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Gleichberechtigung „Feminismus ist ein verzwicktes Programm“

Die Publizistin Barbara Sichtermann spricht im Interview über Erfolge und Rückschritte in der Frauenfrage, auch im Hinblick auf den Rest der Welt.

MeToo
Me-Too-Rallye in New York. Foto: Imago

Frau Sichtermann, hat jede Zeit ihren eigenen Feminismus?
Ja, es ändert sich so alle 25 Jahre. Wenn man unsere Gegenwart mit der Zeit vor 25 Jahren vergleicht, sieht man, Frauen stehen Berufe offen, die ihnen früher verwehrt waren, sie haben auch viel mehr Aufstiegschancen. Darüber schiebt zugleich sich die Frage, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind, dass auch Ungleichheitspolitik ihre Bedeutung hat. Der Feminismus ist ein sehr verzwicktes Programm.

Warum möchten oft Frauen, die in einer Männerdomäne gut sind, nicht als Frau wahrgenommen werden? 
Als Kanzlerin?

Oder als Mathematikprofessorin, Regisseurin, Dirigentin.
Dann wollen sie als Fachleute überzeugen und nicht auf einem Bonusticket reisen. Ich möchte auch nicht auf dem Markt der Sachbücher, wo ich mich mit meinen Büchern tummle, als schreibende Frau beurteilt werden. Ich möchte genauso wie die Cellistin bei der Bewerbung um einen Platz im Orchester hinterm Vorhang spielen und durch meine Musik überzeugen. 

Ihr Buch ist in zehn Kapitel eingeteilt. Sind das die zehn Gebote des Feminismus?
Nein, natürlich nicht! Der Verlag hatte sich eine Art Bilanz gewünscht. Ich wollte herausfinden, auf welchem Stand die Frauenbewegung ist. Die Stichworte für die Kapitel wie „Raum“, „Gewalt“, „Macht“ oder „Sexualität“ haben mir geholfen, das zu ordnen. Besonders wichtig ist mir die historische Dimension: Wie selbstverständlich es bis zur Aufklärung war, dass die Frau nur ein Anhängsel ihres Mannes ist. Es ist schrecklich, wie Frauen über Jahrhunderte um ihre Lebensfreude betrogen worden sind. Für junge Frauen von heute ist das natürlich kein Thema mehr.

Aber ist es nicht wichtig, dass junge Frauen sich dafür interessieren?
Nein. Das ist doch gerade ein Erfolg des Feminismus, dass die jungen Frauen heute nicht mehr das Gefühl haben, sie werden weniger ernst genommen. Wenn man politisch denkt, muss man allerdings auch mal gucken, wie sieht es im Rest der Welt aus? 

Da geht es ja viel langsamer...
Ich denke bei „langsam“ auch daran, dass es immer möglich ist, dass solche Entwicklungen auch wieder zurückgehen können. 

Stimmt, in der DDR war es für Mütter normal zu arbeiten, nach der deutschen Vereinigung wurden sie wieder mit Heim-und-Herd-Argumenten konfrontiert.
Da war die Kinderbetreuung viel besser organisiert. Aber sehen Sie, welche Befreiung die Frau in der Weimarer Republik erlebt hat und wie es dann unter den Nazis wieder zurückgedreht wurde. Wir feiern jetzt 100 Jahre Wahlrecht der Frau. In der Nazizeit hatten sie kein passives Wahlrecht mehr. Auch mit dem Gesetz zum Berufsbeamtentum wollte man die Frauen zurückdrängen. Bei so einer Figur wie Trump und den rechtspopulistischen Parteien ist die Frauenverachtung immer im Busch. 

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