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Friedrich Luft Nachrichten vom Stadtbewohner

Zwei Sätze, und man wusste, wer der Urheber war: In der Anderen Bibliothek ist eine Auswahl der Feuilletons von Friedrich Luft wieder erschienen.

Friedrich Luft am Schreibtisch
Der Autor über einer Textstelle in seiner Denkerzelle. Foto: pa/dpa

Die Sache bei Friedrich Luft war ja die: Hörte oder las man ihn einmal, ging einem der Klang seiner Sprache nie mehr aus dem Sinn. Tatsächlich erhielt der Theaterkritiker 1978 den ersten Ricarda-Huch-Preis für Literatur, und Marcel Reich-Ranicki schrieb zu diesem Anlass in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Luft ist im ganzen Zeitraum seit 1945 der einzige, der über eine unverwechselbare Sprache verfügte.“ Oder wie der Theater- und Musikkritiker Joachim Kaiser es 1986 aus Anlass von Lufts 75. Geburtstag in der „Süddeutschen Zeitung“ ausdrückte: „Zwei Sätze hören oder lesen, und jeder Konsument weiß, wer der Urheber war.“ 

Zum Beispiel die Kritik zur Inszenierung eines Handke-Stücks von 1966: „Um ‚Selbstbezichtigung‘ zu betreiben, treten auf ein junges Mädchen und ein junger Mann. Verkleidet sind sie nicht. Geschminkt sind sie nicht. Spielen tun sie nicht. Sie parodieren. Sie reden. Sie psalmodieren. Sie sprechen nur mit schneller, modulierender Zunge, sich das Wort hin und wieder wie bei einer Stafette aus dem Mund nehmend. Kurze Hacksätze. Subjekt. Verb. Objekt. Sie häufeln kurzangebundene Syntax. Sie scherbeln die Sprache. Sie jazzen mit Worten. Sie schlagen Kurzaussagen heraus. Sie treiben Wort-Beat.“ 

Und er hier auch. Denn Friedrich Luft versuchte immer, sprachlich auf die Höhe des Kunstwerkes zu kommen, er wollte es nachempfindbar machen, ordnete es dabei wie beiläufig ein und beschrieb selbst Kompliziertestes so sinnlich, dass ihn auch der (von ihm oft bemühte) „Gemüsehändler“ verstehen konnte. Friedrich Luft war das, was man eine Berliner Institution nennt. Ein halbes Jahrhundert erhob er im RIAS jeden Sonntag für eine Viertelstunde seine „Stimme der Kritik“ und war dabei im DDR-Sendebereich ebenso populär wie in West-Berlin, obwohl seine Texte da auch in Zeitungen erschienen: zunächst  in der amerikanischen „Neuen Zeitung“, dann in der „Welt“ und der „Berliner Morgenpost“. Im Radio endete er stets mit den gleichen Worten: „Bis nächsten Sonntag, gleiche Stelle, gleiche Welle, herzlich auf Wiederhören.“ Und dann war es 12 Uhr und die Freiheitsglocke erscholl (zumindest ab Oktober 1950). 

Was durchaus zusammengehörte: So sehr Friedrich Luft auf der mentalen Einheit der Berliner Bevölkerung beharrte, so streng westlich war sein Demokratieverständnis. Nach ersten Monaten der Hoffnung auf ein unteilbares Berlin, bezog er spätestens ab der Berliner Blockade stramm Position. Am Tag des Mauerbaus am 13. August 1961, der auf einen Sonntag fiel, sprach er im RIAS von einer „nationalen Selbstverstümmelung“: „Das Datum des heutigen Tages wird eins der schändlichsten, der unverständlichsten, der widerwärtigsten bleiben auf lange Zeit.“ Aber auch: „Stacheldraht hat den Geist nie töten und verbieten können.“ 

Friedrich Luft war nicht nur Stilist, sondern auch Moralist. Das zeigt sich besonders in seinen Feuilletons, von denen er erste bereits während der Nazizeit veröffentlichte. Wobei man erwähnen muss, dass er privilegiert war. Luft hatte schottische Onkels, die ihn während der NS-Zeit finanziell unterstützten, so dass er, ein abgebrochener Student mit schriftstellerischen Ambitionen, nicht zur Erwerbstätigkeit und damit zum Eintritt in die Reichschrifttumskammer gezwungen war. Er konnte schreiben, was er wollte, war eine Art Assistent des Kabarettisten Werner Finck, ging viel ins Theater und ins Kino, forschte zu Goethe und hielt sich von den Nazis bis 1940, als er zum Militär eingezogen wurde, so fern es ging. 

„Luftballons“ hieß sein erster Band mit Feuilletons aus der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“, die 1939 im Verlag der Neuen Linie erschienen, inhaltlich aber eher nach alten Linien suchten. In stets leicht ironischem Ton befasst er sich hier mit zutiefst bürgerlichen Tugenden: der Muse und der Bildung, befragt technische Neuerungen wie das Telefon oder räsoniert über die Kultur der richtigen Reisegarderobe. Was sich heute teilweise etwas betulich liest, so, als hätte sich der Verfasser zum Schreiben extra Pantoffeln angezogen, darf im Zeitkontext des Reichskanzleigebrülls und der verquast-euphemistischen Amtlichkeit der NS-Formeln durchaus als subversive Strategie verstanden werden. Und 1945 zeigte sich dann sofort, welche Sprache sich Friedrich Luft tatsächlich durch die Nazizeit gerettet hatte: Eine, die an die Feuilletonkunst der Weimarer Republik anknüpfte, sich an den Programmen im Kabarett Katakombe ebenso geschult hatte wie am Witz des britischen Understatements und die auf dem Reichtum berlinischer Begriffe aufbaute. Eine kultivierte Schnoddrigkeit resultierte daraus, zu der Lufts Talent kam, den Ball immer flach zu halten und dennoch ins Tor zu bringen. 

Neben seiner Rundfunktätigkeit, die im Februar 1946 begann, wurde Friedrich Luft Redakteur der „Neuen Zeitung“ und als solcher schrieb er wieder regelmäßig Feuilletons, die unter dem Pseudonym Urbanus erschienen – der Stadtbewohner. Aber auch: Der Witzbold. Kurze Betrachtungen des Berliner Nachkriegsalltags, oft lustig, manchmal berührend, immer mit doppeltem Boden und leicht ironischer Distanz. Es sei denn, es betraf die Politik, da wurde Luft schon im Laufe des ersten Kolumnenjahres zunehmend ernst.

Ging es Urbanus am Anfang um den Baum, welchen frierende Nachbarn über Nacht gefällt hatten oder um eine Karte aus Stalingrad, die das buchstäbliche Leben bedeutete, spielten bald auch Hausputz und wissenschaftliche Erkenntnisse eine Rolle. Die Normalisierung des Lebens zwischen Trümmern wurde hier in bester Flaneurtradition abgebildet, eine Zukunftsunschuld, in die sich nach wenigen Monaten indes erste politische Dissonanzen mischten, die dem „gedanklichen Normalverbraucher“ (als der er sich gerne stilisierte) die „Haare zu Berge“ stehen ließen angesichts all der „Begriffsverwirrer“ und „Jongleure mit Weltanschauungen“, denen die Worte „Demokratie“ und „Freiheit“ mächtig „ins Schleudern“ gerieten. 

Im Juli 1948, als der Suhrkamp Verlag 83 dieser „Tagesblätter von Urbanus“ mit Vignetten von Lufts Frau Heide in handlicher Reclamheftgröße veröffentlichte, war der Traum vom geeinten Berlin vorerst vorbei. Da hatten die Währungsreform des Westens und die Abriegelung West-Berlins durch sowjetische Truppen bereits begonnen. 

60 Jahre später hat die Andere Bibliothek jetzt eine Auswahl dieser „Tagesblätter“ neu aufgelegt, gesammelt in einem Band, der auch weitere literarische Texte Friedrich Lufts enthält: mehrere „Luftballons“ der Jahre 1937–39 und auch einige Texte aus seinem dritten Band „Luftsprünge“ von 1962 (Kiepenheuer & Witsch). Zusätzlich wurden Reiseberichte, Flanerien und Essayistisches aus der Artikelsammlung des Friedrich-Luft-Archivs in der Akademie der Künste hinzugenommen und erstmals in Buchform publiziert; die Auswahl traf Wilfried F. Schoeller. 

Abgedruckt ist hier etwa die Artikel-Serie, die nach einer Reise durch die USA entstand, zu der Luft mit einigen Künstlern kurz vor Ende der Blockade im Mai 1949 vom State Department eingeladen wurde. Diese Tour festigte Lufts Vertrauen in die Alltagstauglichkeit der US-amerikanischen Form der Demokratie und minutiös beschrieb er den Lesern all das Neue und Erstaunliche, das er für sie testweise erlebte. Liest man in dem dunkelblau gebundenen Band Nummer 405 der Anderen Bibliothek, weht einen nicht nur die Gründungsgeschichte des Nachkriegsberlin an, nicht nur die Muße und Fokussiertheit eines brillanten Autors, sondern auch die immense Bedeutung, die Zeitungen, die das Feuilleton damals hatten. Die Resonanz, die Friedrich Luft auf seine Texte und Radiobeiträge bekam, ist legendär. 

Wenn jemand trotz allem nur Zeit für einen einzigen Text findet, sei ihm der zweite Beitrag im Buch empfohlen: Friedrich Lufts Rückblick auf die letzten Tage des Krieges ein Jahr nach der Kapitulation. Wie erbarmungslos, pathosfrei und in jedem Satz geerdet er hier schildert, was er sah und tat in jenen Stunden, in denen es für viele kein Morgen mehr gab, ist eine Kunst, die das Leben in jenen produziert, die an es glauben: „Am gleichen Tage fegte eine Granate genau vor das Kellerfenster. Ein alter, freundlicher Mann schrie auf, kreischte und starb. Sein Leib war mitten durchgeschnitten. Tellerwäscher bei Aschinger war er gewesen, mit einem Hang zur großen Literatur. In Gefechtspausen hatte er uns Schiller rezitiert. Und wir hatten, aufatmend, gelacht zuweilen. Jetzt trugen wir seine Reste hinaus und machten ihnen ein Grab. Die Splitter klirrten ans Haus. Letzte Scheiben brachen, jemand sprach ein Vaterunser in den Aufruhr. Dann ging es zurück in den Keller bis zum Abend.“

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