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Grabräuber Antikenschmuggel Plündern ist zu lukrativ

"Kollegen aus Syrien und Irak berichten, dass IS-Leute regelrechte Claims vergeben": Der Mainzer Archäologe Michael Müller-Karpe über die Lage beim Antikenschmuggel und über die geplante Novelle beim Kulturgüterschutz. Denn Deutschland macht es den Schmugglern einfach.

21.11.2014 18:30
Martina Doering
Archäologische Funde nachweislich legaler Herkunft sind am Markt so gut wie nicht verfügbar. Funde aus legalen Grabungen kommen bekanntlich ins Museum, nicht in den Handel. Was dort angeboten wird, kann im Grunde nur aus illegaler Quelle, vor allem aus Raubgrabungen stammen. Foto: rtr/Symbolbild

Herr Müller-Karpe, Sie gehörten zu den schärfsten Kritikern des derzeitigen Gesetzes zum Kulturgüterschutz, für das eine Novelle geplant ist. Was muss sich daran ändern?
Was Kulturstaatsministerin Monika Grütters in einem Interview dazu sagte, lässt mich hoffen, dass wir endlich auf einem guten Weg sein könnten. Bei der Gesetzesnovelle ist offenbar vorgesehen, dass künftig Antiken nur noch gehandelt werden dürfen, wenn eine legale Herkunft nachgewiesen wird, zum Beispiel durch eine gültige Exportlizenz des Herkunftsstaates.

Mehr braucht es nicht?
Eine solche Regelung trägt der Tatsache Rechnung, dass der Handel mit Antiken zweifelhafter Herkunft finanzieller Anreiz und Motor für Raubgrabungen ist und damit verantwortlich für die von den Plünderern angerichteten Zerstörungen. Außerdem stellt sie sicher, dass ein zentraler Grundsatz des Rechtsstaates, das Regel-Ausnahme-Prinzip – wer die Ausnahme von der Regel für sich in Anspruch nimmt, hat das Vorliegen eines Ausnahmesachverhaltes zu beweisen – künftig auch für den Antikenhandel gilt. Denn bislang ist die illegale Herkunft der vermarkteten Antiken Regel, nicht Ausnahme: Das Graben nach und die Ausfuhr von archäologischen Funden, ohne staatliche Ausnahmegenehmigung, ist nirgends erlaubt. In den allermeisten Ländern sind Antiken grundsätzlich öffentliches Eigentum: Ein legaler Handel mit diesen Dingen ist nach internationalem Recht nicht möglich.

Die Bundesregierung will das neue Gesetz erst 2016 in Kraft setzen. Ist das nicht etwas spät?
Wenn der Wille besteht, die Antikenhehlerei wirksam einzudämmen, müssen wir nicht bis dahin warten: Der Handel mit Dingen, die regelmäßig illegaler Herkunft sind, ist jetzt schon verboten.

Antikenhändler werden dies aber vermutlich anders sehen.
Frau Grütters wird sich auf kräftigen Gegenwind einstellen müssen: Diejenigen, die weiterhin aus Plünderungen Gewinn ziehen wollen, werden versuchen, die vorgesehenen Bestimmungen zu verwässern. Denn wenn die Strafverfolgungsbehörden Legalitätsnachweise einfordern, kann der etablierte Antikenhandel seine Pforten schließen.


Wie das?
Archäologische Funde nachweislich legaler Herkunft sind am Markt so gut wie nicht verfügbar. Funde aus legalen Grabungen kommen bekanntlich ins Museum, nicht in den Handel. Was dort angeboten wird, kann im Grunde nur aus illegaler Quelle, vor allem aus Raubgrabungen stammen. In der Türkei, Syrien oder dem Irak ist das Graben nach und der Export von Antiken seit 1869 verboten. Seit 1884 befinden sich dort alle archäologischen Funde im öffentlichen Eigentum und seit 1906 ist der Handel mit Antiken verboten. Ausnahmen wurden allenfalls für wissenschaftliche Unternehmungen genehmigt. Antiken ohne nachvollziehbarem Legalitätsnachweis stammen also in aller Regel aus Raubgrabungen.

Warum ist die Forderung im bisherigen Gesetz so problematisch, dass der Herkunftsstaat seinen Anspruch beweisen muss?
Weil dieser Anspruch auf gelistete Objekte beschränkt wurde, die dazu noch im deutschen Bundesanzeiger veröffentlicht sein müssen. Wie können denn Raubgrabungsfunde gelistet sein? Diese zynische Regelung dient der Reinwaschung illegaler Antiken. Händleranwälte argumentieren nämlich, der Gesetzgeber habe damit den Handel mit nicht-gelisteten Antiken legalisiert. Sie fanden sogar Gerichte, die ihnen dies bestätigten. Ich kenne eine Reihe von Fällen, in denen unter Hinweis auf dieses Hehlerschutz-Gesetz die Rückgabe sichergestellter Antiken an das Herkunftsland verweigert wurde und die heiße Ware an die mutmaßlichen Hehler zurück ging.

Ist Deutschland tatsächlich, begünstigt durch das Gesetz, zu einer Drehscheibe des illegalen Antiken-Handels geworden?
Schauen Sie sich Auktionskataloge an: Sie können mit der vagen Herkunftsangabe „Privatsammlung“ hierzulande alles verkaufen, was Sie sich an Antiken nur wünschen. Im Grunde ist diese Angabe aber ein Offenbarungseid: Damit bestätigt der Händler indirekt die illegale Herkunft des Objekts. Wenn es den Nachweis einer legalen Herkunft gäbe, würde der genannt. Damit ließe sich ein viel höherer Preis erzielen.

Das Gesetz soll auch deshalb geändert werden, weil sich die Terrormiliz Islamischer Staat aus dem Antikenschmuggel finanziert.
Kollegen aus Syrien und Irak berichten, dass IS-Leute regelrechte Claims vergeben. Man gräbt unter dem Schutz des IS und muss für jedes verkaufte Objekt eine Steuer zahlen, von 20 bis 50 Prozent. Allein im Irak befinden sich in dem vom IS kontrollierten Gebiet mehr als 2400 bekannte archäologische Stätten.

Was befürchten Sie, wenn wie schon 2007 die Händler-Lobby erneut massiven Einfluss auf die Abfassung des Gesetzestextes nimmt?
Damals hat man, entsprechend der Vorgabe des Unesco-Kulturgüterschutzübereinkommens von 1970, ins Gesetz geschrieben, dass der Händler die Herkunft der Antike zu dokumentieren hat. Die Idee war natürlich, dass die legale Herkunft dokumentiert wird. Demnach sollte nur der Handel mit nachweislich legalen Objekten geduldet werden. Man hat dann diese Aufzeichnungspflicht im Gesetz mit dem Zusatz versehen „– soweit bekannt“. Wir werden nun also vielleicht ein Gesetz bekommen, das den Legalitätsnachweis vorschreibt – dann aber hoffentlich nicht wieder mit einem solchen Zusatz.

Interview: Martina Doering

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