imperfekt zum militärischen Geheimnisverrat in aller Welt auf.

Er hat es wieder getan. Knapp ein halbes Jahr nach seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ hat Günter Grass sich erneut mit Israel angelegt. Grass hielt Israel darin vor, mit seinen Atomwaffen den Weltfrieden zu gefährden und hatte sich damit ein Einreiseverbot eingehandelt. Nun setzt er noch eins drauf. In seinem neuen Gedichtband „Eintagsfliegen“ würdigt er den als Geheimnisverräter inhaftierten israelischen Nukleartechniker Mordechai Vanunu als „Gerechten, der seinem Land getreu blieb all die Jahre lang“.

„Ein Held unserer Tage“, so der Titel dieses Gedichtes, ehrt den zum Christentum konvertierten Rabbinersohn Vanunu, der 1986 das israelische Atomprogramm öffentlich gemacht hatte. Der „Rufer in der Wüste“ bekam „für seinen Mut und Opferwillen“ 1987 den Alternativen Nobelpreis zuerkannt, den er erst 2005 entgegennehmen konnte.

Ein Aufschrei wie erwartet

Grass thematisiert in seinem neuen Gedicht eine Geschichte, die in der Tat ein unrühmliches Schlaglicht auf die Selbstverteidigungsparanoia Israels wirft. „Cindy“, eine blonde Spionin des Mossad, hatte Vanunu seinerzeit von London nach Rom gelockt; der israelische Geheimdienst entführte ihn dort und brachte ihn nach Israel, wo er zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Davon saß er elf Jahre in Isolationshaft ab. 2009 lehnte Vanunu seine Nominierung für den Friedensnobelpreis ab, weil er nicht mit Simon Peres in einer Reihe stehen wollte, der damals seine Entführung angeordnet hatte.

Der Aufschrei aus Israel gegen Grass’ „obsessive Kampagne zur Beschämung Israels“ kam wie erwartet: Sein „Kreuzzug gegen das jüdische Volk und Israel“ sei unverzeihbar, erklärt Herzl Chakak, der Vorsitzende des hebräischsprachigen Schriftstellerverbandes – und versteigt sich zu einem mehr als fragwürdigen biologistischen Determinismus, demzufolge „in Grass’ Erbgut der Rassismus des Nazi-Regimes eingebrannt“ sei.

„Würde Grass gegen die nukleare Aufrüstung des Irans aktiv werden, könnte er so die Spuren des Hakenkreuzes auf seiner Kleidung löschen“, meint Chakak. Der Sprecher des israelischen Außenministeriums, Jigal Palmor, fand es mit ironischem Unterton „immerhin erfrischend“, dass vor Grass’ Augen zumindest ein Israeli Gnade fände.

Im geschmeidig galoppierenden klassischen Versmaß und im hochliterarischen Imperfekt ruft Grass in seinem Gedicht zum militärischen Geheimnisverrat in aller Welt auf: „Drum: Wer ein Vorbild sucht, versuche ihm zu gleichen, entkleide, werde mündig, spreche aus, was anderswo in Texas, Kiel, China, im Iran und Russlands Weite erklügelt wird und uns verborgen bleibt.“ Die Kieler Werft HDW baut für Israel atomwaffenfähige U-Boote.

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