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Großprojekt DAU Ein weites Feld der Spekulation

Die Berliner Mauer kehrt als Kunst zurück an einen Ort, wo sie niemals stand. Was soll das?

Der Verdacht auf Größenwahn war noch selten ein überzeugender Einwand gegen die Inszenierung künstlerischen Gestaltungswillens. Und die Umsetzung eines maßvollen politischen Pragmatismus steht gewiss nicht im Mittelpunkt der Überlegungen zum Großprojekt DAU, für das im Namen des Begriffs Freiheit in der Mitte Berlins ein ummauertes Stadtareal errichtet werden soll, um die Auswirkungen eines totalitären Regimes erfahrbar zu machen.

Das weite Feld der Spekulationen ist eröffnet, und die Aufladung einer Kulturveranstaltung zum symbolpolitischen Großvorhaben – weitere Veranstaltungen sollen in Paris und London stattfinden – wird nicht zuletzt durch den zeitlichen Rahmen vorgegeben. Zwischen dem 12. Oktober und 9. November wird es im Sperrbezirk rund um die Staatsoper Unter den Linden Grenz- und Visakontrollen geben, und die große Aufhebung der künstlerischen Vision ist für den Tag des Mauerfalls vorgesehen. Der Kalender liefert die schweren Zeichen der deutschen Geschichte frei Haus.

Der politische Zuspruch war denn auch von Beginn an beachtlich, für das Projekt des russischen Künstlers Ilya Khrzhanovsky haben sich umgehend der Regierende Bürgermeister Berlins, Michael Müller (SPD), und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) ausgesprochen, in deren kulturpolitischer Verantwortung die Berliner Festspiele als Ausrichter stehen. An künstlerischer Satisfaktionsfähigkeit mangelt es nicht, zu den Beteiligten gehören der Berliner Filmemacher Tom Tykwer, die stets anonym operierende Streetart-Legende Banksy und die Performance-Künstlerin Marina Abramovic, die mit ihren spektakulären ästhetischen Grenzgängen Weltruhm erlangt hat. So viel Prominenz kann nicht irren, scheint die Devise der Macher wohl auch mit Blick auf die durchaus vorhandene Skepsis gegenüber dem gigantisch daherkommenden Kunstprojekt zu sein. Das alles ist überaus ambitioniert, auch für die mit dem Vorhaben erst seit Kurzem konfrontierten Berliner Behörden. Die entsprechend gestellten Genehmigungsanträge harren seither der Bearbeitung.

Die naheliegenden Einwände sind natürlich bereits artikuliert worden. Was soll die Mauer an einem Ort, an dem sie sich nie befand? Und ist nicht gerade die künstliche Simulation einer autoritären Staates eine Verkennung der Erfahrungen von Menschen in totalitären Regimen? Zweifel sind nicht völlig abwegig, ob das bevorstehende Spektakel einer politischen Seriosität gerecht werden kann, die man insbesondere auch in einer Stadt erwarten muss, die binnen weniger Jahrzehnte Erfahrungen mit zwei totalitaristischen Regimen machen musste. Der Wille zum ästhetischen Ausdruck findet in historisch kontaminierten Gelände statt, und die Entstehungsgeschichte des soeben in den Kinos angelaufenen Films „Gundermann“ von Andreas Dresen zeigt, wie sich der Blick auf die DDR, die durch die Ortswahl zwangsläufig auch eine Projektionsfläche des DAU-Projektes sein muss, in den letzten Jahren verändert und verfeinert hat. Soll man vom DAU-Projekt nun politisches Einfühlungsvermögen erwarten?

Was es wird und wie es sich anfühlt, weiß man natürlich erst hinterher. Die Macher dürfen dabei auf die Neugier der Berliner Bevölkerung vertrauen, die künstlerischen Ausdrucksformen dieses Ausmaßes stets mit bewundernswerter Aufgeschlossenheit angenommen haben. Als paradigmatisches Ereignis darf in dieser Hinsicht noch immer die spektakuläre Verpackung des Reichstagsgebäudes im Sommer 1995 gelten. Über 20 Jahre lang hatte das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude auf die Realisierung ihres Vorhabens gedrungen, ehe der Deutsche Bundestag nach leidenschaftlich geführter Debatte im Februar 1994 seine Zustimmung zur Vollverkleidung des Reichstags mit einem aluminiumbedampftem Polypropylengewebe gab. Aus kunsthistorischer wie aus politischer Sicht ist der engagiert geführte Überzeugungskampf des Künstlerpaares für ihr Projekt heute selbst exemplarischer Bestandteil des Kunstwerks, das letztlich vor allem durch unprätentiöse Volkstauglichkeit überzeugte. Alle Bedenken und angestrengte ästhetische Überlegungen schienen verflogen, als die Berliner und ihre Gäste die Wiese vor dem Reichstag als temporäres Festplatzgelände für sich in Anspruch nahmen.

Dabei sollte man im Umgang mit dem DAU-Projekt nicht im Modus der Rückblende verharren. Mauern, Grenzen und Kontrollen erinnern ja nicht nur an die überwundenen Regime, sondern sie gehören auch zu den Instrumenten gegenwärtiger politischer Kräfte, die sich in vielen Ländern der Welt mit atemberaubender Obszönität zu etablieren versuchen. Künstlerische Produktion bietet dagegen kein verlässliches Heilmittel. Manchmal kommt sie selbst in einem totalitaristischen Gestus daher. Als Angebot, die Dinge aber auch einmal ganz anders zu sehen, besitzt sie einen oft unwiderstehlichen Charme, dem man sich nicht entziehen sollte. Erst recht nicht in Berlin, wo man es seit jeher verstanden hat, den wechselnden Aufregungen des Tages mit einer unerschütterlichen Gelassenheit zu begegnen.

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