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Frankfurt Promenade durch die neue Altstadt von Frankfurt

Retroland ist anerkannt: Eintritt und Übertritt in die immer neue Altstadt sind ein Ausflug in ein Fragment von Vergangenheit.

Neue Frankfurter Altstadt
Die Neue Frankfurter Altstadt ist ein beliebtes Touristenziel. Da posiert man schon mal gerne mit einer riesigen Stoffgiraffe auf dem neuen Hühnermarkt. Foto: dpa

Einmal Altstadt, so formuliert es der Mann. Er sagt es ein wenig barsch, grimmig auch, doch bei allem Missmut, der mitschwingen soll, hat der Besucher offenbar Humor. Tut er doch an der Kasse des Deutschen Architekturmuseums wie an einem Schalter. Als ginge es um den Eintritt in einen Kinofilm? „Einmal Altstadt!“ Als ginge es darum, ein Reiseticket zu lösen? Eine einfache Fahrt? Oder eine Fahrkarte in die Altstadt mit Hin- und Rückfahrt?

Als eine Zeitreise sind Eintritt und Übertritt in die Frankfurter Altstadt immer wieder beschrieben worden. Zugleich war damit ein emphatisches Versprechen verbunden, die Reise in eine nicht etwa unglückliche Zeit, sondern eine überaus glückliche, eine strahlende Epoche aus Spätgotik, Barock, Klassizismus. Im Grunde handelt es sich um so etwas wie einen Ausflug in ein Fragment von Vergangenheit.

Man kann das für Willkür halten oder Wahnsinn – auf jeden Fall ist es gut, wenn das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt rechtzeitig zum dreitägigen Event, mit dem Frankfurts nagelneue Altstadt (ein)geweiht wird, die Ausstellung „Die immer neue Altstadt“ anbietet. Handelte es sich doch beim „Bauen zwischen Dom und Römer seit 1900“ um einen heftig umkämpften Schauplatz, seit mehr als einem Jahrhundert um einen alles andere als gleichgültig machenden Ort zwischen Modernisierung und Retroisierung. 

Denn während um 1900 einflussreiche Bürger alles Mögliche unternahmen, um die in der Gründerzeitepoche lange vernachlässigten Altstadtfassaden in historistischer Manier aufzumöbeln (und das hieß ja, sie protzig und plump zu verändern), zog durch die Altstadt der Abrissfuror. Der Direktor des DAM, Peter Cachola Schmal, und der Kurator, Philipp Sturm, haben Material für den „Braubachstraßendurchbruch“ zusammengetragen. Nach dem Abriss von über 100 Häusern zog die erste elektrifizierte Straßenbahn durch die Stadt – wer mitfuhr, über ein Trümmerfeld. 

Sechs Stationen gleich zu Beginn. Sechs Modelle, die das Areal zwischen Mainufer und Zeil, zwischen Dom, Römer und Paulskirche markieren. Zu den großformatigen Fototapeten zählt die Vogelschau von Matthäus Merian, 1628, ebenso wie eine Luftbildaufnahme von 1955, mit dem trotz der Bomben verbliebenen Domturm. Luftbildaufnahmen dürften nach dem Luftkrieg bei dem einen oder anderen Augenzeugen Beklemmungen ausgelöst haben – hier und heute belegt die Perspektive allerdings wahrhaftig so etwas wie das westdeutsche Wiederaufbauwunder. Inmitten einer Ruinenlandschaft sind zehn Jahre nach dem Krieg Wohnbauten entstanden, für heutige Verhältnisse verblüffend viele, zahllose Zeilenbauten, nicht nur den Main und die Berliner Straße entlang. 

Altstadt-Areal ist seit 120 Jahren umkämpftes Terrain

Am 22. März 1944 war Frankfurts Altstadt im Bombenkrieg untergegangen, die Stadt aus Holz verbrannt. Auch dieses Datum nimmt die Ausstellung in den Blick – allerdings ist sie darauf nicht ideologisch fixiert, wie die Altstadtenthusiasten der vergangenen zehn, zwölf Jahre daran interessiert, die dramatisch schlechten Wohnverhältnisse auf dem größtenteils noch mittelalterlichen Stadtgrundriss zu beschönigen. Die hygienischen Bedingungen in der weiterhin gotischen Stadtstruktur waren miserabel, Frankfurts Altstadt stank zum Himmel. 

Bereits während der Ära des Neuen Frankfurt waren Überlegungen zur Modernisierung der Altstadt angestellt worden, baufällige Häuser sollten zu Dutzenden abgebrochen und durch moderne Bauten ersetzt werden. Die Protagonisten der Architekturmoderne, federführend Ernst May, traten in Frankfurt an, um auch in der Altstadt die Leitbilder einer besser belichteten und belüfteten Stadt durchzusetzen. 

Nach 1933 wurde die „Altstadtgesundung“ von den Nazis angegangen, ausdrücklich mit „Axt und Beil“ propagiert. Anstelle einer defensiven Hygienepolitik zog nun ein „offensiver Biologismus“ (DAM) durch die Altstadtgassen. Durch den Bombenkrieg, den Hitlerdeutschland über Hitlerdeutschland verhängt hatte, wurde auch die Altstadt zu einem Trümmerfeld. 

Dass die Ausstellung mit einer Vielzahl nicht sonderlich bekannter Details bekannt macht, lässt sich auch daran erkennen, dass sie darauf aufmerksam macht, dass die Nazis das ausgebrannte Zentrum Frankfurts propagandistisch ausschlachten wollten. So empfahl der „Völkische Beobachter“ eine Ruinenlandschaft, eingebettet in einen Park. Der NS-Gedächtnisort sollte in einem NS-Nachkriegseuropa als Resonanzboden des Ressentiments und des Revanchismus dienen. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Neue Altstadt Frankfurt

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