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Gleichberechtigung „Feminismus ist ein verzwicktes Programm“

Die Publizistin Barbara Sichtermann spricht im Interview über Erfolge und Rückschritte in der Frauenfrage, auch im Hinblick auf den Rest der Welt.

MeToo
Me-Too-Rallye in New York. Foto: Imago

Gibt es etwas, von dem Sie sich sagen, darauf bin ich stolz, es mit der Frauenbewegung seit den 70ern erreicht zu haben? 
Ja, das ist der Bewusstseinswandel. Als ich 1963 Abitur machte, ging man nicht davon aus, dass Frauen die gleichen Fähigkeiten hätten wie Männer. Erst 1971 traute man einer Frau zu, im Fernsehen die Nachrichten zu sprechen. Damals gab es in Formularen noch Frau, Herr und Fräulein – nur die Frauen, nicht die Männer wurden danach eingeteilt, ob sie verheiratet sind. Dass wir diese Verhältnisse nachhaltig erschüttert haben, darauf bin ich stolz. Aber es wird sich auch noch einmal verändern durch die Migration, es kommen viele Frauen zu uns, die es gewohnt sind, dass Männer für sie bestimmen. Wir haben in den westlichen Ländern wirklich viel erreicht, das wir auch verteidigen müssen.

Derzeit gehen verschiedene Debatten ineinander über: Neben #MeToo, wo Frauen aufdecken, wie sie von Chefs betatscht wurden, wird über den Fall der Staatssekretärin Sawasan Chebli gesprochen, die nicht als jung und schön auf einem Podium angekündigt werden wollte. 
So etwas kann man natürlich durchgehen lassen, als verrutschtes Kompliment. Man muss aber nicht. Für mich ist daran das Gleiche interessant wie bei #Aufschrei vor vier Jahren, als der FDP-Politiker Rainer Brüderle eine Journalistin lieber im Dirndl sehen wollte. Solche Komplimente haben einen Subtext, der heißt: Was machst du hier mit Block und Bleistift oder dem Aufnahmegerät, du solltest doch lieber einem Mann mit deiner Figur eine Freude machen. Also Frauen gehören in die Familie, ins Schlafzimmer. So war es Jahrhunderte lang. Diese Zeiten sind vorbei. Man muss schon aufpassen, ob Komplimente solch eine Doppeldeutigkeit transportieren. 

Sollen Frauen einfach ihrerseits mehr Komplimente zurückgeben?
Klar, das hätte doch Witz. Ich habe auch mal in einem Streitgespräch im Radio zu einem Mann gesagt: Jetzt halten Sie mal Ihren hübschen Mund. Das wirkte. Aber es hängt von der Situation ab. Viel zu oft nehmen Männer eben Frauen nicht als funktionelle Konkurrenten im Berufsleben ernst. 

Und wie denken Sie über die dritte derzeit laufende Debatte, also jene um das Gedicht von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule? 
Ich halte den Protest für überzogen. Es gibt schließlich auch die erotisch motivierte Bewunderung des anderen Geschlechts. Und die Dichtung gehört zu den Bereichen, in denen sich das ausdrückt.

Ist es nicht auch ein Erfolg der Frauenbewegung, wenn Studentinnen sich trauen, sich gegen das Gedicht an ihrer Hochschule zu wehren? Sie fühlen sich von dem Bewunderer in dem Gedicht sexistisch angestarrt.
Gut, wenn die sagen, in dem Haus sollen wir etwas leisten, unsere Intelligenz unter Beweis stellen und nicht angeschaut werden, dann bin ich auf der Seite der Studentinnen. Dann hat man vielleicht das falsche Gedicht gewählt. Die Bewunderung gehört dahin, wo man etwas mit ihr anfangen kann. Auf die Parkbank, in den Club. 

Interview: Cornelia Geißler

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