Lade Inhalte...

Geraubte Kunst Jesus als Soldatenbeute

Vor 66 Jahren geraubt und jetzt aus den USA zurückgekehrt nach Berlin – die „Geißelung Christi“.

Tumbe Büttel verrichten ihre Folterarbeit: die verschollen geglaubte „Geißelung Christi“, um 1480. Foto: SPSG

Als es passierte, damals, in den Wirren von 1945, muss es nicht Nacht und Nebel gewesen sein, draußen im Grunewald, im britischen Sektor. Der Dieb, so wird vermutet, trug die britische Uniform, er muss, wie auch immer, Zugang zu den Alte-Meister-Bildersälen des Jagdschlosses gehabt haben, und ausgerechnet diese biblische Szene hat ihm wohl ins Auge gestochen. Das kostbare Gemälde, nur 50 mal 50 Zentimeter groß, passte wahrscheinlich gut in seinen Rucksack. Als ganz private Kriegsbeute.

Die „Geißelung Christi“, gemalt um 1480, war dann plötzlich weg und fortan verschollen, so wie über 3.000 andere Bildwerke aus der Sammlung der Preußischen Fürsten und Könige. 25 kehrten bislang auf so wundersamen wie kuriosen Wegen zurück. Und nun ist auch dieser Schatz wieder da, per Flugzeug aus den USA gekommen und fortan zu sehen an einer Wand im alten Jagdschloss. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten hat also Grund, das zu feiern, das Publikum nicht minder. Am Montag wird das im Schloss Charlottenburg gebührend getan. Dort ist mehr Platz als im Jagdschloss, denn es reist die ganze Spitze der Indiana University und ihres Kunstmuseums an. Ohne diese Leute nämlich gäbe es keine Heimkehr des Bildes mit dem Märtyrer Christus

Als Handwerker gesehen

Der mit Beinen und Armen an eine Tempelsäule gefesselte, fast nackte Gottessohn steht aufrecht, trotz der Pein mit anmutiger Haltung und sein Schicksal annehmender, wie nach Balance suchender Stellung der Füße. Kein Quentchen Widerstand, kein Aufbegehren. Der alabasterweiße, asketische Körper wirkt durchscheinend. Christus blickt mit einer Mimik, die die realen, brutalen Vorgänge nicht mehr wahrzunehmen scheint. Die vier Folterer, mit ihren Schurkengesichtern und ihrer farbenfrohen Kleidung ganz in der Mode jener Zeit, hingegen sind ganz bei der Sache. Sie walten lustvoll – in beinahe kapriziösen Körperposen – ihres gemeinen Amtes auf dem kunstvollen Steinboden. Man hat es den Schergen so befohlen; sie foltern den Messias im Namen der Mächtigen.

Bildwerke dieser Erzählkraft verdanken wir Preußens Friedrich Wilhelm III. Mit Besitzerstolz präsentierte er diese Sammler-Trophäe ab 1821 im Berliner Schloss, erworben aus der berühmten Gemäldesammlung Solly. Die „Geißelung Christi“ war um 1480 auf eine Holztafel gemalt worden vom Meister der Aachener Schranktüren. Was für ein merkwürdiger Name für einen Maler dieser Qualität. Aber die Gotik kannte noch nicht den Künstlerkult späterer Jahrhunderte. Selbst die Meisterlichsten der Zunft sahen sich als Handwerker. Und so sind richtige Malernamen nur rar überliefert. Besagter Aachener Meister, der so trefflich zu malen wusste, bekam seinen Notnamen von der Forschung. Die „Geißelung“ war gewiss ein Kirchenauftrag, für einen jener beliebten Flügelaltäre, die den Passionszyklus illustrieren.

Die symmetrische Bildaufteilung der Szene ist noch ganz gotisch, die naturnahe Lebendigkeit der Figuren indes weist schon kühn in die neue Zeit – die Renaissance. Frappierend die greifbare Physiognomie und Körperlichkeit. Alles in diesem Motiv wirkt eher linear, und irgendwie stehen die lebhaften Gestalten und der sakrale Raum in einem recht sachlichen Bezug. Als gehe es allein um die malerische Überbetonung des kaum aushaltbar Realen.

Das Bild geriet schon einmal,1926, in die Stürme der politischen Großwetterlage: Der letzte Kaiser war 1918 verjagt, sein Kunstbesitz wurde Eigentum der Weimarer Republik. Der Schmerzensmann und seine Peiniger kamen 1932 ins Jagdschloss. Bis das Bild 1945 verschwand. An eine Rückkehr der verschollenen „Geißelung Christi“ hatte in der Schlösserstiftung lange Zeit niemand mehr so recht geglaubt. Das Bild war im dicken Vermisstenkatalog der Stiftung aufgeführt, angemerkt war auch, dass es höchstwahrscheinlich von einem britischen Armeeangehörigen entwendet worden sei.

Der inzwischen pensionierte Kustos der Gemäldesammlung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, Gerd Bartuschek, hat 2004 diese Dokumentation sämtlicher schmerzlicher Leerstellen erstellt. Eines Tages sah er in einem Katalog des Indiana University Art Museum in Bloomington im US-Staat Indianadie Abbildung der „Geißelung“. Sofort schrieb er das Museum an. Und Bloomington reagierte postwendend und mit großer Freundlichkeit: „Wir geben Ihrem Haus das Bild selbstverständlich zurück.“

Für immer im Dunkeln

Die unfreiwillige Weltreise des mittelalterlichen Gemäldes – das zweitälteste in der Schloss-Sammlung – endete somit glücklich. In Bloomington, so die dortige Museumsdirektorin Adelheid M. Gealt, hätten über eine Million Besucher das Bild über die Jahre bewundert. Wie aber kam es vom Grunewald nach Indiana? Im Jahr 1985 hatte ein Sammler und Bewunderer der altmeisterlichen deutschen Malerei dem dortigen Museum das Bild geschenkt: der inzischen verstorbene Herman B. Wells, von 1938 bis 1962 Präsident der Indiana Universität. Er war 1947/48 im Stab von General Clay in Berlin als Ratgeber für kulturelle Fragen tätig. Damals gründete er die Freie Universität Berlin mit. Bei einem London-Aufenthalt in den Sechzigern entdeckte und kaufte er das Gemälde bei einem Kunsthändler, ahnungslos, welche Verbindung es zu seinem geliebten Berlin hatte. Später vermachte er die Tafel seinem Universitätsmuseum.

Der Sammlungsdirektor der Schlösserstiftung, Samuel Wittwer, meint, der Krimi um das Bild werde wohl für immer im Dunkeln bleiben, denn weder die Nachfahren des Diebes sind auffindbar, noch jener Londoner Kunsthändler, bei dem Wells das Gemälde gekauft hatte. Der Amerikaner liebte das Bild inniglich, wie seine Bloomingtoner Kollegen erzählen. Noch kurz vor seinem Tod, krank und gebrechlich im Rollstuhl, besuchte er gern den Schmerzensmann. „Er tröstet mich“, hat er dann immer gesagt.

Jagdschloss Grunewald, Hüttenweg 100. Öffnungszeiten im Winter Sa, So und an Feiertagen 10–16 Uhr.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen