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Gomringer-Gedicht Entscheidung gegen die Kunst

Die Berliner Alice Salomon Hochschule will ein anderes Gedicht als das von Eugen Gomringer und schützt eine Renovierung vor.

Alice Salomon Hochschule
Die Fassade der Alice Salomon Hochschule, hier im November mit Gomringer-Gedicht. Foto: dpa

Alice Salomon Hochschule entscheidet sich für die Kunst auf ihrer Südfassade“ war die Pressemitteilung überschrieben, mit der die Hochschule am Dienstag ihre Entscheidung bekanntgab, das Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer von dieser Fassade zu tilgen. Der Akademische Senat bestehend aus Hochschulprofessoren, wissenschaftlichen Mitarbeitern, solchen aus der Verwaltung sowie Studentenvertretern hatte am Vormittag entsprechend abgestimmt. Künftig soll ein Gedicht der Lyrikerin Barbara Köhler die Fassade zieren, welches, das wird erst bekannt gegeben. Köhler ist wie Gomringer Trägerin des Poetikpreises, den die Hochschule in Hellersdorf vergibt.

Der Abstimmung vorausgegangen sei ein Beschluss der Hochschule, die Fassade neu zu gestalten, und anschließend ein demokratischer Prozess, hieß es weiter. Kein Wort über die äußerst heftig und öffentlich geführte Diskussion, die all dem vorausging, kein Wort von Sexismus, von Zensurvorwürfen gegen die Hochschule, von der Freiheit der Kunst. Den Ball flach halten, lautet offenbar die Devise: Es muss renoviert werden, und das kann man doch als Gelegenheit nutzen, mal einen anderen Preisträgertext zu präsentieren. Das ist der Tenor. Gomringers Text werde ja auf einer Tafel an der Fassade angebracht.

Kein Wort auch von einem Dissens mit dem Dichter. Dabei gibt es diesen sehr wohl. Gomringer sieht die Entfernung des Gedichts höchst kritisch. „Das ist ein Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie“, sagte er gestern. Er behalte sich rechtliche Schritte vor. Gomringer fordert zudem, das Gedicht weiterhin auf einem Plakat an der Hochschulwand zu präsentieren und ein weiteres daneben zu hängen, auf dem klar begründet ist, warum das Gedicht entfernt wurde, und zwar in deutscher und englischer Sprache.

„Ich bin entsetzt“, sagte auch Thomas Wohlfahrt, der Leiter des Hauses für Poesie in Berlin, das mit der Hochschule bei der Vergabe des Poetikpreises kooperiert. Bisher jedenfalls. Denn diese Kooperation will Wohlfahrt nun aufkündigen. „Der Künstler ist beschädigt, der Preis ist denunziert.“ Und die Frage ist ja tatsächlich, welcher Autor diesen Preis in Zukunft noch entgegenzunehmen bereit sein wird.

So schön könne die Welt sein, wenn man sie sich schönredet, sagte Wohlfahrt noch. Wie wahr. Denn angefangen hat alles keineswegs mit einem Renovierungsvorhaben, sondern mit einem Sexismus-Vorwurf gegen das Gedicht, dem Unwohlsein der mehrheitlich weiblichen Studierenden an dieser Hochschule, die Sozialarbeiterinnen ausbildet, Kindheitspädagoginnen, Pflegemanagerinnen. Der Asta hatte 2016 einen Offenen Brief geschrieben: Das Gedicht reproduziere „eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind“. Das Wort Sexismus fiel zwar nicht, war aber impliziert.

Die Studierenden bezogen sich auf die neben der Hochschule gelegene U-Bahnstation Hellersdorf, den Platz vor der Hochschule. Frauen fühlten sich hier oft unwohl, Station und Platz seien vor allem zu späterer Stunde sehr männlich dominiert. Es folgte ein Antrag an das Parlament der Hochschule: „Dieses Gedicht dabei anzuschauen, wirkt wie eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können.“

Welches Gedicht Barbara Köhlers die Fassade ab Herbst 2018 zieren wird, wurde am Dienstag nicht bekanntgegeben. Sie hatte der Hochschule bei einer Podiumsdiskussion im November angeboten, ihr eines ihrer Gedichte zu schenken. „Ich möchte meinen Vorschlag als etwas verstanden wissen, das neben das demokratische Prozedere die Kunst setzt“, sagte sie damals. Was wie eine ironische Spitze gegen ein demokratisches Verfahren mit dem Ziel der Tilgung eines Gedichts wirkte, war wohl doch ernst gemeint.

Die Entscheidung der Alice Salomon Hochschule ist eine nicht zu verstehende Ermächtigung von Menschen, die alles auf sich beziehen, denen schon eine Assoziation genügt, um etwas unter Diskriminierungsverdacht zu stellen. Im Licht der #MeToo-Debatte erscheint einem das Austragen des Machtkampfes anhand eines Gedichts noch absurder. Die Entscheidung der Hochschule ist nicht eine für die Kunst, es ist eine gegen die Kunst, die doch eine Tochter der Freiheit ist.

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