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Frankfurter Allgemeine wird 60 Ein Leitfossil der alten BRD baut um

Die FAZ wird 60. In ihrem grundsätzlichen Einverständnis mit den Gegebenheiten der alten BRD schaffte sie es zu einem deutschen Leitmedium. Aber wenn sie nicht zum Leitfossil werden möchte, muss sie umbauen. Von Arno Widmann

"Dahinter steckt ein kluger Kopf": Kohl wirbt für FAZ
Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl bei einem Phototermin für die Anzeigenserie "Dahinter steckt immer ein kluger Kopf" der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Foto: dpa

Am 1. November 1949 wurde die Frankfurter Allgemeine Zeitung gegründet. Es war die Tat entschlossener Geldgeber - u.a. Deutsche Bank, die Papierwerke Waldhof und Salamander - und einer Reihe von Journalisten, von denen einige schon bei der alten Frankfurter Zeitung, einem der Flaggschiffe des liberalen Journalismus in Kaiserreich und Weimarer Republik, gearbeitet hatten.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung war als deutliche Unterstützung von Wirtschafts- und Außenpolitik der Adenauerregierung gedacht. Den gerade in Hessen noch sehr populären Forderungen nach Verstaatlichung und Ausbau der Mitbestimmungsmöglichkeiten der Gewerkschaften sollte entgegengetreten werden.

Immer ein Kampfblatt

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung war von Beginn an ein Kampfblatt. Für den Kampf von oben. Sie war über viele Jahrzehnte lang das Leitmedium des bundesrepublikanischen status quo. Sie war für den Vietnamkrieg, für die Notstandsgesetze. Wer damals ein wenig Wert darauf legte, nicht auf jeder Seite mehr oder weniger autoritär angefahren zu werden, wer fand, dass die Bürger ein Recht darauf hatten, den Staat und die Staatsapparate mit kritischen Augen zu beobachten, der erlegte sich in jenen Jahren immer mal wieder eine strenge FAZ-Diät auf.

Gleichzeitig aber gab es das Feuilleton. Da wehte spätestens seit Karl Korn immer wieder ein völlig anderer Wind. Der neue französische, der junge deutsche Film, Pop-Art und Happening wurden mit gespanntestem Interesse und bald auch mit Kennerschaft beobachtet.

Während 1976 vorne im Blatt der Radikalenerlass, die Berufsverbote gefeiert wurden, veröffentlichte Marcel Reich-Ranicki Alfred Anderschs rabiate Verse ("Artikel 3 (3)") gegen sie. Das machte Furore. Es machte natürlich auch gerade darum Furore, weil es in der FAZ erschien.

In dieser Spannung wurde die FAZ zu einer der großen Tageszeitungen der Bundesrepublik. Sie war das Organ der Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik. Ihre Nähe zum Staat und seinen Institutionen verschaffte jeder an ihnen in der FAZ geübten Kritik ein gewaltiges Echo.

Resonanzboden ist entzogen

Den Adenauerstaat und auch den von Helmut Kohl gibt es nicht mehr. Das hat der FAZ den Resonanzboden entzogen. Unter diesem Prestige- und Machtverlust leidet die FAZ. Es besteht die Gefahr, dass von der Arroganz der Macht ersteres letzteres um Jahre überleben könnte. Dagegen schützt nur eines: journalistische Qualität.

Also die Offenheit und der Sinn für das Neue. Der Mut sich für es einzusetzen und der Verstand, das, was nur Show ist, nicht zu verwechseln mit dem, was unsere Welt wirklich radikal verändert.

Wir Journalisten sind mit im Handgemenge. Wir dürfen aber nicht nur schauen auf Politiker und Wirtschafter, auf die Macher, auf die, die das Sagen haben. Wir brauchen auch die, die im Elfenbeinturm sitzen und den Blick über größere Abschnitte des Ganzen haben.

Wir sind gerade dabei, wie die Bundesrepublik und nicht nur sie radikal umgebaut wird. Wir wissen nicht, was die Aufgaben des Staates in Zukunft sein werden. Wir wissen nicht, wie die Soziale Marktwirtschaft der Zukunft aussehen soll. Die alten Vorstellungen, die rechten wie die linken, sind erst einmal nichts als die alten Vorstellungen.

Neue müssen entwickelt, erkämpft und erstritten werden. Erstritten auch zwischen zum Beispiel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Frankfurter Rundschau. Es ist nicht gesagt, dass der neue Staat, die neue Zivilgesellschaft sich mit Hilfe der Zentralorgane der alten Bundesrepublik herausbilden werden.

Die FAZ hatte in ihrem grundsätzlichen Einverständnis mit den Gegebenheiten der alten BRD die Konkurrenz gewonnen. Sie wurde zum Leitmedium. Wenn sie nicht zum Leitfossil werden möchte, muss sie sich umbauen. Das tut sie. Mit viel Kapital und Risikobereitschaft. Aber ein riesiger Tanker ist schwer zu bewegen. Wir sind gespannt - aus dem Eigeninteresse des Lesers und aus Konkurrenzgründen.

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