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Fußballfans Ein Dresden-Fan redet sich in Wut

Wie durch ein Fußball-Urteil einem 15-Jährigen allerlei Zusammenhänge klar und anschaulich werden.

19.12.2012 17:11
Thomas Wendrich
Dynamo Dresden Fans auf dem Weg zum Stadion. Foto: dapd

Neulich treffe ich in Dresden meinen 15-jährigen Patensohn O. zu unserem monatlichen Spaziergang im Großen Garten. Ohne Begrüßung fragt er mich, was es zu bedeuten habe, wenn man verschuldensunabhängig verurteilt werde? Ich erkläre ihm, dass das in etwa so sei, als würden alle Hundehalter dafür bestraft werden, weil ein Hundehalter seinen Hund verprügelt hat. Ja, ruft O., das meine er. Und er beginnt mir ein Urteil zu erläutern, das sein junges Weltbild ins Wanken gebracht hat. Sein Verein, Dynamo Dresden, sei wegen fortgesetzter Randale eines harten Kerns von Kriminellen zu einer kollektiven Strafe verurteilt worden, die dem Verein auf Jahre das Wasser abgräbt. Verschuldensunabhängig! Das Gerechtigkeitsempfinden einer ganzen Generation sei zerstört. Warum kann in einem Land wie unserem, von einem einzelnen Richter, der schon im Vorjahr richtete, eine ganze Region bestraft werden? O. würde gern eine Debatte über die Demokratie führen und wohin sie sich entwickelt habe.

Fakt sei, dass kein Ostverein auch nur annähernd über eine Lobby verfüge wie Vereine im Westen. Die Journalisten würden im besten Fall den Ostfußball totschweigen, wären aber im schlimmsten Fall doppelmoralische Hetzer wie der Blonde vom ZDF. Relegationsspiele im Westen, die von Fans gestürmt wurden, würden regelwidrig fortgesetzt. Naziordner hinter der Fassade von Vorzeigeklubs würden geduldet. Kriminelle, die Fanbusse überfielen, lasse man ziehen. Düsseldorf! Dortmund! Köln! Hauptsache der Rubel rollt, da drüben! Denn das schöne Geld solle ja im Westen verdient werden. Basta! Augsburg? Fürth? Sandhausen? Häh? Dass die in solchen Ligen spielen, sei in etwa so, als würde Chemie Böhlen die Champions League dominieren.

Gepeppelte Kriminalität

Fakt sei ebenso, dass der Ostfußball in der 2. Liga domestiziert wird. Union verhalte sich taktisch klüger, friste aber im Grunde das gleiche Dasein wie Dynamo. Man könne dem Verein Dynamo für die letzten 20 Jahre Missmanagement vorwerfen oder Fehler bei der Gewaltprävention. Aber, und hier stockt O., der eigentliche Vorwurf gegen den Betrieb in den Neuen Bundesländern sei: Dass es ihn überhaupt noch gibt!

Das Zeichen, das von diesem Richter für den Osten ausgehe, sei vernichtend, denn die kriminelle Struktur werde durch dieses verschuldensunabhängige Urteil gestärkt. Wieso sei es nicht möglich, die Täter zu bestrafen? Wer schütze hier wen?
Anstatt vom Fehlurteil des letzten Jahres zu lernen (denn es habe doch nichts, aber auch gar nichts bewirkt), werde es rechthaberisch wiederholt und womöglich drastisch verschärft. Und damit sichere sich dieser Richter nebenbei seinen Posten! Er lebe ja von dieser gepeppelten Kriminalität, die nach fünf bis zehn Jahren wieder auf seinem Einzelrichterschreibtisch lande. Denn ein Fußballverein könne trotz immenser Anstrengungen (davon rede auch nie einer) nicht allein mit diesem Problem fertig werden, weil ihm dafür Knäste, Waffen und fähige Richter fehlten.

Oh, mein sonst so friedlich Latein büffelnder Patensohn hat sich in Wut geredet! Es freut mich, dass er aufbegehrt und Schlüsse zieht! Ich frage ihn, ob er lieber den Richter beseitigen wolle, oder das Gesetz, wonach er geurteilt habe. Am besten beides! Denn was keinen Nutzen habe, solle auch nichts kosten!

An der Leine

Wir lachen, und er entschuldigt sich leise. Er sei halt Fan und da liege das Herz auf der Zunge. Was ihn so ärgere, sei das Perfide dieser Entwicklung. Er sagt mir, dass er immer lachen müsse, wenn er junge Fans von Hansa oder Energie, Wismut oder Union sehe, die Schilder hochhielten mit dem absurden Spruch: „Die Wende hat mir alles genommen“. Die hätten die DDR nicht erlebt, aber dieses Urteil würde sie in ihrer beknackten Nostalgie noch bestärken.

Unterbrochen wird unser Gespräch vom Gebell eines Hundes der einem schreienden Kind hinterher spring. Das Kind rettet sich in die Arme seines Vaters. Der Hundebesitzer trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Hammer Gruppen Sieger BVB“. Ich weise ihn freundlich daraufhin, dass der Hund angeleint gehört! Er schaut uns hasserfüllt an und rät mir, doch selber mal einen ganzen Tag lang an der Leine zu gehen. Damit ich wisse, wie das sei!
Mein Patensohn schaut mich an und sagt: „Genau das meine ich!“

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