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Geschichte Deutschlands „Holocaust-Mahnmal ist eine globale Ikone“

Vom Holocaust-Mahnmal, seiner Erbauung und der Bedeutung für Deutschland. Aleida und Jan Assmann berichten von einer schwierigen Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Holocaust-Mahnmal in Berlin
Das Holocaust-Mahnmal von Peter Eisenman in Berlin. Foto: afp

Aleida und Jan Assmann, Sie wollen im Interview mit einer Stimme sprechen. Der „Historikerstreit“ von 1986 war ein Wendepunkt in der Erinnerungs- und Vergessenspolitik der Bundesrepublik Deutschland, sagen Sie.
Man muss das im Zusammenhang sehen mit dem Auftritt von Kohl und Reagan am 5. Mai 1985 in Bitburg. Auf diesem Soldaten-Friedhof lagen ja auch Angehörige der Waffen-SS. Die Versöhnungsgeste galt also auch ihnen. In den USA hatten sich Politiker übrigens deutlich gegen einen Besuch Reagans in Bitburg ausgesprochen. Drei Tage später erklärte Richard von Weizsäcker den Deutschen, dass der 8. Mai 1945 nicht ein Tag der Niederlage sondern der Befreiung ist. Ein Jahr später kam der Historikerstreit. 
 
Vorher gab es doch auch schon eine kritische Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.
Aber erst in den 80er-Jahren veränderte sich der Denkhorizont der Gesellschaft insgesamt. Die 68er, zu denen auch wir gehören, spielten dabei eine wichtige Rolle. Aber nicht in ihrer Jugend, sondern erst in den 80ern, als sie selber Väter wurden, Berufe ergriffen und Verantwortung in der Gesellschaft übernahmen. In den 60ern kämpften sie gegen Kapitalismus und Imperialismus. Sie klagten ihre Väter als Nazis an, aber die Auseinandersetzung mit dem Holocaust kam erst später, als sie begannen, die Geschichte jüdischer Opfer in den Institutionen aufzuarbeiten und Überlebende in deutsche Städte einzuladen, aus denen die vertrieben worden waren.

Ist das die Geburtsstunde der Bundesrepublik, wie wir sie heute verteidigen? Begann erst damals, die Erinnerung an den Holocaust so etwas wie die raison d’être der Bundesrepublik zu werden? 
Bei der Gründung der Bundesrepublik 1949 spielte der Holocaust wirklich gar keine Rolle. Es dauerte bis in die 90er-Jahre, bis sich ein gesellschaftliches Bewusstsein von den Ausmaßen dieses Verbrechens aufbaute und sich eine „Erinnerungskultur“ entwickelte. Der Anstoß dafür kam von unten. Wir wissen das, weil wir Kontakt hatten zu einer kleinen Gruppe in Berlin, die sich damals für die Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas einsetzte.

Was tat die Gruppe?
Sie schrieben damals an Bundeskanzler Helmut Kohl. Der antwortete: „Sie müssen erst mal den Beweis erbringen, dass das ein gesellschaftliches Anliegen ist.“ Er wollte erst mal 50 000 Unterschriften sehen, bevor er bereit war, darüber nachzudenken. Also fingen wir an, Unterschriften zu sammeln und mit Menschen beim Einkaufen am Samstagmorgen im Winter auf dem Marktplatz zu diskutieren. Es gab ja noch kein Internet. Das war eine riesige Arbeit.

Und Kohl?
Kohl hatte andere Pläne. Er machte die Neue Wache 1993 zur Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland. In der inklusiven Formel „den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“ wurden alle auf eine Stufe gestellt: Soldaten neben den zivilen Toten und den Juden. Das war ein weiterer Schlussstrich. 
 
Wie kam es dann doch zum Holocaust-Mahnmal?
Das haben wir Ignatz Bubis zu verdanken, von dem ich die Geschichte selbst gehört habe. Er machte einen Deal mit Kohl: Ich unterstütze die Neue Wache und du unterstützt das Holocaust-Mahnmal. Im Juni 1999 gab es dann im Bundestag eine Abstimmung mit großer Mehrheit für das Denkmal. Die Initiative kam aus der Zivilgesellschaft. Ohne Bubis hätte die das aber nicht geschafft. Im Grunde war es die Verbindung von beiden, über alle Parteigrenzen hinaus, die das Denkmal möglich machte und mit ihm ein neues Verständnis von der Rolle Deutschlands in der Geschichte und Gegenwart Europas. Die von Kohl umgebaute Neue Wache ist ein deutsches Mahnmal. Das Holocaust-Mahnmal dagegen ist eine globale Ikone und eine der wichtigsten Attraktionen Berlins geworden.

Björn Höcke von der AfD meint „Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“
Der Begriff der „Schande“ gehört ins Vokabular der „Ehre“ und ist in post-heroischen Zeiten seit längerem aus unserem aktiven Wortschatz verschwunden. Wir benutzen nach drei Generationen auch nicht mehr den Begriff der „Schuld“, sondern verwenden zukunftsfähige Begriffe wie „historische Verantwortung“, „Anerkennung der Opfer“ und „Empathie“. Das Wort „Schande“ drückte die Emotionen der ersten und zweiten Weltkriegs-Generation aus. Es spricht damit sehr alte Muster an. Solche Muster können über längere Zeit schweigend ruhen, gewissermaßen in der Latenz verborgen, aber dann doch in neuem Zusammenhang wieder aufgerufen werden und ihre Wirkung entfalten. Stereotypen sind solche Funken, die immer wieder auflodern.

Zum kulturellen Gedächtnis gehört auch, dass es schläft?
Im individuellen Gedächtnis gibt es viele schlafende Spuren, die vielleicht niemals aufgeweckt werden. Da wartet etwas. Einsatzbereit. Und unter bestimmten Bedingungen kann die Saite wieder zum Klingen gebracht werden. Ich unterscheide deshalb zwischen dem Ich- und dem Mich-Gedächtnis. Das erstere ist das Gedächtnis, das wir uns zurechtlegen und über das wir verfügen. Das Mich-Gedächtnis ist dagegen unverfügbar, wir müssen warten, bis es von außen stimuliert wird und uns plötzlich Bilder, sinnliche Empfindungen, Eindrücke zuspielt, von denen wir oft gar nicht mehr wussten, dass wir sie hatten. Die Erinnerung, die wir uns als Individuen und als Gesellschaft zurechtlegen, über die wir uns streiten und die wir an neue Verhältnisse immer wieder anpassen, machen nur einen kleinen Teil des Gedächtnisses aus. Achtzig und zwanzig Prozent sind reine Fantasiezahlen, mit denen ich die Dimensionen anzudeuten versuche.

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