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Frankfurter Liebieghaus Der doppelte Körper der Macht

Eine archäologische Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus behandelt zwischen altehrwürdigen Steinen durchaus auch aktuelle Fragen. Von Arno Widmann

Der große Sahure neben dem erstaunlich kleinen Regionalgott. Foto: Bruce White/Metropolitan Museum oft Art

Sahure? Nie gehört. Ein Pharao der der fünften Dynastie. Er soll von 2490 bis 2475 vor unserer Zeitrechnung regiert haben. Im Frankfurter Liebieghaus ist von heute an in einer Ausstellung zu besichtigen, was von ihm übrig geblieben ist und was man über ihn weiß. Zum Beispiel der thronende Sahure mit einem kleinen Gaugott an seiner Seite aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art. Dazu kommen Stücke, die das Umfeld Sahures dokumentieren aus dem Louvre, aus Kairo, aus Berlin und München. Dazu kommt noch eine kleine Dokumentation der Arbeit des entscheidenden Wiederentdeckers von Sahure: Ludwig Borchardt (1863-1938), der die große Grabanlage des Pharao noch vor dem ersten Weltkrieg erforschte.

Der heutige Pharao der ägyptischen Altertümer, Zawi Hawass, der auch selbst in Abusir grub und gräbt, preist im Katalog Borchardts Arbeit: "Lässt man einmal seine Rolle bei der Ausfuhr der Nofretete-Büste aus Ägypten beiseite, war Borchardt einer der bedeutendsten Archäologen des 20. Jahrhunderts."

"Sahure - Tod und Leben eines großen Pharao" ist eine einzartige Ausstellung geworden. Vor allem natürlich wegen der Pracht der ausgestellten Stücke. Vor allem die Reliefs, auf denen Opferszenen, Auszahlung der Schiffsmannschaften, Götterprozessionen und Ähnliches zu sehen sind, sind von einer nur selten in der Geschichte der Bildhauerkunst erreichten Feinheit. Der Besucher muss nahe herangehen, um zu sehen, wie genau die Handwerker vor viereinhalb Jahrtausenden arbeiteten. Zitternde Nasenflügel wurden aus dem Stein geschlagen. Die Federn eines Kopfschmucks, die feinsten Zweige eines Baumes. Man wird heute kaum jemanden finden, der das so gut kann. Es muss damals aber Tausende Bildhauer gegeben haben. 10000 Quadratmeter, schätzen die Archäologen, soll der Bildschmuck in der Tempelanlage des Sahure betragen haben. Und dazu noch die Maler. Denn der weiße Kalkstein dieser Reliefs war bemalt. Nahezu jeder Quadratzentimeter.

Ein Modell der Anlage vermittelt auch einen Eindruck vom Totenkult. Die Leiche des Pharao wurde über einen Nilkanal an die Anlegestelle und von dort in den Taltempel gebracht. Der Aufweg verband den Taltempel mit dem Pyramidentempel, der über eine Scheintür mit der Pyramide verbunden war. Diese Scheintür trennt das Reich der Toten von dem der Lebenden und verbindet die beiden zugleich. Denn der Geist des Pharao kann den massiven Kalkstein durchschreiten.

Die Anlage ist etwa einen halben Kilometer lang und übertrifft damit die Grabanlage des Königs Chephren deutlich. Die Pyramide des Sahure war allerdings kleiner als die des Cheops. War diese noch von einer himmelstürmenden Monumentalität, so überwältigte die Grabanlage Sahures durch ihre Ausdehnung in der Fläche. Sahures Anlage gab über Jahrhunderte das Modell ab für ägyptische Herrschaftsarchitektur. Seine Tempelanlage prägte die spätere Entwicklung. Man wüsste gerne, was hinter diesem Paradigmenwechsel stand. Welche Konzeption dazu führte, dass man dem Himmelsgott Re nicht mehr so weit wie möglich entgegenkam, sondern eine breite Landebahn schuf für die Gottheit.

Und warum überzeugte das auch die Nachwelt? An den Kosten kann es nicht gelegen haben. Die Archäologen sind sich sicher, dass die Anlage Sahures nicht billiger, sondern wahrscheinlich deutlich teurer war als die des Cheops. Es wird wohl theologische Begründungen oder doch jedenfalls Legitimationen für diesen so augenfälligen Wechsel in der Ästhetik des Totenkultes gegeben haben.

Aber nicht nur die Anlage als Ganze setzte Maßstäbe. Auch einzelne Reliefs wurden in späteren Jahrhunderten Vorbild. Die linke Wand im großen Saal der Ausstellung vermittelt - in Repliken von in Berlin aufbewahrten Reliefs - eine Vorstellung von der überwältigenden Wirkung, die diese Anlage auf Besucher gehabt haben muss. Wer näher heran tritt, erkennt die Quadrate, die in den Stein eingezeichnet wurden, um den Kopisten die Arbeit zu erleichtern. Unsere Verblüffung über die Detailfreude und die Detailgenauigkeit dieser Reliefs ist nicht neu. Schon die alten Ägypter standen staunend vor diesen Steinen und versuchten sie zu imitieren.

Die Ausstellung stellt uns eine der größten Kultanlagen der Menschheit vor. Dafür ist sie etwas klein geraten, könnte man sagen. Aber auch wenn sie zehn Mal so groß wäre, wäre sie immer noch winzig im Vergleich zum Original. Das soll ein Museum werden. Aber es ist nicht damit zu rechnen, dass das in ein paar Jahren schon auch nur einen annähernd klaren Eindruck von dem, was Sahures Grabstätte einmal war, wird vermitteln können. Wer sehen möchte, wie der Glaube, ein von einem Pharao - sagen wir einmal etwas euphemistisch - beflügelter Glaube, Berge versetzt und schier Unmögliches möglich macht, der muss ins Liebieg-Haus nach Frankfurt. Und wer wissen will, mit welcher Begeisterung wohl eher ungläubige als gläubige Berliner und Frankfurter Juden des frühen 20. Jahrhunderts die Überreste dieses alle Dimensionen sprengenden Totenkultes ausgruben und veröffentlichten und dafür sorgten, dass die Menschheit wieder von diesen verlorenen Schätzen weiß, muss auch ins Liebieghaus.

Ludwig Borchardt lernte 1895 Mimi Cohen kennen, deren Familie eine Ägyptenreise unternahm. 1903 heirateten sie in Frankfurt, der Heimatstadt der Braut. Ihr Vater war der in Hannover geborene Maler Eduard Cohen. Ihre Mutter war Amerikanerin: Ida Kuhn. Ihr Großvater war ein deutscher Landjude aus dem pfälzischen Herxheim. 1867 gründete er zusammen mit seinem Vetter Samuel Loeb - der aus Worms in die USA eingewandert war - eine Bank. Die wurde zu einer der bedeutendsten Investmentbanken ihrer Zeit: Kuen, Loeb & Co. Aus diesen Quellen sprudelte das Geld für Borchadts ägyptische Forschungen. Cilli Kasper-Holtkotte schreibt darüber ausführlich im Katalog.

Wer von den kleinen Landjuden aus Deutschland liest, die in New York berstend reich wurden, der liest die wenigen Zeilen im Katalog darüber, dass man nichts Genaues weiß über die Herkunft Sahures, mit anderen Augen. Soziale Mobilität verkaufen die Soziologen uns oft als eine Erscheinung der Neuzeit. Vielleicht war Sahure ein Kuhn, ein Loeb seiner Zeit.

Auf zwei Ausstellungsstücke sei hingewiesen, die der Besucher womöglich leicht übersieht. Es gibt eine Doppelstatue des Niuserre. Sie kommt aus dem Münchner Ägyptischen Museum. Niuserre (Teil der Macht des Re) regierte wohl zwischen 2455 und 2420 vor unserer Zeitrechnung. Aus dem Alten Reich ist kein anderes Exemplar dieses Typus bekannt. Wer den Katalog liest, wird auf die Unterschiede der beiden Gestalten hingewiesen. Tränensäcke sollen das Gesicht des linken Niuserre verunzieren. Die rechte Figur dagegen zeige einen jugendlichen Pharao. Der Laie blickt den beiden Kalzitfiguren in die Gesichter und sieht nichts. Keine Tränensäcke, keine Falten. Nichts. Aber den Rest der Erklärung liest er mit roten Ohren. Die Statuen, so heißt es, verkörperten einmal den Herrscher als Menschen, das andere Mal den Herrscher als Gott. Die zwei Körper des Königs, die Doppelnatur der Macht. Wir aufrechten Demokraten vergessen das manchmal. Aber Jahrtausende lang war die Macht von Gott. Und der Umkehrschluss war ebenso wahr: Wer mächtig war, war Gott. Für den Mächtigen gibt es keine Gesetze. es sei denn, er macht sich welche.

Man steht vor dieser Doppelstatue und findet, es wäre klüger, die beiden Körper wären identisch. Sie sind es nämlich. Jedenfalls sind sie in diesem Leben nicht zu trennen von einander. Der Pharao mag alt werden, aber er bleibt - auch mit Gicht und Rheuma - ein Gott, ein Sohn Gottes. Den einen Körper in zwei zu trennen, ist eine Leistung politischer Theologie. Nichts, was ein Arzt könnte. Wie auch das Zusammenbringen der beiden Körper kein chirurgischer Eingriff ist, sondern ein staatsrechtlich-religiöser.

Uns Demokraten kommt freilich der Gedanke, dass nicht nur der Herrscher über zweierlei Gestalten verfügt, sondern jeder Mensch. Leib und Seele denken wir, und wir erinnern uns, dass in Ägypten die Seele, der Geist zwei Aspekte hat, also auch eine Doppelnatur ist. Wenn wir hinauf blicken zu "Teil der Macht des Re", dann wird dieser verwitterte alte Stein lebendig und führt mitten hinein in aktuelleste Fragen. Wer sündigt, wenn ein Bischof sündigt? Als Bischof untersteht er allein dem ius divinum.

Versäumen Sie nicht, sich das allerletzte Exponat anzusehen. Rechts an der Wand. Der Papyrus Westcar aus dem Berliner Ägyptischen Museum. Entstanden um 1700 vor unserer Zeitrechnung, also mehr als 700 Jahre nach Sahure. Eine Geschichtensammlung, die am Hofe des Pharao Cheops spielt, also 200 Jahre vor Sahure. In einer dieser Geschichten verkündet ein alter Zauberer, nachdem er einer Gans, einer Ente und einem Rind die abgeschlagenen Köpfe wieder auf die Rümpfe gezaubert hatte, dass die Ehefrau eines einfachen Priesters des Sonnengottes von diesem Drillinge gebären werde, die nach dem Enkel des Cheops nacheinander Pharao werden werden. Sahure ist der letzte von ihnen.

Der Sohn Gottes, gezeugt mit einer Menschin. Dieses Geschichte ist uns urvertraut. Aber wir kennen nur eine späte Kopie. Sahure ist eine der zahllosen Christusgestalten der religiösen Weltliteratur. Es ist ein schöner, den Horizont weit aufreißender Abschluss der Ausstellung.

Sahure - Tod und Leben eines großen Pharao. Liebieghaus, Frankfurt/Main, bis 28. November

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