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Gespräch mit T. C. Boyle "Ich bin kein Barbar"

Der US-Romancier T. C. Boyle spricht im FR-Interview über sexsüchtige und tyrannische Künstler, seine Schreibsucht und andere heilsame Obsessionen.

13.02.2009 00:02
BOYLE
Der amerikanische Schriftsteller und Kultautor T.C. Boyle (Archivbild). Foto: ap

Mr. Boyle, wie eitel sind Sie?

Ich bin eitel - wie viele andere Künstler auch. Warum fragen Sie?

Es fällt auf, dass Sie auf Ihrer Website nur die positiven Besprechungen Ihres neuen Romans "Die Frauen" erwähnen.

Klar, mein Verleger schickt mir ja auch nur die Lobeshymnen. Nein, im Ernst, ich plane, demnächst zu jedem meiner Bücher ein Dossier mit Besprechungen online zu stellen - Futter für Studenten, die eine Hausarbeit über mich schreiben. Aber das hat ja nichts mit Eitelkeit zu tun. Als junger Mann war ich eitel, immens von mir eingenommen. Heute weiß ich, dass ich irrelevant bin, und der Literatur geht es auch nicht besser.

Sind Sie neidisch, wenn beispielsweise in der verkaufsfördernden Oprah-Winfrey-TV-Show lieber Kochbücher von Jamie Oliver angepriesen werden, während Belletristen wie Sie außen vor bleiben?

Ach was. Wobei es mich schon zum Nachdenken bringt, dass sich all diese Kochbücher so gut verkaufen. Ich sage Ihnen was: Ich werde bald auch ein Kochbuch schreiben und Millionen verdienen. Ich habe auch schon eine Idee: Meine Frau hat gerade sehr erfolgreich eine Diät gemacht. Sie sieht fantastisch aus, wie das schlanke Mädchen, das ich vor langer Zeit geheiratet habe. Sie hat es mit einer Kombination aus einer Wein- und Fleischdiät geschafft. Du kannst so viel Fleisch essen und so viel Wein trinken, wie du magst.

Klingt eher nach einer Ihrer abgedrehten Kurzgeschichten.

Gut, wenn man's übertreibt, landet man in einer Suchtklinik. Aber es funktioniert. Ich werde mir tolle Rezepte für mein Buch ausdenken: eine Wein-mit-Fleisch-Sauce oder eine Fleisch-mit-Wein-Sauce.

Ihr neuer Roman ist wie einige seiner Vorgänger eine zum Teil fiktive Annäherung an eine historische Figur: an den US-Star-Architekten Frank Lloyd Wright. Ist es Zufall, dass Sie sich gerade jetzt einem Menschen widmen, der ein besseres, ein utopisches Amerika ersehnte? Sein Eusonia, das radikal föderal sein und von einem Architekten regiert werden sollte?

Nein, dieses Buch ist kein verpacktes Statement zu politischen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit. Meinen Hass auf Bush habe ich mehrfach außerhalb der Literatur artikuliert, aber das hat diese Arbeit nicht beeinflusst. Was Wrights Eusonia-Visionen betrifft, waren die gar nicht so utopisch. Sein Bestreben war es, in den 30er und 40er Jahren neue urbane Formen zu entwickeln, lebendige, individuelle Vorortgemeinden. Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise hatte er Häuser entwickelt, die sowohl ökonomisch wie ökologisch wegweisend waren - in denen Heißwasserrohre das Wasser durch den Fußboden leiteten und das Haus so beheizten. Er war ein Pionier. Was in den Jahrzehnten danach folgte, war allerdings die galoppierende Zersiedelung Amerikas, deren Auswüchse man heute überall beobachten kann. Aber es gibt eine Gegenbewegung: Die neuen Urbanisten von heute knüpfen an Wrights Vorstellungen an, an traditionelle, abgegrenzte Dorfstrukturen, in denen Menschen leben und arbeiten. Davon abgesehen fasziniert mich Wright, seit ich vor 16 Jahren eines seiner Häuser gekauft und restauriert habe. Meine Familie und ich, wir leben in seiner Architektur.

Als Sie das von Wright entworfene Haus in Montecito in Kalifornien kauften, wussten Sie da von seiner dunklen Seite, davon, dass er vier Frauen hatte und seine Mitarbeiter wie Sklaven behandelte?

Nein. Ich war einfach nur überwältigt von der Schönheit des Hauses. Es war Liebe auf den ersten Blick. Von dem Moment an begann ich, mich in sein Leben und seine Architektur zu versenken.

Wright-Bauten wie das Guggenheim-Museum in New York, die Fallingwater-Villa in Pennsylvania oder das Imperial-Hotel in Tokio sind Pilgerstätten für Architektur-Fans. Haben Sie zuweilen den Eindruck, in einem Museum zu leben?

Nein, nein. Ich habe stets der Versuchung widerstanden, dieses Haus in eine Art nationale Sehenswürdigkeit zu verwandeln. Das wäre mit zu weit gegangen, denn dann hätte ich ja nicht mehr die Möglichkeit gehabt, es so zu gestalten, wie ich es wollte. Man kann die Essenz bewahren und trotzdem seine eigenen Vorstellungen mit einfließen lassen. Als ich mich erstmals für das Haus interessierte, hatte ich noch Rivalen: einen örtlichen Ausschuss mit Wright-Anhängern, der daraus ein Museum machen wollte. Zum Glück für mich fehlte ihnen das nötige Kleingeld. Sie waren ziemlich entrüstet, als ich einzog. Und sie nervten mich, wollten ständig wissen, was ich mit dem Haus anstellen würde.

Was haben Sie gemacht?

Als Erstes ließ ich Schlösser in den Gartentoren einbauen, damit diese Typen nicht mehr einfach so reinkommen konnten. Wissen Sie, ich bin kein Barbar: In dem Haus ist heute alles so, wie es sein sollte. Wir sind die vierten Besitzer. Wir haben beispielsweise die weiße Farbe von den Wänden gekratzt, mit der der zweite Besitzer das Holz verschandelt hatte. Wir haben den Originalzustand des roten Holzes wieder hergestellt, so wie Wright es vorgesehen hatte. Wir halten es in Ehren.

Kurz nachdem Wright Ihr Haus entworfen hatte, ließ er seine Frau sitzen und reiste mit seiner Geliebten nach Deutschland. Haben Sie je gedacht: "Das ist eigentlich ein schlechtes Omen?"

Ach was. Da zeigte sich eben seine andere Seite: Er war ein Outlaw, ein Getriebener. Das hat mir nicht den Blick auf die Schönheit dieses Hauses verstellt. Es ist ein klassisches Beispiel für seine Prärie-Häuser, die er mit einheimischen Materialien gebaut hat, Häuser, die die Natur ergänzen und nicht dominieren.

Wenn Wright heute lebte, hätte er mit seinen sexuellen Eskapaden gute Aussichten, Britney Spears, Paris Hilton und anderen Skandalnudeln den Rang abzulaufen.

Ganz sicher, er würde die Presse und die Online-Portale mit Skandalfutter versorgen. Er war aber schon damals ständig in den Schlagzeilen. Er gierte nach dieser Form von Aufmerksamkeit. Er war ein teuflischer Kerl, er liebte es, die Presse zu provozieren, die gängige Moral herauszufordern.

Ganz gleich, ob Sie berühmte Architekten, fiktive Umweltschützer oder verblendete Hippies beschreiben: Sie alle haben sexuelle Obsessionen, die Sie uns in schönen Metaphern ausmalen.

Das geht auf eines meiner Leitmotive zurück: Wir sind wie Tiere. Sex ist nun mal der stärkste tierische Impuls, der uns antreibt. Und oft genug überwältigt er den Intellekt.

Mit anderen Worten: Wrights Frauen waren für Sie interessanter als seine Arbeit?

Mit Sicherheit. Aber ich schwöre: Ich habe mir das Thema wegen unseres Hauses ausgesucht. Ich wollte einfach einen kreativen, aber rücksichtslosen Künstler beschreiben - jemanden, der andere nur beachtet, wenn sie seinen Zielen dienen.

Sie haben vor Wright unter anderen den Gesundheitsapostel John Harvey Kellogg und den Sexualforscher Alfred Kinsey porträtiert. Sie alle waren Tyrannen hinter strahlenden Fassaden. Je heller das Licht, desto düsterer die Schatten?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass man einen unbändigen starken Willen und Hingabe braucht, um etwas Besonderes zu schaffen. Das frisst einen auf, da ist dann kein Platz mehr für menschliche Gefühle. Jetzt kann man sich fragen: Ist es das wert? Ist es entschuldbar, ein Tyrann zu sein, wenn man großartige Kunst schafft? Ich weiß es nicht, deshalb schreibe ich ja über diese Menschen. Und ehrlich gesagt haben viele Schriftsteller viel mit diesen Typen gemein - ich besonders.

Sie sind ein Tyrann?

Das nicht. Aber ich teile diese absolute Hingabe für die Kunst. Und ich kenne auch dieses Bestreben, die Welt dominieren, kontrollieren zu wollen. Ich weiß, dass ich die große Welt da draußen nicht kontrollieren kann, aber ich kontrolliere meine Romanwelt und meine Figuren.

Sie veröffentlichen jedes Jahr abwechselnd ein Buch mit Kurzgeschichten, dann wieder einen Roman. Was treibt Sie an? Ist es die Sucht, Ihre Welt immer wieder neu ordnen zu wollen?

Natürlich! Ich bin vielleicht nicht so besessen wie Joyce Carol Oates. Ich versuche, neben meiner Arbeit ein normales Leben zu führen. Nach diesem Gespräch werde ich im Supermarkt einkaufen, um meiner Frau ein leckeres Essen zu kochen.

Mit Wein und Fleisch.

Mal sehen.

Ist es gesund, süchtig nach Arbeit zu sein?

In meinem Fall, ja. Es ist in jedem Fall gesünder als Drogen. Wenn ich nicht regelmäßig schreiben würde, wäre ich längst tot. Die 14 neuen Geschichten meiner nächsten Kurzgeschichtensammlung "Wild Child" sind bereits fertig. Und ich habe schon zwei Drittel des neuen Romans hinter mir. Er handelt von der ökologischen Sanierung der Kanalinseln vor Santa Barbara.

Noch so ein Boylesches Leitmotiv.

Diese Inseln waren mir 16 Jahre lang nahe, ohne dass ich sie wirklich kannte. Ich sehe sie, wann immer ich die Pazifikküste entlangfahre - monumentale Brocken im Ozean, Santa Cruz Island ist viermal so groß wie Manhattan. Niemand lebt dort. Es ist heute ein Nationalpark. Ich habe mich immer wieder gefragt, was dort wohl jeden Tag los ist.

Sind Sie mal mit dem Schiff übergesetzt - oder lassen Sie Ihrer überbordenden Fantasie freien Lauf und beschreiben den Liebesakt triebhafter Ökologen in der Wildnis?

Lassen Sie sich überraschen. Ich bin viele Male dort gewesen. Es war wunderbar. Letzten Sommer bin ich mit der Fuchs-Lady übergesetzt.

Der Fuchs-Lady?

Sie ist Biologin. Sie zählt und vermisst die Zwergfüchse der Insel. Von allen Nationalparks in den USA ist dies der am wenigsten gut erreichbare - und besuchte.

Was sich nach der Erscheinen Ihres Romans wohl ändern wird.

Glaube ich nicht. Man ist mit dem Boot eine Stunde unterwegs, ich musste den ganzen Weg lang kotzen.

Um auf das Thema Sucht zurückzukommen: Früher waren Sie süchtig nach Heroin und Alkohol. Hat das Schreiben Ihnen geholfen, diese Abhängigkeiten zu überwinden?

So klischeehaft das auch klingen mag: Es hat mir das Leben gerettet. Ich musste etwas finden, in dem ich gut war. Vielleicht hatten meine frühen Drogenprobleme mit meiner problematischen Jugend zu tun, mit einer verspäteten Pubertät. Ich habe lange nicht gewusst, was ich tun wollte. Natürlich hat Glück auch eine große Rolle gespielt. Irgendwann schrieb ich mich für den Schriftsteller Workshop in Iowa ein...

Wo John Irving Ihr Mentor war.

Ja, dort wurde ich ein sehr guter Student. Ich war gut - für mich eine völlig neue Erfahrung, weil ich auf einmal wusste, was ich wollte. Und diese Hingabe hat mich seitdem nie mehr verlassen. Ein Buch fertig stellen, ist, wie wenn man Heroin nimmt, dieser Rausch, wenn man alle Fäden miteinander verknüpft hat. Ich kann mich an Literatur festhalten. Was ganz hilfreich ist, wenn es sonst nicht viel gibt in dieser Welt, woran man sich halten kann. Wissen Sie, ich lasse mich nicht einengen, für mich gibt es keine thematischen Grenzen. Das ist immer wieder aufs Neue sehr befreiend, ein Trip, eine ewige Entdeckungsreise.

Sie ziehen sich jedes Jahr in die Sequoia-Wälder in die Sierra Nevada zurück. Können Sie wenigstens dort oben abschalten?

Da oben in der Natur arbeite ich erst recht wie ein Irrer, weil es nichts gibt, das mich ablenkt: kein Telefon, keine E-Mails. Ich genieße das. Aber ich kann Sie beruhigen: Ich kann auch loslassen - jeden Tag um 15 Uhr, wenn die Arbeit vorüber ist.

(Interview: Martin Scholz)

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