Lade Inhalte...

Garland Jeffreys Zurück aus der Babypause

Nach mehr als 25 Jahren wieder in Berlin: Garland Jeffreys gab im Bi Nuu ein zeitlos-abwechslungsreiches Konzert. Erstaunlich stimmig fügen sich alte Songs und die neuen zu einem intensiven und überaus energischen Programm,

15.10.2012 16:37
Markus Schneider
Garland Jeffreys. Foto: imago

Es sind nicht gerade viele Leute gekommen, um Garland Jeffreys zu sehen. Vielleicht 200 werden es am Ende gewesen sein, die ihn am Sonntagabend im Bi Nuu enthusiastisch zu ein paar Zugaben herausklatschen. Ganz zum Schluss verabschiedet er sich sichtlich gerührt mit einer souligen Acapella-Einlage und dem Versprechen, in Zukunft regelmäßig vorbeizuschauen.

Denn der spärliche Zulauf liegt nicht nur an der im Grunde ja nicht ungewöhnlichen Ungerechtigkeit, dass sein Talent als Singer-Songwriter den Erfolg seiner Musik weit übertrifft. Sondern auch daran, dass sich der 68-Jährige zuletzt ausgesprochen rar gemacht hat. Seit 1983 hat er nur drei Alben veröffentlicht, wobei allein 13 Jahre zwischen dem letzten und seinem aktuellen, dem ziemlich schicken „The King of Inbetween“ lagen – eine, sagt er, lange Babypause, nachdem er mit über fünfzig Vater geworden war.

Sie waren damals höchstens Babys

Mindestens 25 Jahre liege sein letzter Auftritt in Berlin zurück, begrüßt er sein Publikum und charmiert: „Wenn ich mich so umsehe, dann waren Sie damals ja höchstens Babys“ – eine glatte Lüge, denn tatsächlich dürften die meisten der Anwesenden Jeffreys wohl spätestens 1979 kennengelernt haben, als ihm mit „Matador“ sein jedenfalls in Europa größter Erfolg gelang. Selbstverständlich bringt er den leichtfüßigen Reggae, rhythmisch etwas begradigt, auch im Konzert, allerdings erst spät als Zugabe.

Als künstlerischer Ausweis trügt der Titel ohnehin: Jeffreys ist kein Leichtgewicht, und Reggae stellt in seinem Repertoire nur einen von vielen Stilen dar, die er gleichermaßen könnerhaft einzusetzen versteht – selbst mit Country kann er clever umgehen, wie er in dem dynamisch schunkelnden „Don’t Call Me Buckwheat“ von 1991 beweist.

Jeffreys’ Gesangsvorbilder liegen deutlich im schwarzen Pop der späten Fünziger, im Soul Sam Cookes und Jackie Wilsons und vor allem beim Doo-Wop-Crooner Frankie Lymon. Aber seit den Sechzigern trieb er sich in der New Yorker Rock-Avantgarde herum, vor allem mit den Leuten von Velvet Underground, weil er seit den gemeinsamen Unitagen – er ist Kunsthistoriker– mit Lou Reed befreundet ist. So hört man ihn zum Beispiel 1970 auf „Vintage Violence“, dem Solo-Debüt John Cales, der darauf auch gleich Jeffreys’ „Fairweather Friend“ als Seitenhieb auf Lou Reed einspielte. Auch Reed besetzte Jeffreys immer wieder auf seinen Alben und taucht nun auch auf „King of Inbetween“ für ein paar Chor-Gesänge auf. Im produktiven Jahrzent von 73 bis 83 spielte Jeffreys auf sieben Alben auch mit Dr. John, dem Hippiepunk David Peel und den High-End-Studiobläsern Brecker Brothers zusammen, und er stand im Vorprogramm der Rolling Stones.

Abwechslungsreicher Auftritt

Entsprechend abwechslungsreich gestaltet er den Auftritt. Erstaunlich stimmig fügen sich alte Songs und die neuen zu einem intensiven und überaus energischen Programm, das er mit einer ausgesprochen interessant zwischen coolem Sprechsingen und leidenschaftlichem Croonen wechselnden Stimme bestreitet. Seine Band sieht zwar ein bisschen aus, als sei sie aus verschiedenen Rockabillystämmen rekrutiert, erweist sich allerdings als wunderbar eingespielt und jederzeit in der Lage, allen stilistischen Schlenkern zu folgen und den winzigen Mann auch bei seinen gut gelaunten Ausflügen ins Publikum kraftvoll zu unterstützen.

So bringt er zum Einstieg „Coney Island Winter“ vom neuen Album, das auch in seiner präzisen Alltagsbeschreibung wie eine Mischung aus einem sympathischeren Lou Reed und einem intellektuelleren Bruce Springsteen klingt. Mit letzterem, den er auch ab und zu live begleitet, verbindet ihn wie mit Reed eine langjährige Freundschaft, was man später auch an Songs wie „R.O.C.K.“ hört, in dem typisch kaskadische Klavieroktaven hämmern; auch das rockhymnische „Wild in the Streets“ von 1977, eine dauerhafte und oft gecoverte Skaterhymne, erinnert an den frühen Springsteen. Dagegen räubert er lässig durch eine Blueshommage an John Lee Hooker, spielt eine harte Funkversion von Dylans „Hard Rain“ und rockt – vielleicht der Höhepunkt des Konzerts und des neuen Albums – durch den großartigen Discoshuffle „The Contortionist“, für den er „Miss You“ von den Rolling Stones beleiht.

Natürlich steht ihm diese Vielseitigkeit ebenso im Weg, wie man die Zeitlosigkeit seiner Kunst altmodisch finden kann. Live jedoch kann man nur nachdrücklich darum bitten, dass er sein Versprechen hält und bald mal wieder vorbei schaut.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum