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Frankfurts Opernintendant … im Wissen, außergewöhnlich gute Musiker zu hören

Frankfurts Opernintendant Bernd Loebe über Programm und Publikum, das neue Opernstudio und den einen Regisseur, den er nicht anlocken kann.

30.06.2008 00:06
Bernd Loebe, geboren 1952 in Frankfurt, studierte Rechtswissen- schaften und arbeitete als Musikredakteur. Foto: Müller

Herr Loebe, lassen Sie uns einen kurzen Rückblick auf die Spielzeit werfen, die wohl, bis auf einige Merkwürdigkeiten am Ende, recht gut gelaufen ist. In welchem Stadium sehen Sie die Frankfurter Oper?

Ein Kriterium sind ja die Zahlen, und wir können am Ende der Spielzeit sagen, dass wir mit dem Geld hingekommen zu sein scheinen. Künstlerisch betrachtet haben wir mit "Cosí fan tutte", "Trittico" und "Billy Budd" drei überragende Produktionen gehabt und mit Janaceks "Broucek" und mit "Ariane et Barbe-bleue" recht erfolgreich Repertoire-Nischen erkundet. Zwei Produktionen wurden aus verschiedenen Gründen bejubelt und angebuht: "Don Carlo", der allerdings in Punkto Publikumszuspruch die erfolgreichste Produktion war, seit ich in Frankfurt bin, aber umstritten, weil die Inszenierung doch vergleichsweise konventionell ausfiel, und mit dem "Fidelio" am Saisonende haben wir meiner Meinung nach eine Krise noch relativ anständig in den Griff bekommen. Wir werden an dieser Produktion vor der Wiederaufnahme noch einmal arbeiten. Aber auch hier war die musikalische Qualität, genau wie auch beim "Carlos", so stark, dass diese Produktion doch ihr Publikum finden wird. Man geht in Frankfurt auch in die Oper mit dem Wissen, dass man außergewöhnlich gute Stimmen und ein außergewöhnlich gutes Orchester hört und gute Dirigenten am Werk sieht. Wir haben inzwischen etwa 10 300 Abonnenten, und was die Auslastung anbelangt, sind wir bei etwa 80 Prozent. Wir stehen also auf einem soliden Fundament.

Sie haben in dieser Spielzeit zum ersten Mal das "Finale" veranstaltet, eine diskursive und künstlerische Veranstaltungsreihe, die sich um die letzte Produktion der Spielzeit gruppiert. In der kommenden wird das Pfitzners "Palestrina" sein - einer der gewagteren Posten im Spielplan, Sie erinnern sich sicher an den Aufruhr um Ingo Metzmachers Pfitzner-Aufführung zum Nationalfeiertag im vergangenen Oktober. Haben Sie den Eindruck, dass Pfitzner wieder in die Spielpläne und Konzertprogramme gehört?

Von der musikalischen Qualität her gehört Pfitzner auf alle Fälle in den Spielplan. "Palestrina" ist ein Meisterwerk, und die von Ihnen angesprochene Kantate "Von deutscher Seele" wäre unproblematisch, wenn sie einen anderen Titel hätte. Wir wissen ja, dass Pfitzner sich noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als irritierend über Antisemitismus verbreitet hat. Es ist klar, dass wir uns mit solchen Aussagen, die konträr zu einem Humanismus in seinen Werken steht, beschäftigen müssen. Wir werden im Frühsommer ein Symposium über Hindemith und Pfitzner anbieten, und ich denke, das Theater ist der richtige Ort, um kontroverse Standpunkte auszutauschen. Ich habe dieses Werk aber auch in den Spielplan genommen, weil Kirill Petrenko es unbedingt dirigieren wollte. Er hat vor etlichen Jahren in Wien die Wernicke-Produktion gesehen und war von der Musik begeistert. Ich fand auch das Libretto hochwertig, selten hat ein Komponist so ein gutes Libretto selbst verfasst. Wenn man eine gute Besetzung hat - wobei wir aus dem eigenen Ensemble vieles besetzen können -, hat man schon eine gute Basis. Dass Harry Kupfer die Inszenierung machen will und als Vertreter der älteren Generation dabei mit einem jungen Dirigenten wie Petrenko zusammenkommt - das ist doch eine spannende Konstellation.

"Palestrina" erscheint im Saisonprogramm auch als Aspekt des deutschen Repertoires, das darin einen Schwerpunkt bildet, ebenso wie die Oper des 20. Jahrhunderts: Die Hälfte der Neuproduktionen gilt Werken des 20. Jahrhunderts, und Saisonauftakt ist Aribert Reimanns "Lear". Was finden Sie an diesem doppelt geprägten Schwerpunkt so bedeutsam?

Mir war das gar nicht so bewusst, aber wo Sie's sagen... Der "Lear" ist ein Schlüsselwerk der Moderne, es wird interessant sein zu sehen, ob es sich im Repertoire behaupten kann. Und mir war wichtig, dass Sebastian Weigle hier mit einem Werk beginnt, wo man nicht geschmäcklerisch urteilen wird, sondern das ein Bekenntnis zu Neuer Musik ist und das die Leistung aller Abteilungen des Hauses fordern wird. Das schien mir die richtige Visitenkarte für einen neuen GMD zu sein. Wir werden zwei Jahre später die deutsche Erstaufführung von Reimanns "Medea" machen, koproduziert mit der Wiener Staatsoper. Solche Linien, die sich über mehrere Spielzeiten verfolgen lassen, sind mir wichtig. Was das deutsche Repertoire angeht: Ich denke nicht, dass wir extrem in dieses Fach abdriften werden. Wir haben die Eckdaten der Spielpläne schon bis 2013 festgelegt, da wird sich manches herausschälen.

Die Angst, dass bei einem schwerpunktmäßig aus dem 20. Jahrhundert stammenden Programm das Publikum wegbleibt, hat sich aufgelöst?

Wir profitieren von unserer Spielstätte im Bockenheimer Depot. Viele jüngere Komponisten schreiben kleiner besetzte Stücke, die dort wunderbar hinein passen. Wir haben auch eine Absprache mit dem Ensemble Modern und wollen ab 2009/10 dort jedes Jahr mindestens eine Uraufführung herausbringen. Wir werden aber auch im großen Haus deutsche Erstaufführungen haben, mir ist das Nachspielen von Stücken genauso wichtig wie eine Uraufführung. Und ich überlege auch, welche Librettisten und Komponisten man für eine Uraufführung im großen Haus fragen sollte. Die Neue Musik soll in diesem Haus einen hohen Stellenwert haben. Kurioserweise ist ja in der viel gerühmten Gielen-Ära in Frankfurt nicht eine Uraufführung entstanden. Man fand es wichtiger, das normale Repertoire zu befragen. Damit wurden Türen geöffnet, und wir können heute auch das so genannte normale Publikum mit zeitgenössischer Oper konfrontieren.

Wozu das Orchester seinen gewichtigen Beitrag liefert.

Das Orchester hat im Moment eine perfekte Mischung aus älteren, erfahrenen und sehr guten jüngeren Musikern und zeigt einen großen Qualitätswillen. Übrigens wird es sich auch in der Kinder- und Jugendarbeit engagieren; wir schauen uns an, wie Barenboim das in Berlin mit seinem Musik-Kindergarten macht - aus dem Orchester kommt der Wunsch, sich auch in dieser Weise zu engagieren. Ich bin der Meinung, dass die Leistung eines Orchesters erklärbar ist durch die Leistung des GMD, aber ein dichtes Netz von Gastdirigenten spielt auch eine wichtige Rolle.

Die Covent-Garden-Oper produziert in großem Stil DVDs, die Oper Frankfurt wird mit CD-Produktionen auf den Markt kommen.

Wir sprechen gerade mit einem Partner, mit dem wir das sehr seriös tun werden, ich möchte aber noch nicht sagen, wer das ist. Als erste Veröffentlichung planen wir den "Lear", von dem es zurzeit keine aktuelle Aufnahme gibt.

In den Besetzungslisten der kommenden Saison taucht mehrfach das Wort "Stipendiat" auf. Das Opernstudio hat also zu arbeiten begonnen.

Wir haben sechs Sänger ausgewählt, die aus der ganzen Welt kommen. Es war ja auch der Wunsch unserer Partner, dass diese Sänger, wenn sie uns wieder verlassen, den Ruhm Frankfurts in alle Welt hinaus tragen. Ich finde es ein sympathisches Anliegen, im Kleinen etwas zu versuchen, was im Großen nicht immer klappt, nämlich Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt zusammen zu bringen und für eine Idee zu begeistern.

Wie werden die sechs Stipendiaten in Inszenierungen eingebunden?

Sie werden kleine Rollen übernehmen und parallel dazu große Partien erarbeiten, um gegebenenfalls im Erkrankungsfall da zu sein. Sie haben regelmäßigen Unterricht, wir haben dafür Eytan Pessen engagiert, der an der Stuttgarter Oper bei Zehelein Casting Direktor war, bei dem sollen die Fäden zusammenlaufen. Wir werden eine Zusammenarbeit mit unseren Regisseuren anzetteln, die Sänger sollen Deutsch lernen - ich denke, sie werden sich nicht langweilen. Man kann ein Opernstudio betreiben, damit es ein bisschen billiger wird, aber unser Ziel ist, Sängern mit abgeschlossener Ausbildung Praxiserfahrungen zu ermöglichen. Eventuell schließen sich Ensembleverträge an.

Das Budget des Opernstudios ist von den Unwägbarkeiten des Haushalts unabhängig?

Wir müssten mit dem Geld, das wir von der Deutschen Bank Stiftung und von der Polytechnischen Gesellschaft bekommen, auskommen.

Haben Sie mit dem Orchester Neues vor? Im Programm der Museumskonzerte findet sich der Dirigent Thomas Hengelbrock, der ein Konzert mit Haydn-Schwerpunkt dirigieren wird.

Die Programmatik der Konzerte obliegt der Museumsgesellschaft. Wir koordinieren uns aber, es wird also vorkommen, dass Dirigenten, die bei uns Oper dirigieren, auch mit Museumskonzerten betraut werden. Mit einem solchen Angebot ist es manchmal leichter, einen Dirigenten für eine längere Periode an die Oper zu bekommen. Aber weil Sie nach Hengelbrock fragen: Wir haben uns für unsere Barockopern schon auf Andrea Marcon festgelegt.

Und für die Romantik wird Sebastian Weigle zuständig sein. Es wird auch wieder einen "Ring" geben.

Wir beginnen im Mai 2010 und werden den "Ring" dann innerhalb von 18 Monaten komplett machen, also bis 2012. Einen "Ring" kann man nur machen, wenn er in irgendeiner Form polarisiert oder eine Debatte anregt. Ich denke, dass die Bestellung von Vera Nemirova Spannung verspricht. Überhaupt bin ich sehr zufrieden mit der Riege der Regisseure, mit denen wir arbeiten - auch hier eine gute Kombination von jungen Künstlern mit Namen, die etabliert sind. Es gibt nur einen großen Regisseur, den ich offenbar nicht nach Frankfurt locken kann, das ist Jossi Wieler. Übrigens mussten wir für den "Lohengrin" kurzfristig jemand anderen finden. Ich habe auch schon einen Kandidaten im Auge und habe mir gerade seine jüngste Arbeit angesehen; er müsste zu uns passen.

Interview: Hans-Jürgen Linke

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