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Globalgeschichte Das große Ganze und die Millionen Details

Der Globalhistoriker Jürgen Osterhammel über die Unmöglichkeit, 13,8 Milliarden Jahre zu überblicken, den verbreiteten Wunsch, es trotzdem zu tun, und seine Zuneigung zu Einzelheiten.

Erde
Riesig detailliert: Die Nasa zeigt die Erde, zusammengesetzt aus Einzelfotos, in besonders scharfer Bildqualität. Foto: NASA/NOAA/GSFC/Suomi NPP/VIIRS/N. Kuring

Professor Osterhammel, ich gratuliere Ihnen zum Balzan-Preis.
Herzlichen Dank. Ich freue mich sehr. Aber ich weiß natürlich, dass globale Verflechtungsgeschichte – im Unterschied zur älteren Weltgeschichte – eine Erfindung von US-amerikanischen Historikern ist. Einige von ihnen hätten einen Preis in „Globalgeschichte“ womöglich mehr verdient als ich.

Wollen Sie ihn ablehnen?
Natürlich nicht.

Vergangenes Jahr erschien im Verlag C.H. Beck Ihr Buch „Die Flughöhe der Adler“...
Das ist eine Sammlung von zum Teil unveröffentlichten Vorträgen und Aufsätzen aus der Zeit seit 2004, zugleich eine Art Einführung in globalgeschichtliches Denken anhand einer Vielzahl unterschiedlicher Beispiele.

Der Globalhistoriker muss, schreiben Sie darin als Echo auf ein Goethe-Zitat, wie ein Adler das Ganze sehen und zugleich den winzigen Hasen ein paar Hundert Meter unter sich.
Globalgeschichte, wie ich sie verstehe, ist keine selbstständige Disziplin. Man kann und sollte mit einer globalen Perspektive an die unterschiedlichsten Themen herangehen. So habe ich über globale Musik- oder Sportgeschichte geschrieben. Man kann nicht zum Spezialisten für das Allgemeine werden. Auch Globalhistoriker brauchen Teilgebiete, auf denen sie zur Forschung beitragen.

Auf welches Detail haben Sie sich zuletzt gestürzt?
Auf Jacob Burckhardt, dessen riesiges Werk selbstverständlich kein „Detail“ ist, sondern ein eigener Kosmos, mit dem man sich Jahrzehnte lang beschäftigen könnte. 
 
Sie bewegen sich damit ins hier von Freiburg aus kaum mehr als 50 Kilometer entfernte Basel also.
Zu einer Jubiläumsausgabe seiner „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ aus Anlass seines 200. Geburtstags habe ich ein Nachwort geschrieben und fand den Text aus den 1860er Jahren beim Wiederlesen so packend, dass ich weiter über ihn arbeiten möchte.

Und eigene „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ schreiben, bei denen Burckhardts drei den Gang der Weltgeschichte bestimmende Kräfte durch andere ersetzt würden? 
An ein solches Remake habe ich nicht gedacht. Aber es wäre eine reizvolle Aufgabe. Man müsste wahrscheinlich „Staat“ durch „Macht“ ersetzen, und vielleicht „Kultur“ durch „Wissen“. Auf „Religion“, die schon bei Burckhardt nicht als theologische Lehre, sondern als gesellschaftliche Gestaltungsmacht gedacht war, dürfte keinesfalls verzichtet werden. Die Umwelt müsste hinzukommen, vielleicht als eine kombinierte ökologisch-ökonomische Kraft. 
 
Da es ja wesentlich um die Interaktionen zwischen den Kräften geht, dürfen es nicht zu viele werden, sonst geht der Überblick schnell wieder verloren. Dann landen wir bei einer langen Aufzählung von „Faktoren“.
Das würde dem strukturierten Denken Jacob Burckhardts widersprechen, und auch dem des genau gleichaltrigen Karl Marx. Ein „Burckhardt 2.0“ müsste mit einer Prise Marx gewürzt werden, vor allem mit einer Aufmerksamkeit für materielle Produktion und soziale Ungleichheit. 

Ist der Burckhardt der „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ noch immer lesenswert?
Er ist auch deshalb ein immer noch aktueller Anreger, weil er es nicht für nötig, ja sogar für unmöglich hält, die gesamte Weltgeschichte seit den „Anfängen“ – was immer das sein mag – zu überblicken und zu begreifen. Er hätte vermutlich gewisse Sympathien für die heutige Globalgeschichte. Sie ist eher eine Gesamtbetrachtung ungefähr gleichzeitiger Entwicklungen und ihrer Wechselwirkungen als die Suche nach Mustern und Regelmäßigkeiten über riesige Zeiträume hinweg. Auf dem Buchmarkt haben sich solche „Entschlüsselungen“ der Geschichte freilich stets großer Beliebtheit erfreut. Die Menschen wollen aus angeblichen Gesetzmäßigkeiten der tiefen Vergangenheit die Zukunft ableiten.

Sie meinen „Big History“?
Vom Urknall – oder zumindest dem Aufkommen des Lebens – bis Donald Trump! 13,8 Milliarden Jahre – das ist seriös nicht zu überblicken. 

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