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Fritz Stern „Was wird, liegt an uns“

Eine Berliner Tagung erinnert zu Fritz Sterns 91. Geburtstag an den im vergangenen Jahr verstorbenen politischen Intellektuellen.

Fritz Stern hatte früh die Zerrissenheit des amerikanischen Bürgertums diagnostiziert. Foto: imago

Albert Einstein gab ihm die Empfehlung, besser Medizin als Geschichte zu studieren, denn das sei schließlich eine Wissenschaft, Geschichte aber nicht. Aber Fritz Stern entschied sich dann doch für die Geisteswissenschaft und wurde in diesem Sujet einer der bedeutendsten Gelehrten der westlichen Welt. Geschichte, das war seine Grundüberzeugung, muss im globalen Kontext verstanden werden. Über die Zukunft sagte er stets: „Was wird, liegt an uns.“

Was hätte Fritz dazu gesagt?, war daher eine Frage, die am Donnerstag gleich mehrfach gestellt wurde. Zu Sterns 91. Geburtstag wurde in Berlin am Pariser Platz ein großes Fest von der Universität Jena ausgerichtet, um an den im vergangenen Jahr verstorbenen politischen Intellektuellen zu erinnern. Zu seinen Ehren sprach eine auserwählte Runde an Wissenschaftlern und Intellektuellen: der Philosoph Jürgen Habermas, der Globalhistoriker Jürgen Osterhammel, der NS-Experte Norbert Frei, nicht zuletzt Joschka Fischer in einer vehementen Rede zur Lage der westlichen Welt.

Der scharfsinnige Norbert Frei hatte viele Freunde von Fritz Stern um sich versammelt. Die USA waren für den aus Breslau Vertriebenen lange eine vorbildliche Demokratie, während Deutschland zunächst sein tiefstes Misstrauen erregte, wie Jürgen Osterhammel erläuterte. Diese Emigrationsgeschichte schärfte die Sensorik Sterns für die politische Tektonik, so dass er das Übel in den USA früh kommen sah.

„Ich gestehe“, sagte der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer, „dass ich auf Fritz Stern eingewirkt habe wegen seiner pessimistischen Sicht auf die USA, die er vor einigen Jahren hatte. Ich sehe heute, dass ich mich geirrt habe. Es war nicht Pessimismus, sondern Realismus von Fritz.“ Stern diagnostizierte frühzeitig die Zerrissenheit des amerikanischen Bürgertums. Er sah die Liberalität in den USA in Gefahr. In höchster Gefahr, wie Stern nicht ohne seine ihm eigene Dramatik gesagt hätte. Deutschland dagegen war ihm zu einem Hort der demokratischen Stabilität, ja einem Vorbild für die westlichen Demokratien geworden.

Stern beschrieb ein entzaubertes Amerika, in der Republikanischen Partei erkannte er eine zunehmende Verantwortungslosigkeit und die immer größere Rolle der Lüge. Stern radikalisierte seine Sicht auf die USA immer stärker. „Man sollte nicht vergessen, dass dies aus den Gesprächen am Frühstückstisch mit seiner Frau herrühren könnte“, sagte Habermas mit einem Augenzwinkern, halb der Tatsache geschuldet, dass Sterns Frau politisch engagiert ist. Während Habermas und auch der Politiker Wolfgang Vogel ihre persönlichen Erlebnisse mit Stern unter dem Titel „Erinnerungen“ in eigenen Vorträgen schilderten, wartete Joschka Fischer mit einer Weckruf-Rede an die Deutschen auf. „Ich habe Sterns Sorgen um Amerika nicht geteilt“, sagte Fischer. „Aber er hat es gespürt.“ Gewiss sei es dieser Teil seiner biographischen Erfahrung, die den Grund gebe: Der Nationalsozialismus, die Flucht, die neue Welt.

Schicksalstag 7. Mai

Fischer macht sich Sorgen um die Zukunft des Westens. Die Menschen müssten sich von der Vorstellung verabschieden, dass in den USA am Ende die Vernunft in der neuen Regierung siegen werde. Den Blick müsse man auf das ideologische Raster der Regierung in Washington werfen, dann würde man erkennen, „dass sie nicht chaotisch, sondern sehr zielgerichtet agiert.“ Trumps Berater Bannon sei „aus deutscher Sicht nichts anderes als ein Rechtsradikaler.“ Er werde in eine der für die Außenpolitik wichtigsten US-Institutionen, den Nationalen Sicherheitsrat, befördert mit der Begründung, „er würde sich so gut mit den rechten europäischen Parteien verstehen.“

„Bannon folgt einem rassistischen Weltbild“, sagte Fischer, der fortfuhr, die ideologische Monstrosität der Superweltmacht nachzuzeichnen. „Es geht um den Kampf einer judeo-christlichen, weißen Welt um die Vorherrschaft, um einen globalen Kulturkampf auf rassistischer Grundlage“. Dabei, so Joschka Fischer, sei China auf staatlicher Ebene und der Islam auf nicht-staatlicher Ebene als Feind auserkoren. Man solle mit der Augenwischerei aufhören. Der Trump-Regierung gehe es nicht um die Einlösung von Wahlkampf-Versprechen, sondern „um die Sachen selbst.“

Für Europa sei der 7. Mai, der Tag, an dem die französische Präsidentschaft entschieden werde, der Schicksalstag. „Wenn Le Pen gewinnt, ist Europa verloren“. Wenn aber ein Kandidat wie Macron sich durchsetze, werde die Welle der rechten Ideologen zerbrechen. „Frankreich und Deutschland hätten eine zweite Chance.“ Und solche Chancen, habe schon Fritz Stern gelehrt, gebe es nur sehr, sehr selten in der Geschichte.

Deutschland habe sie nach dem Zweiten Weltkrieg gehabt, und habe sie genutzt. Aufgrund der Vergangenheit warnte Fischer davor, den gleichen Fehler hier noch einmal zu machen. „Wir wissen, wie der Film ausgeht.“ Die Mehrheit wolle diesen Fehler nicht noch einmal machen. Deshalb müsse man sich der rechten Herausforderung entschlossen entgegenstellen. Fritz Stern hätte es nicht besser sagen können.

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