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Fußball und nationale Identität Patriotismus für die Verfassung, nicht für die Fahne

Vor vier Jahren feierte der DFB die Herkunftsvielfalt seiner Spieler. Die schwelende Affäre um Özil und Gündogan zeigt, dass davon nicht viel übrig ist.

WM 2006 in Berlin
Stolz in Schwarz Rot Gold: Public Viewing bei der WM 2006. Foto: dpa

In den 80ern hatten patriotische Gefühlslagen keine Konjunktur. Im linksliberalen Milieu verständigte man sich in emotionaler Zurückhaltung auf den Begriff des Verfassungspatriotismus, der ursprünglich von Dolf Sternberger geprägt worden war und in der anschließenden Debatte von Jürgen Habermas bis zu Richard von Weizsäcker neu formuliert wurde. Die Ausdrucksformen einer aggressiven Staatsfeindschaft, die aufseiten der Linken zweifellos das Lebensgefühl beeinflussten, waren allerdings im Abklingen. Das Bedürfnis nach nationaler Identifikation wurde eher durch Formen der ironischen Annäherung befriedigt. Herrschaftsfantasien, denen sie sich etwas später Rio Reiser als „König von Deutschland“ hingab, kamen aus dem Reich der Imagination.

Und wenn gejubelt wurde, dann verhalten. Ich erinnere mich noch sehr genau an das Viertelfinale bei der Fußball-Weltmeisterschaft von 1986 in Mexiko, wo die Bundesrepublik Deutschland auf den Gastgeber traf. Ich sah das Spiel im Berliner Tempodrom, das zu dieser Zeit noch in einem Zelt untergebracht war. Die linksalternative Szene der Stadt ließ es sich dort nicht nehmen, Fußball mit Corona zu genießen.

Die Spielweise der deutschen Mannschaft wurde hämisch als Rumpelfußball bezeichnet, so hatte sie es bereits vier Jahre zuvor bis ins Finale gebracht. Nach der Verlängerung stand es 0:0, die Entscheidung musste im Elfmeterschießen herbeigeführt werden. Die Spannung der abwechselnden Torschüsse übertrug sich dabei auf die Zeltgemeinde. Die defätistischen Kommentare verstummten, und als Toni Schumacher zwei schwach geschossene Elfmeter der Mexikaner parierte, brandete im Zelt ein geradezu glückseliger Jubel auf. Patriotismus? Keine Ahnung. Hauptsache gewonnen.

Der Streit um Özil und Gündogan ist rabulistisch

So einfach ist es mit der Herstellung eines nationalen Identitätsempfindens heute nicht mehr. Das mussten auch die Fußballnationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan erfahren, nachdem sie mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan für propagandistische Fotos posiert hatten. Die Winde der Entrüstung wehen noch immer, weil die Spieler den Verdacht nicht zu entkräften vermochten, dadurch ihrer türkischen Herkunft ein größeres Gewicht verliehen zu haben als ihrer Zugehörigkeit zum DFB-Team. 

Ein rabulistischer Streit. Mit etwas Wohlwollen hätte man ihre Aufstellung neben Erdogan ja auch als Plädoyer für eine doppelte Staatsbürgerschaft deuten können. Und wäre es so schlimm gewesen, wenn Özil und Gündogan sich offen zu den politischen Zielen Erdogans bekannt hätten? Das hätte gewiss zu der Diskussion geführt, ob es hinzunehmen sei, dass Repräsentanten des deutschen Fußballs dazu stehen, die demokratischen Werte, auf denen die Bundesrepublik basiert, weniger zu schätzen als den autoritären Staat, den der türkische Machthaber errichtet hat. 

Schon möglich, dass Özil und Gündogan diesem Druck kaum standgehalten hätten. Tatsächlich aber entspricht es wohl der politischen Realität, dass immer mehr deutsche Staatsbürger auf die demokratischen Werte ihres Staates pfeifen, obwohl sie von den ihnen in diesem Staat zugestandenen Rechten profitieren. Und die politische Ambivalenz, die Özil und Gündogan durch ihr Verhalten kundgetan haben, ist ja der ihres Verbandes Deutscher Fußball-Bund (DFB) nicht unähnlich, wenn dieser weitgehend unkritisch an der WM unter Putins Herrschaftsschirm teilnimmt.

Der Skandal um die Spieler Özil und Gündogan besteht vor allem in dem Versuch, das Verhalten der beiden als missverständlichen Ausdruck zweier unpolitischer und letztlich auch unmündiger Fußballspieler darzustellen. Ernstzunehmende Meinungsfreiheit jedenfalls spielte in dieser Affäre eine erstaunlich untergeordnete Rolle. Bei dem vermeintlich harmlosen Bild mit Erdogan aber geht es ums Ganze.

Die autoritäre Macht von Putin und Erdogan ist in den letzten Jahren insbesondere durch den Einsatz der ethnischen Karte stabilisiert worden. Russentum und Türkentum sind der emotionale Nährstoff der Regime, die ihre despotischen Herrscher errichtet haben. Das Konzept einer nationalen Identität, auf das sie mit allen propagandistischen Mitteln aus sind, hat sich zudem als zersetzendes Gift für die liberalen Staaten Europas erwiesen, die in den zurückliegenden Jahrzehnten vergleichsweise erfolgreich mit einer gelebten Idee des Verfassungspatriotismus waren.

Der DFB zelebrierte die Herkunftsvielfalt seiner Mannschaft vor einigen Jahren mit einem Werbespot, in dem die Eltern der Spieler am Fernseher ein integratives Fest feierten. „Mas Integracion“ lautete der Slogan, unter dem man in Erwartung des gemeinsamen Erfolges zusammenkam. Die keineswegs ausgestandene Affäre und Özil und Gündogan zeigt, dass diese fröhliche Übereinkunft Risse bekommen hat. Das Konzept einer offenen und öffnenden nationalen Identität jedenfalls ist durch fußballerische Glückseligkeit allein nicht aufrechtzuerhalten.

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