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Gerhard Wolf Der Brückenbauer

Zum 90. Geburtstag von Gerhard Wolf, dem Verleger, Fädenknüpfer und Ehemann von Christa.

Gedenken an Christa Wolf
Gerhard Wolf, 2016. Foto: dpa

Das neueste Buch ist noch nicht ganz fertig. „Nun schauen mich immer mindestens vier Augen an“ heißt es, es handelt sich um eine Zusammenstellung der Briefe, die zwischen dem Schriftgrafiker Carlfriedrich Claus und Gerhard sowie Christa Wolf seit 1971 bis zu Claus’ Tod 1998 hin- und hergingen. Mehr als 400 Seiten wird es umfassen, 140 Abbildungen darunter – Carlfriedrich Claus schrieb ja nicht wie unsereins nur Buchstaben, sondern ließ aus Wörtern Bilder werden. An Gerhard Wolfs 90. Geburtstag, heute, soll immerhin ein Signalexemplar vorliegen.

Am 16. Oktober 1928 in Bad Frankenhausen geboren, wurde er noch zum Zweiten Weltkrieg eingezogen. Während des Studiums der Germanistik und Geschichte in Jena lernte er eine Kommilitonin kennen, aus der durch die Heirat 1951 Christa Wolf wurde. Während Gerhard Wolf nach dem Studium zum Rundfunk ging, später als Außenlektor zum Mitteldeutschen Verlag, dann ein Programm im Aufbau-Verlag herausgab und noch später einen Verlag gründete, wurde Christa Wolf zur Schriftstellerin.

Als „Die Zeit“ 2005 Christa Wolf zum Interview traf – es lag, abgesehen von „Stadt der Engel“ ihr Gesamtwerk praktisch schon vor – wurde sie gefragt, wann sie wisse, dass sie richtig liege mit einem Text. Und Christa Wolf antwortete: „Wenn mein Mann ihn gelesen hat. Er hat eine genaue Mess-Skala für meine Manuskripte. Wenn die optimalen Werte nicht erreicht sind, sagt er das.“

So hat er das Werk seiner Frau, von der „Moskauer Novelle“ 1961 über „Kindheitsmuster“, „Kassandra“, „Medea. Stimmen“ bis eben zu „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ (2010) begleitet, es bis zur jeweils besten Form gebracht. In jenem letzten Buch der 2011 gestorbenen Autorin, das von einer großen Krise erzählt, die sie in Los Angeles erlebte, ist auch die besondere Beziehung zu ihrem Mann mit aufgehoben. So lange wie während ihrer Zeit 1992/93 in Santa Monica waren sie nie zuvor getrennt.

2013 veröffentlichte Jana Simon, die ausgezeichnete Journalistin und Enkelin der beiden, ein Buch mit Gesprächen, die sie mit ihren Großeltern geführt hatte. Beim letzten Gespräch versucht sie mit Gerhard Wolf allein hinter das Geheimnis der „unanfechtbaren Beziehung“ zu kommen, und es wird klar, es war die Literatur, die dieser Liebe das Fundament gab.

Wie Gerhard Wolf Texte aufnimmt und in ihnen das jeweils Besondere erkennt, das kann man sehr schön nachlesen in dem Band „Im deutschen Dichtergarten“, der dieses Jahr im April erschienen ist und Texte aus fünf Jahrzehnten enthält. Der Titel lässt bei manchen Lesern eine Erinnerung aufflackern: In den achtziger Jahren gab Gerhard Wolf zusammen mit Günter de Bruyn Prosa, Lyrik und Briefe etwa von Theodor Fontane, Bettina und Achim von Arnim, Christoph Friedrich Nicolai heraus.

Im neuen Sammelband kann man verfolgen, wie ihn zum Beispiel Volker Brauns erste Gedichte sofort irritierten, er den Autor gleich im Werden sah. Auch Günter Kunert zollt er höchste Anerkennung, um dann zu schreiben, dass seine Arbeiten „Bedingungen und Gesetzen folgen, die man nicht auf einen oder mehrere Nenner bringen kann, weil sie sich selbst vor unseren Augen ständig verändern“. Er findet in der lyrischen Sprache der sogenannten Sächsischen Dichterschule die Korrespondenzen der Autoren untereinander – etwa bei Karl Mickel, Heinz Czechowski, Adolf Endler, Sarah und Rainer Kirsch. Und er drängt die Leser, in die Gedichte und Prosa Johannes Bobrowskis hineinzuhören, Worte und Motive zu befragen.

In der DDR war Gerhard Wolf immer Anwalt der Dichter, die ihn überzeugten. Er knüpfte Kontakte und setzte (nach Kämpfen) eine eigene Buchreihe durch, „Außer der Reihe“ genannt. Gerhard Wolf gab Prosa und Lyrik einen Platz zwischen Buchdeckeln, in den Bibliotheken, in der Wahrnehmung der Kritiker, zum Beispiel Bert Papenfuß-Gorek, Jan Faktor, Gabriele Kachold, Reinhard Jirgl, Ines Eck und Peter Brasch.

Mit 61 Jahren wurde er Jung-Verleger, gründete Janus Press, entdeckte die sorbische Dichterin Róza Domascyna, wollte seinen Autoren treu bleiben und holte Maler wie Angela Hampel, Cornelia Schleime, Helge Leiberg, Ralf Kerbach und A.R. Penck dazu. Deren Arbeit hatte er ja auch begleitet. Deshalb sind in dem Buch, das   zum 85. Geburtstag von Gerhard Wolf erschien, zahlreiche Botschaften bildender Künstler enthalten. Carlfriedrich Claus, dessen Briefe nun herauskommen, gehörte in die Welt zwischen Grafik und Literatur. Bei einem Brückenbauer wie Gerhard Wolf war er gut aufgehoben.

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