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Gentrifizierung in Kreuzberg Wem gehört die Stadt?

Und wie wollen wir leben? Diese Frage bewegt Berlin. Wir wollen sie in einer Serie über die Zukunft der Stadt beantworten. Zum Auftakt hat sich unser Autor in der Kreuzberger Bergmannstraße umgesehen - früher Tristesse, heute ein touristisches Epizentrum der Hauptstadt.

19.04.2012 16:54
Sebastian Preuss
Bergmannstraße, die Ramblas von Kreuzberg. Der Kiez ist eines der lukrativsten Viertel des Berliner Immobilienbooms. Foto: imago

„Wo ist Zagato?“ ist auf das Haus am Marheinekeplatz gesprüht. Im Dezember musste das kleine italienische Lokal nach über dreißig Jahren schließen. Es war eine echte Institution und immer voller Stammgäste aus der Nachbarschaft. Für die war es ein Schock, als der Wirt von der Kündigung durch den neuen irischen Hausbesitzer berichtete. Er hätte sogar die doppelte Miete bezahlt, aber es wurde nicht verhandelt.

Irgendwann vor drei Jahren musste ich endgültig einsehen, dass ich in keinem normalen Wohnviertel mehr lebte. Ich wollte gerade die Marheineke-Markthalle an der Bergmannstraße betreten, um meine üblichen Besorgungen zu machen. Da hielt ein Reisebus aus Niedersachsen und spuckte ein große Zahl von beige gekleideten Rentnern aus.

Sie strömten zielstrebig zu den Obst- und Käseständen und schauten sich um wie in einem Museum; oder einem Zoo. Hatten sie noch nie eine Markthalle gesehen? Was ist daran so interessant, wenn normale Berliner einkaufen gehen? Ich kam mir vor wie lebendiges Anschauungsmaterial.

Ferienwohnungen werden eingerichtet

Die Bergmannstraße ist heute – neben Kudamm, Unter den Linden, Potsdamer Platz und Oranienburger Straße – ein touristisches Epizentrum Berlins. Auch bei uns im Hinterhaus werden derzeit drei Ferienwohnungen eingerichtet. Es kämen ruhige Leute, der Hausfrieden sei ihm wichtig, beschwichtigt der Vermieter.

Wir im Haus sind skeptisch. Zu viele Berliner haben unter dem Party-Terror von Jungtouristen im Haus zu leiden. Und an jedem Sonnabend herrscht auf der Bergmannstraße ferienhafter Trubel wie auf den Ramblas von Barcelona oder dem Edel-Trödel-Ballermann in der Londoner Portobello Road.

Das wirkt zwar auf den ersten Blick urban mit all den Menschenmassen, und grölende Saufhorden gibt es auch nicht in den voll besetzten Cafés; aber die eingesessenen Bewohner fühlen sich in ihrem eigenen Viertel zunehmend fremd. Das „normale“ Stadtleben spielt hier nur noch eine untergeordnete Rolle, gerade im Sommer kommt man sich in dieser andauernden Urlaubsstimmung als arbeitender Mensch komisch vor. Freunde aus Charlottenburg oder Zehlendorf, die längere Zeit nicht mehr hier waren, können nicht fassen, wie sich der Bergmann-Kiez verändert hat.

Das war vor elf Jahren, als ich in die Gegend zog, noch nicht abzusehen. Die Anwohner waren froh, dass es in der einst tristen Straße, in der sich noch in den Achtzigern vor allem Billig-Trödler, Dönerbuden und Eckkneipen reihten, endlich ein paar bessere Geschäfte gab. War das vielleicht schon der Beginn der Verbürgerlichung, der teuren Veredlung, wie sie jetzt allenthalben in Kreuzberg beklagt wird? Habe ich selbst zu dieser Entwicklung beigetragen und einer Migrantenfamilie oder Hartz-IV-Empfängern eine geräumige Wohnung weggenommen?

Wie überall in Kreuzberg sind auch rund um die Bergmannstraße die Wohnungskosten rasant gestiegen. Früher undenkbar, ist es eine der begehrtesten Wohnlagen der ganzen Stadt geworden. Die alte Post ist jetzt ein Luxuslofthaus und überall sprießen schicke neue Läden und gehobene Gastro-Degustationen aus dem Boden. Ein schöner Nebeneffekt: Es gibt jetzt wie im Prenzlauer Berg immer mehr Kinder, umsorgt von kultivierten Edelhipster-Eltern. Unsere Zukunft.

Der Bezirk – in seiner Bewohnerstruktur immer noch einer der ärmsten der Stadt – ist mit durchschnittlich 8,02 Euro pro Quadratmeter jetzt der teuerste Distrikt bei Neuvermietungen. „In Kreuzberg ist die Kluft zwischen Bestandsmieten und Neuvermietungen besonders hoch“, erklärt Reiner Wild, der Geschäftsführer des Berliner Mietervereins. Doch auch bei den bestehenden Mieten liegt der Bezirk mit 5,13 Euro schon an dritter Stelle. Der nächste Mietspiegel wird vielen gewiss wieder eine 20-prozentige Erhöhung bringen, wie sie im letzten Jahr Hunderttausende von Berlinern erhielten.

Einen Wohnungswechsel in ihrem angestammten Viertel – auch für viele Migranten ist es ja Heimat geworden – können sich viele Kreuzberger nicht mehr leisten. Wird ihr Haus luxussaniert oder ein neuer Eigentümer meldet Eigenbedarf an, bedeutet das für immer mehr Menschen den Umzug an den Rand der Innenstadt.

Zunehmend haben es die Beratungsstellen des Mietervereins, berichtet Wild, jetzt auch mit Arbeitslosengeld-Empfängern und Hartz-IV-Empfängern zu tun, deren Wohnungen durch den gestiegenen Mietspiegel vom Sozialamt nicht mehr getragen werden. „Wir finden für diese Menschen in Kreuzberg einfach keine Ersatzwohnungen mehr“, sagt Wild.

Dann bleibt nur eins: Ab in die Großsiedlungen von Reinickendorf, Marzahn oder Spandau. Dort müssen dann teuer neue soziale Infrastrukturen aufgebaut werden – besonders absurd ist das bei Migranten, die in Kreuzberg oder Neukölln in ein Netzwerk ihrer Gemeinschaften eingebettet sind, das nun die öffentliche Hand teuer ersetzen muss.

Berlin ist an einem Scheidepunkt

Aber muss man sich über all das beklagen? Bin ich selbst schon ein missgünstiger Sack, der dem fröhlichen, jungen und meist auch ziemlich sexy aussehenden Volk den Spaß an Berlin nicht gönnt? Der ziemlich bigott die neuen guten Restaurants nutzt, aber zugleich dem Kreuzberger Biotop nachtrauert, diesem legendären Gemisch aus piefigen Bolle-Berlinern, Ewig-Freaks und Alternativen, aus all den Türken, Punks und verkrachten Existenzen bis hin zur kreativen Community?

Kreuzberg wäre heute nicht so attraktiv, wenn es nicht die Hausbesetzer gegeben hätte, sagen alte Kiezbewohner. Was derzeit in Kreuzberg geschieht, sei ganz normal und nicht aufzuhalten, zudem bringe es endlich mehr Wohlstand in die Stadt: Das sagen – dabei mindestens genauso erregt wie radikale Gentrifizierungsgegner – Hausbesitzer und Immobilienentwickler.

Und so spricht auch Klaus Wowereit, der bislang für die Ängste der Berliner, aus ihrer gewohnten Umgebung vertrieben zu werden, nicht einmal aus Politfolklore-Gründen mitfühlende Worte aufbrachte. Da muss erst das Guggenheim Lab aus New York kommen, dass der Regierende Bürgermeister die Debatte um die Stadt von morgen als „Zukunftsprojekt“ preist. Dabei gibt es die Diskussionen und Initiativen in Berlin längst; ganz Kreuzberg ist ein einziges Labor neuer Lebensformen.

Wowereit hat recht: DieGewaltandrohungen der Aktivisten, die das Lab aus Kreuzberg vertrieben, sind unakzeptabel. In der hinterhältigen Methode, aber auch in der Zielrichtung: Wowereit selbst und sein Senat müssen im Fokus der (friedlichen!) Kritik stehen.

Denn Berlin ist an einem Scheidepunkt und muss sich überlegen: Welche Stadt wollen wir eigentlich? Ein weiteres München, Paris oder New York, oder sollen hier auch künftig Arm und Reich in der bewährten Berliner Mischung zusammenleben können? Soll Stadtentwicklungspolitik weiterhin sich vor allem in der eilfertigen Wirtschafts- und Investorenpflege üben? Oder gibt es Alternativen?

Es mangelt nicht an Mitteln, regulierend einzugreifen. Die Erhebung des Mietspiegels kann reformiert, die Erhöhungsrate reduziert werden. Dass es ein Kardinalfehler war, rund 270.000 städtische Wohnungen zu verscherbeln, sieht jeder. In Milieuschutzgebieten, etwa nördlich der Bergmannstraße, hätte man die Handhabe, die Umwandlung in Eigentumswohnungen einzuschränken.

Vor allem muss der rot-schwarze Senat endlich wieder das (2002 fahrlässig aufgegebene) Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum einführen. Was etwa in Hamburg erfolgreich praktiziert wird, könnte in Berlin auf einen Schlag einen Großteil der geschätzten 13.000 bis 15.000 Ferienappartments wieder dem Wohnungsmarkt zuführen.

In unserer Serie „Schöner leben“ wollen wir nicht nur jammern und mäkeln, sondern Ansätze für eine menschliche Stadt vorstellen, in der nicht nur das Recht des Stärkeren gilt.

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