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Friedrich Schleiermacher Glauben und denken

Zum 250. Geburtstag des evangelischen Theologen Friedrich Schleiermacher.

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher
„... wie würde er einen so großen Wert auf den toten Buchstaben legen?“ Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, hier um 1835. Foto: epd

Am heutigen Buß- und Bettag, dem 21. November 2018, ist der 250. Geburtstag von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Nach den Feiern zum 500. Jahrestag der Reformation gibt es gute Gründe, nun den evangelischen Theologen zu ehren, der den neuzeitlichen Protestantismus wie kein anderer geprägt hat.

„Soll der Knoten der Geschichte so auseinandergehen? Das Christentum mit der Barbarei, und die Wissenschaft mit dem Unglauben? Viele freilich werden es so machen, die Anstalten dazu werden schon stark genug getroffen, und der Boden hebt sich schon unter unseren Füßen, wo diese düstern Larven auskriechen wollen, von enggeschlossenen religiösen Kreisen, welche alle Forschung außerhalb jener Umschanzungen eines alten Buchstabens für satanisch erklären.“ So schreibt Friedrich Schleiermacher 1829 an einen Kollegen, dem er die theologischen Anliegen begreiflich machen möchte, mit denen er sich in seinem viel gelesenen Buch „Der christliche Glaube“ auseinandersetzt. In dieser „Glaubenslehre“ denkt Schleiermacher den Bekenntnissätzen und Glaubensthemen nach, die die christliche Gottesbeziehung betreffen. Wichtig ist ihm hierbei, dass christliche Glaubensaussagen nur derjenige Mensch als zutreffend zu beurteilen vermag, der sich selbst durch Christus erlöst weiß.

Schleiermacher, 1768 in Breslau geboren, kommt in einem Jahrhundert zur Welt, in dem mehr und mehr naturwissenschaftliche Erkenntnisse die breite Öffentlichkeit erreichen. Magische, übernatürliche Begründungen für Naturphänomene verlieren an Plausibilität. Deshalb warnt Schleiermacher davor, weiterhin biblische Texte, die beispielsweise von der Schöpfung Gottes handeln, für bare Münze zu nehmen. Jeglichen Buchstabenglauben, der in „enggeschlossenen religiösen Kreisen“ bleibe, hält er für fatal. Denn tatsächlich befinden sich biblische Erzählungen dem Buchstaben nach häufig im Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Christinnen und Christen, die ungeachtet dieser Widersprüche am biblischen Wortlaut festhalten, versperren sich jeglicher Wissenschaftlichkeit. Naturwissenschaftlich Interessierte wiederum verprellt womöglich ein wortwörtliches Verständnis biblischer Schriften und bringt sie gar vom Glauben ab. Vor allem aber verstellt Buchstabengläubigkeit den Blick für das, wovon das biblische Zeugnis eigentlich handelt.

Für besonders verhängnisvoll erachtet es Schleiermacher, wenn an einem buchstabengetreuen neutestamentlichen Wunderverständnis festgehalten und davon ausgegangen wird, Gott greife nach Belieben oder gar aufgrund von Gebeten in den Weltenlauf ein, um Änderungen an seiner Schöpfung vorzunehmen. Damit nämlich werde Gott jeglicher Göttlichkeit beraubt. In seiner Weisheit habe der Allmächtige die Welt nicht als Dauerbaustelle geschaffen, an der hier und da Ausbesserungen nötig wären.

Entscheidend für den christlichen Glauben ist nach Schleiermacher, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist, um die Menschen zu erlösen und so seine uneingeschränkte Liebe zu offenbaren. Von der Liebe Gottes hat Schleiermacher von Kind auf in seinem reformierten Elternhaus und ebenso im Seminar in Barby gehört, in dem seine geistliche Ausbildung durch die lutherisch geprägte Herrnhuter Brüdergemeine erfolgt. Jedoch findet er hier keine Antworten, auf die theologischen Fragen, die ihn umtreiben. Vor allem die Frage danach, wie es sein könne, dass Gott Mensch geworden ist, bringt den 18-Jährigen dazu, gegen den Willen seines Vaters an die Universität in Halle zu wechseln, um in wissenschaftlicher Weise Theologie zu studieren.

Nach seinem Studium wird Schleiermacher 1796 Prediger an der Berliner Charité, lebt einige Monate mit dem Romantiker und Philosophen Friedrich Schlegel (1772–1829) in einer Wohngemeinschaft zusammen und lernt das Berliner Salonleben kennen – mit Vorliebe im Salon der Henriette Herz (1764–1847). Die Literatin ist eine der gebildeten Berlinerinnen der damaligen Zeit, die in Abendgesellschaften vor allem Austausch mit Dichtern und Denkern wie Ludwig Tieck oder den Brüdern Humboldt pflegten. Schleiermacher schätzt das kulturelle Interesse dieser Frauen überaus. In seinem kurzen „Katechismus der Vernunft für edle Frauen“ ruft er einer jeden von ihnen aufmunternd zu: „Lass dich gelüsten nach der Männer Bildung, Kunst, Weisheit und Ehre.“

Vom umtriebigen Schlegel, dem jüngeren Bruder des Shakespeare-Übersetzers August Wilhelm Schlegel (1767–1845), wird Schleiermacher nicht nur angeregt, die Werke Platons aus dem Griechischen zu übersetzen. Auch verfasst er auf Schlegels Drängen hin seine erste markante Schrift. An Schleiermachers 29. Geburtstag gelingt es Schlegel, seinem Freund dafür die Zusage zu entlocken. Dass ihm dieser Plan gleichwohl nicht geheuer ist, das schreibt Schleiermacher noch am selben Abend seiner Schwester: „Neun und zwanzig Jahr, und noch nichts gemacht! Damit konnte er (Schlegel) gar nicht aufhören, und ich musste ihm wirklich feierlich die Hand darauf geben, dass ich noch in diesem Jahr etwas Eignes schreiben wollte – ein Versprechen, was mich schwer drückt, weil ich zur Schriftstellerei gar keine Neigung habe.“ 1799 dann erscheint Schleiermachers Schrift „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“.

In seinen Ausführungen über das Wesen der Religion grenzt sich Schleiermacher unter anderem von Immanuel Kant (1724–1804) ab, der 1793/94 selbst eine Religionsschrift verfasst hatte. Schleiermacher hält nämlich nicht nur fest, dass Religion als solche keine Ideen über ein höchstes Wesen vorschreibe. Sie trage auch keineswegs dazu bei, dass mithilfe eines höchsten Wesens als eines vermeintlichen Gesetzgebers eine bestimmte Sittlichkeit durchgesetzt werde. Religion ist nach Schleiermacher mitnichten das Mittel, den Lebensvollzug von Menschen durch äußere Vorgaben anzuordnen.

Vielmehr sei sie in einem jeden Menschen angelegt, und werde sie geweckt, erlebe sich ein Mensch auf das bezogen, was ihm das Ganze seines Daseins ausmacht und es begründet, was ihm also „Eins und Alles“ ist. Dazu benötige ein Mensch keine heiligen Buchstabenfolgen. Vielmehr, so schreibt der junge Schleiermacher in ausdrucksstarker Weise: „Jede heilige Schrift ist nur ein Mausoleum der Religion, ein Denkmal, dass ein großer Geist da war, der nicht mehr da ist; denn wenn er noch lebte und wirkte, wie würde er einen so großen Wert auf den toten Buchstaben legen, der nur ein schwacher Abdruck von ihm sein kann? Nicht der hat Religion, der an eine heilige Schrift glaubt, sondern welcher keiner bedarf, und wohl selbst eine machen könnte.“

Das eigene unmittelbare Erleben des sinnstiftenden Daseinsgrundes, nicht aber eine in Papier gepackte Rede von Gott und gottgesandten großen Geistern ist nach Schleiermacher entscheidend dafür, dass sich ein Mensch als religiös erfährt. Diese Aufklärung über die Religion in ganz romantischen Zeiten ist es, die Schleiermacher bis heute zu einem inspirierenden Theologen macht, an dessen Denken kein Vorbeikommen ist.

Doch nicht nur auf dem Gebiet der Theologie hat er sich hervorgetan. Als Professor an der neu gegründeten Berliner Universität (heutige Humboldt-Universität), an der 1810 der Lehrbetrieb aufgenommen wurde, hält er unter anderem auch Vorlesungen zur Pädagogik, zur Psychologie, zur Ästhetik, zur Ethik, zur Staatslehre und zur Hermeneutik.

Hermeneutik ist nach Schleiermacher die Kunst des Verstehens von gesprochener Rede und verschriftlichtem Text. Das Verstehen sprachlicher Äußerungen könne gelingen, wenn nicht nur die verwendete Sprache, sondern ebenso der jeweilige Autor oder Sprecher bekannt sei. Für das Verständnis notwendig sei darum einerseits die ausreichende Kenntnis der Sprache und ihres geschichtlich bedingten Gebrauchs. Andererseits müssten sowohl die konkrete Situation des Verfassers, in der er sich äußerte, als auch seine biografischen Hintergründe entdeckt werden.

Im Wechselbezug zwischen der konkreten Aussage, ihrem Autor und dem weiteren sprachlichen und geschichtlichen Kontext könne dann der Aussagegehalt und Sinn einer Äußerung herausgefunden werden.

Schleiermacher wendet seine Überlegungen, die den Beginn der modernen Hermeneutik begründen, unter anderem auf die Interpretation der Texte Platons an. Hierbei bemerkt er, dass der antike griechische Philosoph selbst von der Schwierigkeit handelt, verschriftlichte Einsichten wahrhaft zu verstehen. Platon klage darüber, dass es schrecklich ungewiss sei, ob eine schriftliche Mitteilung die Seele ihres Lesers treffe oder ob dessen Seele nur von der Einbildung lebe, „als wisse sie, was sie doch nicht weiß“.

Dass eine mit Buchstaben mitgeteilte Erkenntnis einem Menschen tatsächlich erkennbar ist, das ist aber auch eine Herausforderung, vor die ebenfalls die Lektüre biblischer Schriften stellt. Und entsprechend zieht Schleiermacher seine hermeneutischen Ausführungen auch zur Auslegung dieser Texte heran. Dabei ist für ihn von besonderem Interesse, dass im Neuen Testament Briefe und Evangelien zusammengefasst wurden, die von verschiedenen Autoren stammen und in Sprache und Inhalt sehr unterschiedlich gestaltet sind. Ihre Zusammengehörigkeit muss also wohl dadurch bedingt sein, dass sie allesamt von ein und derselben Sache handeln. Doch wie kann diese ermittelt werden?

Wie Schleiermacher selbst die neutestamentlichen Texte interpretiert, das verraten neben seinen Predigten sicher seine Vorlesungen zum Neuen Testament. Diese werden in den kommenden Jahren durch die Schleiermacher-Forschungsstelle an der Universität Kiel ediert, welche in Kooperation mit der Berliner Forschungsstelle an der Akademie der Wissenschaften bereits seit langem die Herausgabe von Schleiermachers Manuskripten besorgt.

1809, wenige Wochen nach seiner Hochzeit mit Henriette von Willich (1788–1840), tritt Schleiermacher eine Stelle als reformierter Pfarrer an der Berliner Dreifaltigkeitskirche an. Mit Frau und Kindern bezieht er das reformierte Pfarrhaus, das noch heute an der Ecke Taubenstraße/Glinkastraße steht. Dort wohnte er bis zu seinem Tod am 12. Februar 1834. Unter großer Anteilnahme der Berliner Öffentlichkeit wurde er auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof in Berlin-Kreuzberg beigesetzt.

Neben seiner Arbeit an der Universität, an der Akademie der Wissenschaften sowie in zahlreichen Gremien versieht Schleiermacher den sonntäglichen Predigtdienst und hält Konfirmandenunterricht. Auch der lutherisch getaufte Otto von Bismarck findet sich unter den Konfirmanden des reformierten Pfarrers. Dies war möglich, weil sich Schleiermacher intensiv für die Union der reformierten und der lutherischen Kirchen engagierte und in der Dreifaltigkeitskirche schließlich konfessionsübergreifende Gottesdienste abgehalten wurden.

Vor allem gemeinsame Abendmahlsfeiern hält Schleiermacher für dringend geboten, um die jahrhundertealte Spaltung der Konfessionen zu überwinden. Es sei von außerordentlicher Wichtigkeit, dass in der Feier des Abendmahls die Gemeinschaft der Glaubenden mit Gott und untereinander gestärkt werde. Ob dabei von den Glaubenden ein Verständnis der Abendmahlselemente (Brot und Wein) nach Martin Luther, nach Ulrich Zwingli oder nach Johannes Calvin vertreten werde, schmälere nicht deren Gemeinschaft mit Gott.

Entsprechend begrüßt Schleiermacher den Wunsch des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) nach gemeinsamen Abendmahlsfeiern zum 300. Jubiläum der Reformation im Oktober 1817. Allerdings bemerkt er auch deutlich, dass innerkirchliche Angelegenheiten nicht durch weltliche Herrscher verfügt werden sollten. Als der König sich anstellt, den Gebrauch einer von ihm selbst entworfenen Gottesdienstordnung anzuweisen, widerspricht Schleiermacher ganz entschieden. Und er nimmt es selbst in die Hand, die Kirchengemeinschaft der Konfessionen voranzutreiben, da er diese ohnehin gemeinschaftlich auf Christus bezogen weiß.

Die Christusbeziehung ist in Schleiermachers Theologie von größter Bedeutung, weil die Erlösung durch Christus einem Menschen die Liebe Gottes zu erkennen gibt. Wie sehr Schleiermacher an dem Vertrauen auf diese Liebe gelegen ist, das kommt in der Trauerrede zum Ausdruck, die er 1829 am Grab seines neunjährigen Sohnes Nathanael hält. Seine Rede, bei der ihm mehrfach die Stimme versagt, mündet in ein Gebet: „Nun du Gott, der du die Liebe bist, lass mich auch jetzt nicht nur deiner Allmacht mich unterwerfen, nicht nur deiner unerforschlichen Weisheit mich fügen, sondern auch deine väterliche Liebe erkennen!“

In diesen Zeilen ist auf den Punkt gebracht, worauf es dem Pfarrer und Professor ankommt. Das Gebet dient ihm dazu, dem Tod und der menschlichen Trauer die allmächtige Liebe Gottes entgegenzustellen. Dabei bezweckt er mit dem Wunsch, die eigene vollkommene Abhängigkeit von Gottes Allmacht akzeptieren zu können, kein stummes Stillhalten in Not. Vielmehr verbindet er damit die Bitte, in schmerzvollen Situationen, die nicht zu ändern sind, auf Gottes Liebe vertrauen und in das „Vaterunser“ einstimmen zu können, in dem es doch heißt: „Dein Wille geschehe!“

Solches Vertrauen macht nach Schleiermacher den christlichen Glauben aus, von dem seine „Glaubenslehre“ handelt. Dieses große Werk hat allerdings bereits bei seinem Erscheinen (1. Auflage 1821/22, 2. Auflage 1830/31) heftige Kritik provoziert. Schleiermachers Berliner Kollege Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) wettert energisch gegen die These, dass sich die christliche Religion durch das Bewusstsein umfassender Abhängigkeit des Menschen von Gott auszeichnen solle. Hegel wirft Schleiermacher vor, die Freiheit, die mit der Religion gegeben sei, nicht gesehen zu haben.

Als gleichfalls scharfer Kritiker meldete sich im 20. Jahrhundert Karl Barth (1886–1968) zu Wort, dessen Todestag sich am 10. Dezember 2018 zum 50. Mal jähren wird. Barth bemängelt, auf dem Boden des behaupteten Abhängigkeitsbewusstseins habe sich Schleiermacher einen Gott nach seinen Vorstellungen gebildet und damit zugleich die Allmacht Gottes hintergangen.

Schon die sprachliche Vehemenz und die Sticheleien, mit denen Hegel wie Barth gegen Schleiermacher opponierten, dürfen wohl als Ausweis dafür gelten, wie schwer es fällt, Schleiermachers Ausführungen sachlich entgegenzutreten. Die protestantische Theologie jedenfalls wird ohne die Einsichten Schleiermachers auch heute kaum die Knäuel entwirren können, die sich immer wieder um ihre Glaubenslehren winden. Denn die alte Frage, wie die biblischen Texte zu verstehen sind, scheint noch lange nicht geklärt zu sein. Noch immer etwa werden Menschen im Bereich der Kirche diskriminiert und benachteiligt, weil die „toten Buchstaben“ angeblich gegen Homosexualität und die Übernahme kirchlicher Ämter durch Frauen sprechen.

Und auch das kommt vor: Menschen meinen durch ihre Gebete, mit denen sie es scheinbar besser wissen als der Allmächtige selbst, dessen Willen ändern zu können. Solch fromme Selbstüberschätzung ist gewiss nicht Sache des heutigen Jubilars.

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