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Griechenland Die Macht des Mythos

Wir waren doch einmal wer: Beobachtungen in Athen, angesichts einer verhängnisvollen Mischung aus ökonomischer Pleite und nationaler Legendenbildung. Von Christian Thomas

GREECE RIOTS
Dezember 2008: Historisches Athen nebst brennendem Müllhaufen. Foto: ap

Mitte September vor einem Jahr, an dem Wochenende der griechischen Parlamentswahlen, war ich in Athen, gemeinsam mit einigen Angestellten der Europäischen Zentralbank. Zusammen gingen wir auf dem Sýntagma-Platz unter die Karamanlis-Anhänger. Sie feierten den Sieg ihres konservativen Kandidaten mit den hellblau-weißgestreiften Fahnen und unter schaufenstergroßen TV-Leinwänden. Die Menge bekam Gelegenheit, sich im Triumph selbst zuzuschauen.

In den letzten Tagen zeigten Fernsehen und Fotostrecken den Sýntagma brennend. Auslöser war die Erschießung eines Fünfzehnjährigen durch die Athener Polizei, die Augenzeugen als Mord bezeichnen und Athens Zeitungen als die Tat eines auch unter Kollegen berüchtigten polizeilichen Rambos. Wie Alexandros Grigoropoulus sein Leben verlor, wird die Obduktion klären, ein Vorgang, in den jedoch nicht alle griechischen Staatsangehörigen Vertrauen haben dürften. Darunter sind einige Tausend, die sich Autonome oder Anarchisten nennen. Da hilft es gar nichts, wenn die Gesellschaft sie zu "selbsternannten Anarchisten" erklärt.

Denn die Selbstermächtigung macht den Anarchisten aus. Weder der Wille zum Zerstörungswerk noch ein in sich selbst verliebter Selbstbestimmungswille fragen nach amtlichen oder zivilen Zertifikaten. Die jungen oder alten Apologeten der Partisanentheorie werden davon fasziniert sein, wie blitzartig, wie effektiv 4000 Verwüstungswillige auf die Straße gebracht wurden, per SMS und Internet.

Athen hat tagelang das, was gemeinhin als Ausnahmezustand bezeichnet wird, erlebt. Im Gegensatz zu den Straßenschlachten, wie sie zuletzt in Frankreich tobten, hat die Anarchie sich nicht der Vorstädte und Trabantensiedlungen bemächtigt. In Athen regiert sie das Stadtzentrum und ignoriert die Vororte. Von Exarchia aus, dem Athener Stadtviertel, in dem die Unruhen am Wochenende begannen und wo Anarchisten und Autonome geradezu zu Hause sind, nahmen die Gewaltexzesse Besitz von den symbolischen und repräsentativen Orten der griechischen Hauptstadt. Das Echo hierzulande ist gering.

Überraschend gering? Griechenland hat sich in den letzten Jahren aus europäischer Perspektive als unerheblich erwiesen. Die Millionen, die wegen der Olympischen Spiele 2004 flossen, erscheinen schon dem flüchtigen Besucher, der vom Flughafen in die Stadt fährt, als sinnlos verbaut, die Verkehrsinfrastruktur bricht nach ein paar Kilometern im rechten Wickel ab in einer maroden Straße. Der Korridor, der durch den Sprawl führt, reiht kilometerlang Autosalons, anschließend fädeln sich Hotelbauten, dann, ebenso monoton und monofunktional, Appartements auf. Als wir das Thema während eines Mittagessens ansprachen, bissen wir auf Granit. Von griechischer Seite kam der Hinweis, Griechenland sei, ähnlich wie Deutschland, eine verspätete Nation. Aber erklärt das die Tatsache, dass die griechische Politik, wie die Banker monierten, so vieles versäume, viel zu wenig, vor allem fahrlässig wenig in die Bildung investiere?

Hell strahlten die Steine der Akropolis - und in weiter Ferne lag Europa. Weit jenseits vom Land der Albaner und Bulgaren, auch jenseits von Mazedonien, dem Land, zeigten wir uns gemeinsam verlegen. Denn darauf beharrten die Nationalbanker: Mazedonien, das ist seit Jahren das Land der Arbeitsimmigranten, mit allen Problemen für Griechenlands Konten und Kassen. War das das einzige Problem? Die Statistiken der Pisa-Studien sehen für Griechenland katastrophal aus, nein, nein, nicht nur jämmerlich, wie für uns, die deutschen Gäste. Hatte sich in den letzten Jahren etwas zum Besseren gewendet? Ja, zweifellos der Wein, also ein Toast auf den griechischen Wein, nickten wir uns zu.

Tags darauf sahen wir erneut, diesmal in entgegengesetzter Richtung, vom Bus aus, wie die Milliarden in Griechenlands Neubauboom stadtauswärts geflossen waren. Kilometerlang Appartementhäuser, dann Hotels, anschließend Autosalons. Da es längst gedämmert hatte, war das Problem offensichtlich. Immobilienleerstand. Ja, räumte unser Gastgeber beim Dinner im Yachthafen ein, es fehle in Griechenland die Mittelschicht, so etwas wie ein sowohl wirtschaftliches als auch gesellschaftliches Fundament, erläuterte der Manager der griechischen Nationalbank, das sei das eigentliche Problem, gestattete er kurz einen Einblick in seine Sorgen, bevor er sich der Lyrik zuwandte, den feinen Unterschieden zwischen Pound, Eliot, Kavafis.

Die Regisseure, Schauspieler, Musiker und Künstler, mit denen wir zusammenkamen, beschworen, sobald das Gespräch auf die griechische Gegenwart kam, mit leuchtenden Augen die 1960er Jahre, Griechenlands Aufbruch nach Europa, Griechenland vor der Diktatur. Wie eingekapselt in einer jüngeren Vergangenheit erschienen uns unsere Gesprächspartner, und keine einzige Unterhaltung, bei der uns nicht deutlich gemacht wurde, dass die griechische Kultur von ungemein weit her komme, aus den Urgründen des Mythos, so dass für den seriösen Musiker ebenso wie für den Schlagersänger klar war, dass das eigene Werk unmittelbar mit Aischylos, Euripides und Sophokles korrespondiere. Dass das eigene Tun, von der Symphonie bis zur Schnulze, die alten Epen kontextualisiere. Auf dass, angesichts der Bildungsmisere, die Nation endlich eine Identität erhalte.

Da war keiner, der nicht, ausgesprochen oder unausgesprochen, das Programm einer nachholenden Nationalisierung beschworen hätte. Niemand knüpfte Hoffnungen an den Regierungswechsel. Abgewunken wurde, sobald das Gespräch auf die griechische Politik kam. Desillusioniert wirkte die dreißigjährige Tänzerin, verdrossen der Regisseur, der noch in den 80ern in Ostberlin gearbeitet hatte. Wovon lebte er heute? Auch vom Zynismus. Danach gefragt, verbanden nicht nur die Theaterleute ausdrücklich mit ihren Inszenierungen ein nationales Erziehungsprogramm.

Die Macht der Mythen in Zeiten des schieren Ökonomismus. Mit Legenden und Fiktionen sollte angesichts krasser Ausbildungsmissstände und mangelnder beruflicher Perspektiven das Bewusstsein geschärft werden an kulturellen Besitzständen aus der Vergangenheit - auch aus derjenigen Vorzeit, als Europa sich zu Griechenland hingezogen fühlte, zuletzt, vor rund dreißig Jahren, unmittelbar nach dem Sturz der Junta. Es war die Zeit der politischen Legenden, und zu Griechenland gehörte auf der sozialistischen wie auf der konservativen Seite eine außergewöhnlich radikale, die Gewalt billigende oder billigend in Kauf nehmende Rhetorik.

Der in Athen lebende Krimiautor Petros Markaris hat soeben, ohne die Polizei und die Politik frei zu sprechen, von einer "Art Toleranz" gegenüber der Gewalt gesprochen. "Das hat mit dem einstigen Aufstand der Studenten des Polytechnikums gegen die Militärjunta zu tun." Offensichtlich, dass sich der anarchische Akt und politische Aberglaube nicht nur durch den Tod eines Fünfzehnjährigen ein Alibi verschafft hat, sondern auch anknüpfen kann an den politischen Mythos von Widerstand und Bürgerkrieg. Griechenlands Gewaltwille der letzten Tage hat die Regierung Karamanlis nicht nur in Bedrängnis gesehen, sondern das Gewaltmonopol des Staates außer Kraft gesetzt. Wenn Griechenland jetzt obendrein den Generalstreik probt, dann mobilisieren Teile seiner Staatsangehörigen, Gewerkschaften, die kommunistische Partei KKE und die radikale Linke Partei, für einen weiteren politischen Mythos.

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