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Gleichberechtigung Wir müssen über Gewalt gegen Männer reden

Ralf Bönt hat unter dem Titel „Das entehrte Geschlecht“ ein „Notwendiges Manifest für den Mann“ geschrieben. In dem Buch fordert er zu einer echten Gleichberechtigung von Mann und Frau auf und kritisiert, dass keine neuen Bilder für den Mann zugelassen werden.

Ist der neue Mann einfach ultra-lässig, aber auch witzig? Kunstinstallation von Andrew Baines am Bondi Beach in Sydney. Foto: Getty Images

Ralf Bönt hat unter dem Titel „Das entehrte Geschlecht“ ein „Notwendiges Manifest für den Mann“ geschrieben. In dem Buch fordert er zu einer echten Gleichberechtigung von Mann und Frau auf und kritisiert, dass keine neuen Bilder für den Mann zugelassen werden.

Befreit werden müsse auch der Mann: von seinen tradierten Rollen, aber auch von den Rollenzuschreibungen durch die Frauenbewegung.

Herr Bönt, Ihr Buch ist in unserer Zeitung kritisiert worden. Aber nicht darum sitzen wir zusammen, sondern weil unsere Autorin zwei Passagen sinnentstellend zitiert hat, und ich finde, es gibt innerhalb einer kulturellen Debatte würdigere Formen der Auseinandersetzung als eine Gegendarstellung.

Es handelte sich nicht um eine Kleinigkeit, sondern betraf die sexuelle Selbstbestimmung, die im Mittelpunkt der Geschlechterdebatte steht.

Unsere Autorin behauptete, Sie würden eine Frau, die den Sex verweigert, als „Abweichung“ betrachten. In Wahrheit schrieben Sie das Gegenteil, dass ...

... der Mann im Normalfall auf Zustimmung wartet, wobei es davon Abweichungen gibt. Was glauben Sie, veranlasst die Autorin die Aussage ins Gegenteil zu wenden?

Sie hat den Ball aufgenommen. Sie hat sich über Ihre zum Teil harte Kritik an Frauen und dem Feminismus geärgert.

Frauen werden sich an Kritik gewöhnen müssen, wenn sie ernst genommen werden wollen. Nicht mehr habe ich getan. Aber ich kann mir vorstellen, dass sie wirklich geglaubt hat, ich habe das so geschrieben, weil die alten Rollenklischees eben so funktionieren. Viele Frauen irritiert es, dass ich den Feminismus gerade nicht nach den alten Mustern kritisiere, sondern, wenn Sie so wollen, von links. Ich möchte den enthaltenen Freiheitsgedanken weiterführen und greife einen autoritären Feminismus an, der uns daran hindert, besser atmen zu können.

Ausgangspunkt Ihrer Überlegungen zur Unterdrückung des Mannes ist die geringere Lebenserwartung von sechs bis sieben Jahren. Der Mann sei ein Wegwerfwesen. Er achte nicht auf seine Gesundheit, fühle sich nur geliebt, wenn er etwas leiste und darstelle. Ohne Karriere gelte er nichts. Aber es ist doch der Mann selbst, der das mit sich anstellt.

Deswegen kritisiere ich den Mann auch sehr heftig in meinem Buch. Ich kritisiere ihn dafür, dass er sich zu wenig fragt, wie viel Liebe und wie viel Ablehnung in seinem Leben ist. Vor kurzem gab es die Meldung „US-Soldat erschießt Frauen und Kinder“. 16 Menschen wurden erschossen, das erfuhr man aus der Unterzeile der Überschrift. Im Text hieß es dann: Neun Kinder und drei Frauen wurden erschossen. Die vier toten Männer musste man sich selber ausrechnen. In solchen und ähnlichen Meldungen überall auf der Welt werden immer die Frauen und Kinder höher bewertet als die männlichen Zivilisten. Das ist nichts Anderes als Sexismus. Gewalt gegen Männer erscheint als etwas vollkommen Normales.

Aber gerade in diesem soldatischen Denken zeigt sich doch eine von Männern gemachte Welt. Die Männer haben es offenbar nicht anders gewollt. Warum greifen Sie dafür die Frauenbewegung an?

Diese Welt haben wir sicher zusammen so eingerichtet. Ich kritisiere, dass bis heute quasi keine neuen Bilder für den Mann zugelassen werden. Frauen wiederholen gern weiter den Vorwurf der Hypochondrie oder eben der Fühllosigkeit, beides richtet sich gegen den Körper des Mannes. Dabei könnten all die Erfindungen und sozialen Revolutionen, die ja bis vor fünfzig Jahren im Wesentlichen der Mann geleistet hat, ihn zusammen mit dem Feminismus befreien.

Sehr vereinfacht gesagt: Die Erfindung der Elektrizität, also die Ersetzung der Muskelkraft, könnte zusammen mit dem Feminismus den Mann komplett befreien vom Zwang, Arbeitsmaschine und Leistungsapparat sein zu müssen. Das hat der Mann bis heute nicht begriffen, weil er nicht gelernt hat, dass er eine Daseinsberechtigung per se hat.

Ist dieser militante Schwanz-ab-Feminismus, der die Männer in die Ecke drängt, nicht längst ein Phänomen von gestern?

Wenn ich offen mit Männern rede habe ich nicht das Gefühl, dass das Schwanz-ab-Thema erledigt ist. Beim Fernsehkrimi geht ohne Sexualstraftäter auch kaum etwas. Ich habe erst vor drei Tagen wieder einen gesehen, in dem es endlich einmal darum ging, dass die Vergewaltigung nur vorgetäuscht war. Aber trotzdem war der Mann auch dort derjenige, der jede Sekretärin mit dem Kopf gegen die Wand geknallt hat, wenn sie nicht mit ihm ins Bett wollte. Ich finde das wahnsinnig einseitig, sowohl hinsichtlich der geringen Zahl von Sexualmorden als auch hinsichtlich der vielen Gewalt, die es gegen Männer gibt. Sie ist Tabu.

Sie sehen nicht in jedem Mann einen potenziellen Vergewaltiger?

Um Gottes willen, nein. Wo kämen wir dahin? Dass Männer ständig an die Frau ran wollen oder müssen, ist eine Einbildung, die auf der Eitelkeit der Frauen beruht.

Hängt nicht der Kollektivverdacht gegen den Mann damit zusammen, dass die Vergewaltigung notorisch verharmlost und entschuldigt wurde und damit eine gesellschaftliche Schuld entstand?

Natürlich. Es ist ein Verdienst der Frauenbewegung, das Augenmerk auf die sexuelle Gewalt gerichtet und sie entschieden verurteilt zu haben. Nur müssen wir jetzt die Debatte vorantreiben und auch über Gewalt gegen Männer reden, die jeden Tag stattfindet.

Wo findet sie statt?

Überall. Deshalb ist die Lebenserwartung der Männer viel kürzer. Sie findet am Arbeitsplatz statt, in den Medien, in den Arztpraxen – sofern Sie vergleichen, was dort für Männer und was für Frauen ausgegeben wird. Gewalt gegen Männer findet auch im Straßenverkehr statt.

Ja, weil Männer mehr rasen.

Wussten Sie, dass einem Radfahrer in der Stadt eine Perücke mit langen Haaren sehr viel mehr nützt als ein Helm? Ein britischer Verkehrspsychologe hat das rausgefunden. Aber statt vorwärts zu kommen, hatten wir eine Debatte über den „Schmerzenmann“, den die junge Autorin Nina Pauer in der Zeit beschrieb. Sie machte sich über den Mann von heute lustig, der dauernd über Gefühle nachdenke, aber nicht mehr wisse, wann es Zeit sei, sich über die Frau zu beugen und sie zu küssen. Das ist doch eine ganz unangenehme Sehnsucht zurück nach alten Rollenbildern.

Der Mann muss sich selbst befreien.

Das ist es, was ich sage. Ich bin ja explizit dafür, mit der sexuellen Dauerwerbung aufzuhören. Es tut mir richtig weh, wie einige Männer den Affen machen, um an eine Telefonnummer zu kommen, die sich dann als falsch rausstellt. Hier allerdings sind Frauen extrem empfindlich, denn sie sind süchtig nach erotischer Bestätigung. Sie müssen lernen, auch ohne diese Bestätigung auszukommen, wenn sie wirklich eine gleichberechtigte Welt haben wollen. Dann müssten sie ihr Selbstbestätigungssystem vollkommen umstellen und um Anerkennung kämpfen, wie die Männer es seit jeher tun müssen.

Ihr Buch heißt: „Das entehrte Geschlecht“. Warum geben Sie ausgerechnet der Ehre diesen prominenten Platz, gehört sie doch zu den zentralen Vokabeln des Gewaltsystems, mit dem der Mann sich selbst versklavt.

Der Macho giert ja aus tiefer Unsicherheit nach einer vagen Ehre. Er weiß nicht, wie er den Erwartungen, die man an ihn als Mann hat, gerecht werden kann und bläst sich auf. Ein Teufelskreis. Ich musste aus Kreuzberg wegziehen, weil ich diese Männlichkeits- und Machtspiele auf der Straße nicht mehr ausgehalten habe. Mir geht es aber um eine Ehre dem Leben gegenüber, die auch dem Jungen und dem Mann gewährt werden muss, ob er nun was geleistet hat oder nicht.

n sehr alten asiatischen Verehrungsritualen werden auch Genitalien eingeschlossen, so dass auch ein Mann das Gefühl haben kann, dass er willkommen ist auf der Erde. Der Feminismus ist hier kontraproduktiv.

Das Gespräch führte Harald Jähner.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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