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Frankfurter Auschwitzprozess Fritz Bauers Verschwinden aus der Öffentlichkeit

Vor 50 Jahren starb der Jurist Fritz Bauer, Chefankläger im Frankfurter Auschwitzprozess. Auf dem Gebiet der Verfolgung und Ahndung der NS-Verbrechen gab es nach Bauers Tod einen Rückschritt.

Auschwitz Prozess 1963 in Frankfurt am Main
Blick in den Gerichtssaal am Tag der Eröffnung des Auschwitzprozesses in Frankfurt am 20. Dezember 1963. Foto: epd

Wenige Tage vor seinem 65. Geburtstag verstarb Fritz Bauer am 1. Juli 1968 unerwartet. Drei weitere Jahre hatte er seinen Dienst noch ausüben wollen. NS-Verfolgten, die wie Bauer in der Nazizeit ihr Amt verloren hatten, räumte das Hessische Beamtengesetz auf Antrag ein, die Vollendung des 68. Lebensjahrs als Altersgrenze festzulegen. Das Ersuchen des unermüdlichen Justizjuristen war von Wiesbaden positiv beschieden worden.

Obgleich Bauers in vielen Nachrufen gedacht und sein bedeutendes Wirken gewürdigt wurde, blieb er nahezu ein Vierteljahrhundert lang vergessen. Außer wenigen Aufsätzen und Zeitungsartikeln von Freunden und Wegbegleitern gab es keine Erinnerung an den Juristen, der zu seinen Lebzeiten landauf, landab ein viel gefragter Redner und Diskutant und in seiner Partei, der SPD, ein wichtiger Rechtspolitiker gewesen war. Auch im juristischen Schrifttum kam Bauer nicht vor. Erst zu seinem 25. Todestag erinnerte man sich seiner öffentlich wieder. Im Sendesaal des Hessischen Rundfunks wurden Filmdokumente mit Fritz Bauer gezeigt und ein Gespräch mit der ihm nahegestandenen Strafvollzugsreformerin Helga Einsele geführt. Die gute Freundin Ilse Staff regte beim amtierenden Bauer-Nachfolger eine Gedenkveranstaltung an, die an seiner Wirkungsstätte, dem Oberlandesgericht in Frankfurt, durchgeführt wurde. 

Abermals trat Einsele auf und hielt eine bewegende Rede. Sie hob Bauers gesellschafts- und rechtspolitische Bedeutung hervor und nannte ihn einen „Kämpfer (…) für Aufklärung, soziale Gerechtigkeit, Liberalität, Demokratie, gegen Rassismus, Faschismus und Untertanengeist“. Doch sei er für die Deutschen ein zu früh gekommener Aufklärer gewesen. Auch der an der Goethe-Universität lehrende Strafrechtswissenschaftler Herbert Jäger, der über Jahre hin beste Arbeitskontakte zu Bauer gepflegt und für den Remigranten zu den vorbildlichen Gestalten einer progressiven Juristengeneration gezählt hatte, verfasste 1993 eine Erinnerung. Jäger versuchte für Bauers Abwesenheit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Fachwelt eine Erklärung zu geben. 

Strittige Erklärung für Bauers Verschwinden

Seiner Ansicht nach war die „Wirkung Bauers (…) an seine Person gebunden“, ein Wissenschaftler sei er nicht gewesen. „Seine Schriften vermögen kaum noch einen Eindruck von seiner Persönlichkeit zu vermitteln. Die Bücher, zahlreichen Aufsätze, publizierten Vorträge, die er hinterlassen hat, sind von nur zeitgebundener Bedeutung und selbst sein Hauptwerk ‚Das Verbrechen und die Gesellschaft‘ (1957) (…) ist mit seinem Empirismus heute wissenschaftlich überholt.“

Diese durchaus strittige Erklärung für Bauers Verschwinden aus dem oftmals kurzlebigen historischen Gedächtnis ist freilich nur die halbe Wahrheit. Unter der sozialliberalen, von Willy Brandt und Helmut Schmidt geführten Koalition, ist auf dem Gebiet des Straf- und Strafprozessrechts sowie des Strafvollzugs vieles verwirklicht worden, was Bauer in seinen Reformanstrengungen gefordert hatte. Bauers Saat ging mithin erst nach seinem Tod auf. Die Früchte seiner Reformbemühungen hat er nicht mehr ernten können. Ganz unrecht hat Jäger gleichwohl nicht gehabt. Eine fünf Jahre nach seinem Fazit erschienene Auswahl von Bauers Schriften stieß auf nur verhaltene Resonanz.

Auf dem Gebiet der Verfolgung und Ahndung der NS-Verbrechen gab es nach Bauers Tod einen Rückschritt. Anders als er angestrebt hatte, wurden kaum noch große Komplexverfahren gegen Holocaust-Täter geführt. Seine Erwartung, exemplarische Prozesse gegen NS-Verbrecher, die eine umfassende Sachverhaltsaufklärung leisten, würden für die Deutschen eine als notwendig erachtete Geschichtsstunde sein können, erfüllte sich nicht. Meist standen nur noch mediokre Exzesstäter vor Gericht. Die Täter hinter der Tat, die Schreibtischtäter und Organisatoren der Shoah, blieben meist unbehelligt. 

Obgleich es den Gegnern der justiziellen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit nicht gelang, in den Verjährungsdebatten sich durchzusetzen und Mord und Mordbeihilfe der Strafverfolgung zu entziehen und obschon das bereits für Mitte der 1960er Jahre vorgesehene Ende der Zentralen Stelle in Ludwigsburg nicht eintrat, sind nur noch wenige öffentlichkeitswirksame Prozesse gegen NS-Tätern zustande gekommen.

Ganz unverhofft trat jedoch durch das Münchner Demjanjuk-Urteil im Jahr 2011 eine Wende in der bundesdeutschen Rechtspraxis ein und Bauer erlebte eine Renaissance. Seine zu Zeiten des Auschwitz-Prozesses dargelegte Rechtsauffassung, dass jeder, der an der Vernichtungsmaschinerie hantiert habe, des Mordes oder der Mordbeihilfe schuldig sei, kam endlich zur Geltung. In den 1960er Jahren war sie vom Frankfurter Schwurgericht und vom Bundesgerichtshof verworfen worden. Nicht umsonst sprach Bauer voller Resignation von der „Tragödie“ der NS-Prozesse. 

Die Rechtsprechung, die kaum Täter und Mittäter, hingegen unzählige Gehilfen kannte, die das arbeitsteilig verübte Kollektivverbrechen meist in Einzeltaten aufteilte, um den Angeklagten konkrete Tatbeiträge individuell zurechnen zu können, verzerrte und verfälschte das Verbrechensgeschehen. Die fehlerhaften tatsächlichen Feststellungen hinsichtlich des historischen Geschehens führten zu falschen rechtlichen Wertungen der Taten der Angeklagten. Systematik, Dimension und Totalität des Holocaust haben die Gerichte nicht angemessen dargestellt. 

So stückelte das Frankfurter Gericht im Auschwitz-Prozess das Gesamtgeschehen in einzelne Ereignisse, die „Abwicklung“ eines Transports zum Beispiel, und fragte nach dem individuellen Tatbeitrag des jeweiligen Angeklagten zu dem sachwidrig isolierten Vorgang. Gab es keinen Urkunden- oder Zeugenbeweis, dann war ein Angeklagter aus Mangel an Beweisen freizusprechen, obgleich seine Dienststellung und seine Funktion auf seine wesentliche Rolle im Vernichtungsprozess schließen ließen. 

Der Justiz ist die inadäquate Darstellung des historischen Geschehens nicht allein anzulasten. Die Zeitgeschichtsforschung hat in den sechziger Jahren nichts dazu beitragen, Auschwitz zu verstehen. Die von Überlebenden und von polnischen Historikern vorgelegten Erkenntnisse wurden nicht berücksichtigt. Auch die Rechtswissenschaft hat die entlastende Rechtsprechung nicht problematisiert, fragwürdige Urteile nicht kommentiert. Die Enthaltsamkeit von Geschichts- und Rechtswissenschaft hat Bauer beklagt. Seine unverhoffte Wiederkehr und die späten Prozesse gegen greise Angeklagte können die vielen Versäumnisse nicht vergessen machen.

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