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Günter Grass Betrachtungen eines Politischen

Glück sieht anders aus: Günter Grass' Tagebuch aus dem Vereinigungsjahr 1990. Von Ina Hartwig

07.02.2009 00:02
INA HARTWIG
Günter Grass, Tagebuchautor, im Jahre 1987. Foto: dpa

"Geschlechtliche Nacht mit K." heißt es in Thomas Manns Tagebuch, als handele es sich um etwas Außergewöhnliches in diesem Leben. "Ich massiere Utes langen, schönen Nacken", notiert Günter Grass in sein Tagebuch.

Seine zweite Ehefrau muss ihren Günter ebenfalls - wie Katia Mann ihren Tommy - mit einer anderen Leidenschaft teilen: Die gilt allerdings nicht jungen Kellnern, sondern der Partei. "Ach, meine lieben Sozialdemokraten, wohin hat es mich verschlagen!", entfährt es Grass wohlig-verzweifelt. Wir befinden uns im Vereinigungsjahr 1990, und der Nobelpreisträger in spe erwägt, Bündnis 90/Die Grünen zu wählen. Koketterie und Konflikt: Ständig wird der Parteiaustritt hinausgezögert - und am Ende dann nicht vollzogen, trotz Grass' Enttäuschung über die Sozis. Willy Brandt geht ihm zu viele Kompromisse ein, Oskar Lafontaine fehle die Vision über ein bloßes Nein hinaus.

Wie gut, dass Grass selber über die passende Vision verfügt. Eben hat er noch (im Tagebuch) gelästert, so einer wie Björn Engholm sei zu schöngeistig für die Politik, da berät er ihn schon bei sich zu Hause in Behlendorf, wo ihn der frisch gewählte SPD-Vorsitzende mit Frau und Tochter besucht. Das hört sich dann so an: "Kaffee und Kuchen, Obst, Schnaps, dann Weißwein: Franken. Für eine gute Stunde saßen Engholm und ich in meinem Atelier. Ich skizzierte ihm meine Vorstellungen zukünftiger Deutschlandpolitik und eventueller Zusammenarbeit. Grundlage alles weiteren wäre der Wille der SPD und des zukünftigen Vorsitzenden, die durch bloßen Anschluss zustandegekommene Großbundesrepublik in einen ,Bund deutscher Länder' umzugestalten, und zwar mittels neuer, auf dem bisherigen Grundgesetz fußender Verfassung."

"Unterwegs von Deutschland nach Deutschland" erscheint pünktlich zum 20. Jubiläumsjahr des Mauerfalls. Das Tagebuch will Zeugnis ablegen von Grass' tiefer Skepsis gegenüber dem deutsch-deutschen Vereinigungsprozess, den der gebürtige Danziger sich anders gewünscht hat, wie wir uns noch gut erinnern. Denn mag er sich damals auch marginalisiert gefühlt haben, so sind doch ausnahmslos alle seine Reden und Essays - Stichwort "Ein Schnäppchen namens DDR" - in den großen Zeitungen gedruckt worden.

Interessanter in diesen Betrachtungen eines Politischen mag daher das Ausgelassene sein: die verschwiemelte DDR-Nähe Lafontaines, die Grass nicht erkannt hat; oder die ebenfalls unterschätzte desaströse Dimension des ökonomischen Zusammenbruchs der Sowjetunion, der alles andere als ungefährlich war und schnelles Handeln erforderte.

All dies lässt Grass' Wunschvorstellung einer soften, die DDR-Biographien respektierenden deutsch-deutschen Zusammenführung - bei allen Fehlern, die im Einzelnen gemacht worden sind - doch arg träumerisch erscheinen.

Nicht nur der bisweilen arrogante Politikberaterton, die völlig ironiefreie Bedenkenträgerei machen die Lektüre dieses Tagebuchs lähmend. Grass selbst gibt zu, er sei "kein passionierter Tagebuchschreiber". Eben das könnte das eigentliche Problem sein: Denn es ist durchaus unklar, an wen sich diese seltsame Prosa richtet.

Man weiß nicht, wer hier zu wem spricht und zu welchem tieferen Zweck. Für Grass scheint die Möglichkeit undenkbar, dass von ihm notierte Sätze, von ihm gezeichnete Blätter (und er zeichnete in jenem Jahr viel) das Licht der Öffentlichkeit nicht erblickten.

Die große Bastelfamilie, bestehend aus einer erklecklichen Zahl von Söhnen, Lieblingssorgentöchtern und mehreren Müttern, macht ihn punktuell glücklich, wie er notiert (und man glaubt es ihm). Aber es sind sporadische, kurze, oft hastige Treffen des Patriarchen mit seinen Lieben (die sich untereinander nicht unbedingt lieben). Rastlos reist Grass von einem Haus ins nächste. Möchte er deshalb "lieber Zigeuner als Deutscher sein", wie das wohl peinlichste Gedankenspiel des Tagebuchs verrät? Das Haus in Portugal, die Kate in Dänemark, die Behausungen in Berlin und in Schleswig-Holstein - dazu längere Reisen in die DDR, Treffen mit Kollegen und Bürgerrechtlern, eine Fahrt nach Polen im Pulk des Bundespräsidenten von Weizsäcker (dessen "reizende Frau" ebenfalls Tagebuch führe), eine Elie-Wiesel-Konferenz in Oslo (wo Grass die "aufdringliche Überzahl amerikanischer Juden und Israelis" beklagt), daneben etliche Interviews, Auftritte, Diskussionen. Kurzum: Es drängt sich der Eindruck auf, dass der mit physischer Kraft gesegnete Mittsechziger zu viel unterwegs ist, um Zeit zu finden für einen relevanten Blick in sein Innenleben. Ein Journal intime sähe anders aus.

Und doch lässt sich, gewissermaßen kühl-statistisch, eine psychische Lage erkennen, die mit Selbstzufriedenheit falsch bezeichnet wäre. So schläft Grass oft schlecht und wenig, die durchwachten Nächte zehren an ihm, dann wieder plagen ihn Alpträume. Im portugiesischen Vale das Eiras, am 17. Oktober 1990, liegt er erkältet im Bett. "Erst jetzt wird mir die umfassende Depression deutlich, die mich seit Wochen (uneingestanden) in Besitz genommen hat."

Uneingestanden: Dies könnte das wichtigste Wort des Tagesbuchs sein. Und wenn man bedenkt, dass zu diesem Zeitpunkt noch etwas anderes uneingestanden war, nämlich seine Zeit bei der der Waffen-SS - dann ahnt man ein Brodeln, eine Verzagtheit, dann spürt man Selbstzweifel, die niemand ihm übel nähme, hätte er die passende, befreiende Sprache dafür gefunden. Möglicherweise ist es die Bürde eines Großteils jener Generation von Männern, dass ihnen dieses Glück versagt bleibt.

Günter Grass: Unterwegs von Deutschland nach Deutschland. Tagebuch 1990. Steidl Verlag, Göttingen 2009, 256 Seiten, 20 Euro.

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