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Gastbeitrag Philosophie als politische Geste

Mahmud Ahmadinedschad ist der natürliche Feind unter anderem der Philosophie und aller Philosophen. Zum Unesco-Welttag der Philosophie in Teheran.

22.09.2010 20:41
Ramin Jahanbegloo
Mahmud Ahmadinedschad, natürlicher Feind unter anderem der Philosophie und aller Philosophen. Foto: Damir Sagoli / Rtr

Wie könnten wir die Entscheidung der Unesco verstehen, den Weltphilosophentag in diesem Jahr in Teheran stattfinden zu lassen? Die dazugehörige Tagung soll vom 21. bis 23. November dauern. Ein theokratisches und intolerantes Regime, das die Gedanken- und Redefreiheit unterdrückt und das die Geisteswissenschaften von seinen Universitäten verbannt, wird sich drei Tage lang von philosophischen Gedanken und Debatten herausgefordert fühlen dürfen. War das die Idee der Unesco?

Im Iran werden Philosophiestudenten wie etwa Neda Agha Soltan erschossen oder auch Philosophieprofessoren wegen ihrer Teilnahme an der Grüne Revolution angeklagt. Kann man ernsthaft die Einladung in ein solches Land annehmen?

Der „sanfte Krieg“ der Kulturen

Um sicherzustellen, dass der Weltphilosophentag der Unesco ganz im Sinne des Teheraner Regimes verläuft, hat Präsident Mahmud Ahmadinedschad Gholamreza Aavani, den Direktor des Iranischen Instituts für Philosophie und der Iranischen Vereinigung für Philosophie, durch einen anderen ersetzt: Gholam Ali Haddad Adel, den ehemaligen Präsidenten des Iranischen Parlaments und – das soll hier nicht unerwähnt bleiben – den Schwiegervater von Mojtaba Khamenei, der wiederum der Sohn von Ajatollah Ali Khamenei ist, des ehemaligen Staatspräsidenten, heute der politische und religiöse Führer Irans, als oberster Rechtsgelehrter zugleich auch das iranische Staatsoberhaupt.

Schauen wir uns etwas näher den Kontext an, in dem die Unesco-Veranstaltung stattfinden soll. Irans Staatsoberhaupt, aber auch andere Offizielle sprechen seit einiger Zeit von einer Strategie des „sanften Krieges“. Am 30. August 2009 hat Ajatollah Ali Khamenei eine Warnung an alle Professoren und Universitätsbediensteten gerichtet: Die Geisteswissenschaften seien ein Forschungsgebiet, auf dem insbesondere „der Skeptizismus und der Zweifel an religiösen Gewissheiten gefördert wird“. Deshalb müssten gläubige Professoren den „wahren Feind erkennen“ und die westliche Philosophie einer Revision unterziehen, insofern sie für den „Verlust des Glaubens“ verantwortlich sei, vor allem auch bei iranischen Studenten.

Der iranische Wissenschaftsminister Kamran Daneshjou hat einige Monate später angeordnet, dass nur solche Professoren an den Universitäten lehren dürfen, die sich der „Velayat-e Faqih“, also der Herrschaft des obersten Rechtsgelehrten, „praktisch verpflichtet“ fühlen.

In einem Interview hat Morteza Nabavi, Geschäftsführer der regierungstreuen Tageszeitung Resaalat und Mitglied des iranischen Schlichtungsrats, den Universitäten vorgeworfen, sie stünden im Zentrum der Grünen Revolution. Er beklagte, dass „Gott auf den Campi gestorben ist“. Unglücklich zeigte sich Nabavi, der immerhin iranischer Postminister war, über eine Entwicklung, „im Laufe derer unsere Kinder, die doch in der Islamischen Republik aufgewachsen sind, sich nun gegen den Staat wenden“.

Belassen wir es bei diesen wenigen Hinweisen. Deutlich sollte nur werden, dass die Idee eines „sanften Krieges“ zwischen dem Iran und dem Westen zunehmend die Köpfe beherrscht und dass dieser Krieg auch an den Universitäten geführt wird. Deutlich wird allerdings auch, wie sehr die Grüne Revolution, aber auch die Proteste im Ausland das Regime verunsichert haben – schließlich hätte es sonst kaum zu solchen drakonischen Maßnahmen gegriffen. Wir sollten nicht vergessen, dass im Iran immer dann, wenn eine demokratische Bewegung mit Gewalt unterdrückt wurde, dies zu einem Verlust der Glaubwürdigkeit und der Legitimität eines Regimes führte, zu einer Krise des politischen Systems. Eine Krise übrigens, die für den Nahen und Mittleren Osten katastrophale Folgen haben könnte.

Nicht bloß innere Erbauung

Halten wir also fest, dass sich die Islamische Republik Iran zum ersten Mal in ihrer Geschichte in einer handfesten Legitimitätskrise befindet. Dies markiert einen Wendepunkt, den auch der Westen nicht ignorieren kann. Es mag merkwürdig klingen, aber der Iran befindet sich heute in einer Situation, in der Fragen zu stellen, zeitlose und universelle Fragen, genauso revolutionär ist wie zu Sokrates’ Zeiten. Philosophische Texte in Teheran zu lesen und zu diskutieren, kann nicht nur dem Vergnügen oder der inneren Erbauung dienen, sondern ist immer auch eine politische Geste. Eine Geste des Widerstands, wenn das Philosophieren nicht bloß für das theokratische Regime inszeniert wird – was die Unesco nun aber wohl hinzunehmen scheint. Widerstand gegen dogmatische Enge und undemokratisches Denken! Gegen ein Denken, das längst aufgehört hat, Suche nach der Wahrheit zu sein.

Übersetzung: Christian Schlüter

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