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Gauthier Dance: Alice in Stuttgart Und das Kaninchen dirigiert

Symbolhaft, fantastisch und ziemlich erwachsen: Für Gauthier Dance in Stuttgart choreografiert der Italiener Mauro Bigonzetti ein prächtiges „Alice“-Ballett.

Hut auf dem Kopf, Hut am Bein, das muss wohl der Hutmacher sein. In "Alice" von Mauro Bigonzetti. Foto: Regina Brocke

Gleich zwei Alices schickt der italienische Choreograf Mauro Bigonzetti ins Wunderland in seiner eigenwilligen Tanzversion nach Lewis Carrolls Buch. Eine ist klein und blond (Garazi Perez Oloriz), die andere groß und rothaarig (Anna Süheyla Harms), was nur deswegen erwähnt wird, weil Haare an diesem Abend doch eine erhebliche Rolle spielen. Die Große lässt die Kleine mehrfach unter ihr prächtiges langes Haar schlüpfen wie hinter einen Vorhang. Die fiese, glatzköpfige Königin zerrt die Alices an ihren Haaren herum (indem sie diese, die Haare nämlich, zwischen die Zähne nimmt). Und ein Zwillingspaar ist via springseil-langem Zopf an den Köpfen verbunden. Symbolhaft und fantastisch sind die Bilder dieser „Alice“ – außerdem ziemlich erwachsen.

Die nicht nur in der Tanzstadt Stuttgart ganz entschieden ihren Platz findende Gauthier Dance Company um den ehemaligen Startänzer Eric Gauthier leistet sich einen renommierten Choreografen und ein prächtig ausgestattetes Stück, wie es auch im Staatstheater auf die Bühne kommen könnte. Das Theaterhaus bietet der Company eine Heimstatt, aber Eric Gauthier scheint doch auch ein charmanter Sponsorengeldeintreiber zu sein.

In „Alice“ gibt er, das Stück rahmend, den Erzähler Carroll und erinnert einen nach der Pause singend und Gitarre spielend daran, dass er auch schon erfolgreich mit Band aufgetreten ist.

Abgesehen von dieser hübschen kleinen Einlage hat sich Bigonzetti für eine Musik entschieden, die den Abend von Anfang an wegbringt vom Niedlich-Märchenhaften, zu dem „Alice im Wunderland“ – den Dunkelheiten des Buches zum Trotz – auch schon gemacht wurde. Raue, zupackende Volksmusik- und Kinderliedermelodien aus dem tiefen Süden Italiens haben Antongiulio Galeandro, Enza Pagliara und die dreiköpfige Frauengesangsgruppe ASSURD mit neuen, sich auf das „Alice“-Geschehen beziehenden Texten ausgestattet (leider fehlen der Rezensentin die dafür nötigen Italienischkenntnisse). Sparsam ist die Begleitung des Gesangs mit Akkordeon, Flöte, Spieluhr, Rahmentrommeln.

Anregungen im Volkstanz

Die Musik erdet den Tanz. Auch macht Bigonzetti das Kaninchen (Rosario Guerra, schick in einem weißen Wams von Kostümbildnerin Helena de Medeiros) zu einem attraktiven Reiseleiter mit Dirigentenstab wie auch Verführer, so dass man die Geschichte des Mädchens Alice auch als die ihres sexuellen Erwachens deuten kann. Der geheimnisvolle Hutmacher (Florian Lochner) ergänzt, da es zwei Alices gibt, das Trio zum Quartett.

Vielfältig ist der Tanz, findet ebenfalls Anregungen im Volkstanz. Vor allem die Ensembles sind mitreißend in ihrer eckig-bodenständigen Rasantheit. Im Kreis trifft man sich zu symbolischem Teetrinken, eine Videoprojektion lässt hinter den Tänzern auch die Tassen tanzen (Bühne und Licht: Carlo Cerri). Die Hebefiguren sind intrikat, die Hand-Zeichen außergewöhnlich vielfältig, die Hauptfiguren haben charakteristische Bewegungsmotive.

Und doch. Und doch ist „Alice“ trotz feinem Tanz seltsam unentschlossen bei dem, was es eigentlich erzählen, wohin es führen will. Besonders die gedoppelte Titelfigur (und warum ist sie gedoppelt?) gewinnt bis zuletzt nicht an Kontur, an Persönlichkeit. Wenn die kleine und die große Alice wieder erwachen aus ihrem leicht bizarren Traum, hat sich nicht wirklich etwas verändert. Das ganze, mit Pause zweieinhalbstündige Stück kreist gleichsam in sich selbst, Konstellationen wiederholen sich auf etwas verwirrende Weise.

Die vielen hübschen Bewegungsdetails und natürlich die zupackende Musik verhindern die Ermüdung. Und die Stuttgarter, ohnehin ein gewieftes Tanzpublikum, wollten schier nicht mehr aufhören zu applaudieren.

Theaterhaus Stuttgart: 27., 28. Juni, 1., 2., 3., 5., 6., 9. -13. Juli. www.theaterhaus.de

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