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Gentrifizierung in München Bleibt ja weg, ihr Yuppies

„Do samma, do bleima“ – heißt es in Untergiesing. Dabei steht der Münchener Stadtteil kurz davor, zum Szene-Viertel zu werden. Ein Rundgang.

09.05.2012 17:07
K. Erik Franzen
Noch geht es in Untergiesing eher „gemütlich“ zu. Foto: imago

Das „Finale dahoam“ wirft seine Schatten voraus. Immer mehr Passanten prägen das Stadtbild als lebende Litfaßsäulen mit ihren T-Shirts auf denen „Mia san dahoam“ oder „Munich Final 2012“ zu lesen ist. Ob beim Krankengymnasten, beim Bäcker oder an der Kasse des Schwimmbades: das Champions-League-Endspiel am 19. Mai ist omnipräsent. Um ganz München hat sich ein rotes Band der Sympathie gelegt.

Ganz München? Nein: Verlässt man nämlich den Innenstadtbereich und taucht hinein in die Welt der ihn umgebenden Stadtteile, wird deutlich, dass die Palette des Fußballfarbenspiels bunter ist: dem Blau der Sechziger, der Münchner Löwen, wird hier gehuldigt. Besonders in Giesing, im Südosten der Stadt.

Warnung an Anzugträger und Porschefahrer

„Willkommen in Giesing, ihr Arschlöcher“ heißt es auf überall zu findenden Aufklebern in den Straßen von Untergiesing. Das Design mit dem grimmig blickenden Mann mit Hut auf blauem Hintergrund verrät den Urheber des Willkommensgrußes: Auf den Aufklebern der Ultra-Fangruppe des TSV 1860 München, der „Cosa Nostra“, findet sich ein nahezu identisches Motiv. „München das sind wir“ heißt es da beispielsweise auf Identitätsbekundungen der „CN“. Dieses Kürzel ist quasi das Tattoo von Giesing, eingeschrieben auf Hauswänden, Verkehrsschildern, Parkbänken und Laternenpfählen. Revierverteidigung ist bei Fußballfans nicht ungewöhnlich. Die, die man in hier nicht haben will, sind aus Perspektive der Cosa Nostra sicher die Roten, der FC Bayern. Der Aufkleber mit dem als Warnung zu verstehenden Gruß lässt sich aber auch anders lesen, als Anti-Gentrifizierungsbotschaft: Bleibt weg, ihr Dinks, Yuppies, Anzugträger, Porschefahrer: Untergiesing bleibt unser!

Werber und Castingagenturen

Längst geht es nicht mehr vorrangig um Fußball in diesem Münchner Stadtteil. Was die Menschen hier umtreibt ist der grundlegende Veränderungsprozess in ihrem Viertel. Giesing, vor allem das nahe der Isar gelegene Untergiesing, steht kurz davor, zum Szene-Viertel zu werden. Noch schäumt der Latte nicht flächendeckend durch die Straßenzüge, sind Bio-Läden Mangelware, wirkt alles eher verschlafen, so dass es die Münchner B-Prominenz nicht tief hinein ins Quartier zieht. Ein Freizeitpark für Hedonisten sieht anders aus, doch offenbart ein Blick in die Hinterhöfe zumindest stellenweise die einschlägigen Anzeichen einer beginnenden „Aufwertung“, etwa in Form von Werbe-, Event- und Castingagenturen. Aber kann ein bisschen Kreativität denn schaden?

Hier standen bis vor kurzem zwei denkmalgeschützte historische Kutscherhäuser, die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden waren. Lange kämpften Bürgerinitiativen um den Erhalt des kleinen Rests einer schon fast überall verloren gegangenen Münchner Tradition. Vergeblich. Jetzt rasen die Betonmischer und Kipplader um die Wette, es entsteht gerade ein Ensemble aus Stadthäusern mit Etagenwohnungen, hochwertig ausgestattet, mit bodentiefen Fenstern, einem begrünten Innenhof und Tiefgaragenstellplätzen.

Sanfte Guerilla-Aktion

Nur ein paar Meter weiter steht seit mehr als sieben Jahren das Haus Birkenau 18 leer. Die Initiative „Aktion Untergiesing“ hat den Zaun um diese ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammende Immobilie in einer sanften Guerilla-Aktion umstrickt, um auf den langen Leerstand und die daran vermutlich anschließenden Wertsteigerungsmaßnahmen aufmerksam zu machen. Bunt leuchten die lockeren Wollfetzen in der Sonne, ein wenig hilflos flattern die Strickbuchstaben in der Mailuft: „7 Jahre leer!“

Die Veränderungen in Untergiesing lösen Angst um einen weiteren Verlust bezahlbaren Wohnraums in der „teuersten Stadt Deutschlands“ aus. Direkt nach dem Verkauf von Wohnungen des größten Wohnungsbauunternehmens in Bayern, der „Gemeinnützigen Bayerischen Wohnungsbaugesellschaft“ (GBW) an einen Einzelinvestor erhöhten sich – ganz legal nach heutiger Gesetzgebung – dort die Mieten um 20 Prozent, obwohl keinerlei Renovierungen oder Sanierungen vorgenommen wurden.

Ist der Gentrifizierungsprozess eigentlich in München erfunden worden? Man erlebt, erleidet und diskutiert ihn zumindest seit Jahrzehnten. Innenstadtviertel wie Schwabing, Haidhausen, das Glockenbachviertel: Viele Stadtteile haben ihr Gesicht verändert und den berühmt-berüchtigten Bevölkerungsmix dabei zum Teil hinter sich gelassen. Der Immobilienwahnsinn gleicht hier einem Spiel ohne Grenzen. Widerstand regte sich bislang nur vereinzelt, es traf ja meistens die anderen. Nun verändert sich etwas: der breite Mittelstand in München bekommt es langsam mit der Angst zu tun.

Im „Bündnis bezahlbares Wohnen“ haben sich Mieterinitiativen zusammengeschlossen. Für Andrea von Grolman, die Sprecherin des Initiativennetzwerks, besteht das Hauptproblem aber nicht allgemein im seit Jahren bestehenden Mangel an Wohnraum in der Single- und Zweitwohnungsmetropole, die auch in Zukunft mit erheblichem Zuzug rechnen muss. Es besteht – spezieller – darin, dass niemand nach dreißig Jahren aus seinem sozialen Umfeld vertrieben werden möchte, weil er sich die Miete nach der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen oder infolge von Luxussanierungen nicht mehr leisten kann.

Und so kämpft nun das Bündnis gegen die Perforation des Denkmalschutzes, für die Änderung des bundesweiten Mieterhöhungsrechts , nach dem alle drei Jahre die Miete um 20 Prozent erhöht werden darf – und für eine Verlängerung des bayerischen Gesetzes zum Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum.

Der Münchner Haus- und Grundbesitzerverein sieht die Dinge naturgemäß aus einer anderen Perspektive – und beklagt sich über nicht kostendeckende Mieteinnahmen, Steuererschwernisse und das drohende Umwandlungsverbot von Mietshäusern in einzelne Wohnungen. Das Problem liegt heute jedoch weniger bei einzelnen privaten Hausbesitzern, sondern in der gesamten dramatisch veränderten Finanz- und Immobilienspekulationssituation.

Die Wut der Menschen wächst

Die Stadt München hat erkannt, dass sie ihre Bürger an der Stadtentwicklungsplanung beteiligen muss, wenn man die erwünschte wirtschaftliche Prosperität auch sozial zusammenhalten will. Unter dem Titel „Perspektive München“ tourt ein Diskussions- und Ideenschöpfungsseminar durch die Viertel, der Zuspruch lässt oft zu wünschen übrig, denn letztlich, so die Meinung von vielen, hängt doch alles an den Gesetzen, die da oben gemacht werden.

Schorsch Kamerun, Musiker und Theatermann, versucht es auf seine Art. Er nennt sein neues Projekt „München komplett“. Für die Münchner Kammerspiele verlässt er mit einer bunt gemischten Truppe den „durchoptimierten“ Repräsentationsraum Innenstadt und streift von Ende Mai bis Anfang Juli gezielt durch die Stadtränder zwecks Erforschung des Bürgerwillens und -unwillens. Im Juni wird es eine Parade durch Untergiesing geben. Kamerun arbeitet dabei gezielt mit kleinen Gruppierungen zusammen, wie mit der Bürgerinitiative „Mehr Platz zum Leben“, die sich nicht nur dem Wohnungsproblem stellt, sondern den gesamten Sozialkosmos Untergiesing in den Blick nimmt.

Überhaupt gibt es viel Energie von unten, man ist hier tief verwurzelt. Die Stadtteilinitiative „Unser Viertel“ in Giesing sorgt sich ebenfalls ums Ganze, „seien es Mietpreiserhöhungen, Rassismus, der Umgang der Stadt mit unserem Stadion oder massive Polizeipräsenz bei Fußballspielen, es gibt so Einiges, das uns nicht gefällt“. Ihr gelber Aufkleber, der ebenfalls den Giesinger öffentlichen Raum prägt, verkündet: „Giasing. Do samma, do bleima. Recht auf Wohnen statt Mietspekulation“.

Klassenkampf in der Isarmetropole? Die Wut der Menschen wächst, auch wenn für die meisten Einwohner die Schmerzgrenze des teuren Lebens in der Boomtown noch nicht erreicht ist. Man darf gespannt sein, was passiert, wenn sich in Zukunft Widerstand bündelt und das Münchner Bürgertum dann mit weiteren, zumeist linken Initiativen gemeinsame Sache macht.

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