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Grimm-Zentrum in Berlin Andrang auf den Leseterrassen

Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, die neue Zentralbibliothek der Humboldt-Universität, eröffnet. Es versammelt zwölf Teilbibliotheken der Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften unter einem Dach.

18.11.2009 00:11
Johannes Wendland
Viel Licht zum Lesen: Das Jacob- und-Wilhelm-Grimm-Zentrum. Foto: Stefan Müller

Bibliotheken wachsen. Und deshalb wird es in Bibliotheken von Zeit zu Zeit eng und enger, bis ein Umzug unausweichlich ist. Auch die 178-jährige Geschichte der Berliner Universitätsbibliothek handelt vor allem von Umzügen, Raumnöten und Provisorien. Für einige Jahrzehnte soll dieses Problem nun beseitigt sein: Am Donnerstag wird das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, die neue Zentralbibliothek der Humboldt-Universität, offiziell eröffnet. Hier sind zwölf ehemalige Teilbibliotheken der Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften unter einem Dach versammelt.

Die Eröffnung findet im Vollbetrieb statt. Seit Beginn des Wintersemesters stehen die Türen der neuen Bibliothek den Studierenden der Humboldt-Universität und anderen Benutzern offen. Und in diesen wenigen Wochen hat sich der Neubau schon als voller Erfolg erwiesen. Die Bibliothek erlebt einen Andrang, der der Verwaltung des Hauses noch Kopfzerbrechen bereiten könnte. Die Obergrenze von 5000 Benutzern pro Tag, für die das Haus dimensioniert ist, ist bereits erreicht. "Wir haben derzeit pro Tag so viele Besucher wie die früheren Teilbibliotheken zusammen in der Woche", erklärt Olaf Eigenbrodt von der Direktion der Bibliothek.

Ein Erfolg, der nicht zuletzt auf die Architektur des Hauses zurückzuführen ist. Der Schweizer Architekt Max Dudler hat einen höchst funktionalen, übersichtlichen und dabei sehr atmosphärischen Lern- und Arbeitsort entworfen. Die Aufgabe war nicht gerade einfach. Das Grundstück, das parallel zum S-Bahn-Viadukt zwischen Museumsinsel und Bahnhof Friedrichstraße liegt, war begrenzt und stieß nach Norden direkt gegen Brandmauern. Kein Ort für einen freistehenden, selbstverliebten Solitär, sondern für einen Bau, der sich bescheiden, aber selbstbewusst in die städtische Umgebung aus Kultur- und Wissenschaftsgebäuden ersten Ranges einfügt - einen Steinwurf entfernt liegen die Staatsbibliothek Unter den Linden, das Hauptgebäude der Humboldt-Universität und das Pergamon-Museum. Zugleich musste der Bau eine hohe Leistungsfähigkeit beweisen. Sollten doch rund 1,5 Millionen Bücher, Zeitschriften und andere Medien im Handbestand sofort zugänglich und eine weitere Million Bücher im Magazin untergebracht sein. Rund 1250 Lese- und Computerarbeitsplätze waren gewünscht, dazu sollte auch der Computer- und Medienservice der Humboldt-Universität Platz finden.

Der Bau mit seiner sandfarbenen Rasterfassade und den gestreckten Rechteckfenstern erfüllt diese Anforderungen mit Eleganz und beeindruckend unangestrengt. Rund um einen langen, bis unter ein luftiges Dach aus quadratischen Fensteröffnungen hinaufragenden zentralen Lesesaal sind auf fünf Etagen die Buchbestände aufgestellt. Übersichtlichkeit ist gegeben, die moderne Technik tut dann das Ihre, um die Büchersuche zu erleichtern. Schon zu Hause kann der Benutzer online im Bestandskatalog recherchieren und den genauen Standort des gesuchten Buches auf einem Plan einsehen.

Der zentrale Lesesaal ist der Clou des Baus - kein Wunder, dass sich die Studierenden bereits um die begrenzten Plätze streiten. Dudler hat den Saal in Terrassen angelegt, die von der Mitte nach beiden Seiten aufwärts steigen. Wie durch eine hölzerne Rasterfassade blickt man auf die Bücherregale. Das gestreckte Rechteck der Fassade taucht hier im Inneren als zentrales Gestaltungselement immer wieder auf - eine Reminiszenz an das Buch, zu finden vom Wandelement über die Form der Lesetische bis zum kühlen Industrieparkett, das einen Kontrast zur Wandtäfelung aus warmer Schwarzkirsche bildet. Dudler hat auch die Lesetische entworfen und perfekt auf seine Architektur abgestimmt. In einem Holzrahmen ist die Schreibfläche aus grünem Linoleum eingelegt. Die Tische zitieren ebenso die Einrichtung klassischer Universitätsbibliotheken wie die nüchternen, natürlich rechteckigen Leselampen, mit einem Schirm aus transparentem Stein versehen.

Den Benutzern steht modernste Bibliothekstechnik zur Verfügung, die allerdings noch mit Kinderkrankheiten zu kämpfen hat. Alle Bücher sind mit Strichcodes und/oder RFID-Chips - Miniatur-Kennungen auf der Basis von elektromagnetischen Wellen - versehen, die eine automatische Ausleihe und Rückgabe an Lesegeräten ermöglichen. Hinter der Rückgabe im zentralen Foyer des Baus befindet sich ein Verteilsystem, das die Bücher automatisch auf die Stockwerke bringt, wo sie wieder einsortiert werden. Das Kopierzentrum des Hauses ist mit bücherschonenden Kopiergeräten und Scannern ausgestattet. Die Benutzer können die gewünschten Bücher oder Artikel also nicht nur auf Papier, sondern auch auf dem Laptop oder USB-Stick mit nach Hause tragen.

Das Rundum-Wohlfühlerlebnis als Bibliotheksbenutzer wird allerdings gleich zu Beginn durch einen Schlechte-Laune-Moment getrübt. Lage und Gestaltung der Garderobe hat Dudler der strengen Symmetrie des Gebäudes untergeordnet - mit fatalen Folgen. Um Mantel und Tasche loszuwerden, muss man durch ein schmales, schmuckloses Treppenhaus zwei Stockwerke in den Keller steigen, wo man sein Hab und Gut in enge Metallboxen sperren muss. Das Treppenhaus, das den Charme eines Parkhausaufgangs atmet, zeigt schon jetzt starke Abnutzungsspuren an den Wänden.

Heute ist das Haus nach der offiziellen Eröffnung von 15 bis 22 Uhr in einem Tag der offenen Tür frei zugänglich.

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