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Geschichte Russlands Westliche Vorurteile und russische Ängste

Der Journalist Artjom Efimow zeigt in seinem Buch, wie westliche Gelehrte die russische Geschichtsschreibung prägten – und lässt auch das heutige schwierige Verhältnis zwischen West und Ost besser verstehen.

Moskauer Passanten und Touristen, unter kalter Sonne in Richtung der berühmten Basilius-Kathedrale unterwegs. Foto: Viktor Funk

Es wäre schön, wenn ein deutscher Verlag dieses Buch in Deutschland herausbrächte. Denn wenn die politische Stimmung hier wie da eher konfrontativ ist, die alten Mythen über die Unterschiede zwischen dem Westen und dem Osten Konjunktur haben, dann kann ein wacher Blick in die Vergangenheit Russlands und des Westens helfen. Ein Blick wie der des russischen Journalisten Artjom Efimow.

Efimow fragt sich, wie die Geschichte Russlands zur russischen Geschichte wurde. Wer hat sie erfunden, die russische Geschichtsschreibung? Wer hat sie geprägt? Wie hängt sie mit der westlichen Geschichtsschreibung zusammen? Wie einzigartig ist die Geschichte Russlands? Ist sie das überhaupt?

Schon der Titel des Buches enthält viel wunderbaren, subtilen Humor, wie ein Versprechen, sich der schwierigen Materie auf leichte Art und Weise zu nähern. Sinngemäß übersetzt heißt es: „Woher haben wir es? Versuche aus drei Jahrhunderten, Russland mit dem Verstand zu begreifen“. Efimow spielt hier auf ein Gedicht des russischen Poeten Fjodor Tjutschew von 1866 an. 

Dessen berühmter Vierzeiler, wonach Russland mit dem Verstand nicht zu begreifen und in seiner Größe nicht zu ermessen sei, wird sowohl in Russland als auch im Westen immer wieder gern zitiert, besonders dann, wenn jemand bestimmte Entwicklungen in Russland nicht erklären kann – oder sie nicht erklären will. Was die Zitierenden nicht sagen, ist: Tjutschew war ein konservativer Staatsdiener, der von einem slawischen Imperium unter russischer Führung träumte.

Sein Interesse galt dem Wandel Europas im 19. Jahrhundert, und die daraus folgenden Einflüsse auf Russland betrachtete er skeptisch. Sein Vierzeiler ist eine in Gedichtform gegossene Grenzziehung zwischen dem vermeintlich aufgeklärten, mit dem Verstand erfassbaren Europa (heute: dem Westen) und dem orthodoxen Russland, „an das man nur glauben kann“.

Und in diesem Glauben gründen viele Probleme.
Es geht nicht um Religion, sondern um das Bild vom anderen; das Bild, das der Westen von Russland hat, das Bild, das Russland vom Westen hat, aber auch das Bild, das Russland von sich selbst hat. Kein Bild ist klar, es ändert sich durch den jeweiligen Zeitgeist. Und das Verdienst Efimows liegt darin, dass er herausarbeitet, wie stark die russische Staatsdoktrin seit den Zeiten von Peter des Großen (1672 - 1725) mit dem eigenen Bild ringt.

An dieser Stelle ist die abgenutzte Metapher von der russischen Seele ausnahmsweise angebracht: Es ist eine zerrissene Seele, die ihren Platz auf dieser Welt nicht finden kann, die hervorgegangen ist aus Wikingerstämmen, indigenen Völkern, Tataren, asiatischen Nomadenvölkern und und und…
Die Geschichtsschreibung „ist der Versuch, einen Sinn dort zu finden, wo kein Sinn vorhanden ist“, heißt es am Anfang des Buches. Und gleich im ersten Kapitel steht ein Satz, der vielen, oftmals mit der Kirche verbandelten russischen Konservativen, wie ein Schlag ins Gesicht erscheinen muss: „Russland hatte keine eigene Geschichte.“

Während im Russland des 16. und 17. Jahrhunderts noch immer Annalen für die Dokumentation der staatlichen Entwicklungen und der Legitimation der zaristischen Dynastien die wichtigste Rolle spielten, blühten in westlichen europäischen Staaten Philosophie, Skeptizismus; Staatstheorien wurden diskutiert, und es entwickelte sich eine Kultur von Sammlern schriftlicher antiker Zeugnisse und antiker Gegenstände. Efimow geht nicht weiter darauf ein, warum es diese unterschiedlichen Entwicklungen gab. Er stellt fest, so wie sie Peter der Große auf seinen Reisen durch Westeuropa festgestellt hat. 

Der Zar erkannte die staatspolitische Bedeutung der modernen Geschichtsschreibung und verfügte, dass auch das von ihm erträumte moderne Russland diese Geschichtsschreibung brauche. Wie andere Modernisierungsprojekte des Zaren rief dieses Vorhaben den Widerstand altkonservativer Kleriker hervor, denn die neue Art, Geschichte zu notieren, bedeutete eine Machtverschiebung von der Kirche zum Staat. Darüber hinaus war damit der Keim für einen bis heute anhaltenden innerrussischen Konflikt gelegt. Es geht um die Frage nach der Einzigartigkeit Russlands. Diese Frage ist bis heute in diesem sich von Europa bis Japan ausdehnenden Land aktuell, und sie hängt zusammen mit dem Streit um die Ausrichtung des Landes. Westlich? Östlich? Irgendwas dazwischen? Nur was?

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Russland

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