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Frank Schätzing im Interview "Feiglinge oder Dummköpfe"

Bestseller-Autor Frank Schätzing kritisiert den Umgang mit China-Kritikern auf der Frankfurter Buchmesse, verteidigt die FDP - und erklärt, wie Sex im Weltraum funktioniert. ( Mit Video)

03.10.2009 00:10
Bestseller-Autor Frank Schätzing Foto: PR

Herr Schätzing, kann es sein, dass Sie in Ihrem Leben zu viele Science-Fiction-Filme gesehen haben?

Ich habe eine Menge Science-Fiction-Filme gesehen, das steht fest. Aber zu viele? Die Frage stellt sich mir so nicht. Kann sein, dass auch ein paar schlechte darunter waren - aber selbst die können einen manchmal auf kluge Gedanken bringen.

In Ihrem neuen Roman "Limit" beschreiben Sie, wie Amerikaner, Chinesen und ein Wirtschafts-Tycoon den Mond besiedeln und dort um das Recht der Ressourcen-Ausbeutung kämpfen. Ihre szenischen Beschreibungen lesen sich wie ein Destillat aus zig Science-Fiction-Filmen - von "Mondbasis Alpha 1" über "Alien" bis zu "2001" oder "Lautlos im Weltall".

Das stimmt. Ich habe all diese Filme ständig abrufbar in meinem Kopf. Ich habe zwar immer schon gerne gelesen, bin aber nicht in dem Maße von Literatur beeinflusst wie vom Film. Wahrscheinlich schreibe ich nur deshalb Bücher, weil ich keine Filme drehen kann.

Ihre Lust, aus dem großen Fass Pop-Kultur zu zitieren, ist grenzenlos. Auf dem Weg ins All sprechen Ihre Raumfahrer über Pippi Langstrumpf, Wilhelm Busch, George Bush, Eminem oder Kurt Cobain.

Klar, ich arbeite immer aus den eigenen Vorlieben heraus. Könnten Normalsterbliche tatsächlich zum Mond fliegen, würden sie währenddessen ja auch nicht ständig nur über das All und die Sterne reden, sondern über Privates oder Musik, Alltägliches eben.

Während Ihrer Mond-Odyssee dringen Sie auch in private Sphären vor, beschreiben Sex und Toiletten-Gänge in der Schwerelosigkeit. Wie nah liegen Science und Fiction bei solchen Szenen zusammen?

Ich habe sehr genau recherchiert, mich mit vielen Astronauten und Experten unterhalten. Über die Bordtoiletten sprechen die meisten ganz unverkrampft. Auch Nasa und Esa sind mittlerweile richtig stolz drauf, dass man in der Schwerelosigkeit entspannt sein Geschäft verrichten kann. Sex hingegen ist für die Nasa ein heikles Thema. Die tut immer noch so, als würde es fleischliche Gelüste im Weltraum nicht geben.

Womöglich aus Diskretion, um die auf der Erde zurückgebliebenen Partner der Astronautinnen und Astronauten nicht zu beunruhigen?

Ich sehe es eher als Ausdruck der sattsam bekannten amerikanischen Prüderie. Ein US-Astronaut hat eben keine triebgesteuerten Bedürfnisse zu haben.

Sind die deutschen Raumfahrer weniger verklemmt?

Sie sind merklich lockerer als die Amerikaner. Nur haben die eben noch nicht deren jahrzehntelange Erfahrung. Die Russen reden auch nicht so gerne über Sex im All. Wobei es ja unter der Hand heißt, es hätte im Weltraum Affären zwischen russischen und amerikanischen Astronauten gegeben.

Zwischen Männern und Männern?

Zwischen Männern und Frauen. Auf die schwule Variante darf man die Nasa schon gar nicht ansprechen. Für Amerikaner sind Astronauten immer noch so was wie Pilgerväter im All, sehr prüde und sehr religiös geprägt. Immerhin: Vor dem Hintergrund der Mars-Mission hat sich die Nasa dem Thema jetzt doch angenähert. Dann nämlich werden gemischte Mannschaften ein gutes halbes Jahr unterwegs sein, man bleibt ein, zwei Jahre auf dem roten Planeten und dann sind sie wieder ein halbes Jahr auf dem Rückweg. Das ist eine verdammt lange Zeit, zu lang, um es sich nur durch die Federn zu schwitzen. Deshalb versucht die Nasa neuerdings den Spagat zwischen Sex und Moral. Sie sagt: Gott hat dem Menschen aufgetragen, sich zu vermehren, und über einen so langen Zeitraum von drei Jahren kann ein gläubiger Astronaut Gottes Auftrag nicht vernachlässigen. Er kommt also nur seiner heiligen Pflicht nach, wenn er Sex hat. Das muss ja keinen Spaß machen.

Woher haben Sie all diese brisanten Informationen?

Eine amerikanische Wissenschaftsjournalistin hat ein Buch über "Sex in Space" geschrieben. Die Nasa hatte ihr erwartungsgemäß jedes Interview verweigert, einige Astronauten waren dafür umso auskunftsfreudiger. Zudem hat sie interessante Forschungsergebnisse zusammengetragen, beispielsweise über Erektionen in der Schwerelosigkeit.

Lesen Sie auf den nächsten Seiten, wie Schätzing über Länder schreibt, ohne sie je besucht zu haben - und sehen Sie ein Video, in dem der Autor über die Entstehung seines Romans "Der Schwarm" erzählt.

Im Buch beschreiben Sie den Liebesakt im All als sehr losgelöste, lustvolle Erfahrung. Und das dürfen wir uns in der Realität auch so vorstellen?

Erst mal werden beide Partner ständig auseinander trudeln und sich im Wohnmodul den Schädel stoßen. Man braucht Hilfsmittel wie Love Belts, um sich um Raum zu sichern, außerdem darf man den anderen niemals loslassen. Dann aber macht es, glaube ich, einen Riesenspaß.

Reden wir über ein anderes Thema: Als "Der Schwarm" 2004 erschien, hatte er großen Erfolg, danach wurde das Buch ein Phänomen. Ein Longseller, der sich auch deshalb über Monate hinweg verkaufte, weil Sie darin die Folgen eines Tsunamis beschreiben und kurz nach der Veröffentlichung tatsächlich solche Riesenwellen über Teile Südostasiens hinwegfegten. Viele deutsche Urlauber sagten, sie hätten sich retten können, weil sie Ihr Buch gelesen hatten und die drohende Katastrophe zu deuten verstanden. Vor diesem Hintergrund haben sich die Erwartungen an Ihren neuen Roman in absurde Dimensionen hochgeschraubt. Wie sind Sie beim Schreiben mit diesem Druck umgegangen?

Das war eigenartig. Im Jahr nach dem "Schwarm" wollte ich gleich mit der Arbeit an "Limit" loslegen und kam nicht recht voran. Ich war denkbar unrelaxed. Was mich insofern überraschte, als der "Schwarm" bereits mein sechstes Buch gewesen war. Rückblickend erschien mir dieser sagenhafte Erfolg wie ein Berg, über den ich geklettert war, nur dass ich das beim Schreiben nicht gemerkt hatte. Und plötzlich sah ich "Limit", die noch gar nicht geschriebene Geschichte, als Berg vor mir aufragen.

Eine Schreibblockade?

Nicht wirklich. Geschrieben hab ich schon, ich merkte nur: Hier stimmt was nicht. Du beginnst gerade, gegen dich selbst zu arbeiten. Also hab ich alles in die Ecke geworfen, erst mal nur Musik gemacht und ein Sachbuch geschrieben - eben was vollkommen anderes. Ich musste den Druck rausnehmen. Und das hat funktioniert. Als ich vor zweieinhalb Jahren mit "Limit" anfing, konnte ich wieder tun, was ich immer getan habe: Mich hinsetzen und mir selbst eine Geschichte erzählen. Ohne mich an der Frage abzuarbeiten, ob das außer mir noch jemandem gefällt oder erfolgreich sein wird.

Mit 1300 Seiten übertrifft "Limit" den "Schwarm" in der Länge noch einmal um 300 Seiten. Gibt es in Ihrem direkten Umfeld noch Menschen, die sich trauen, dem Erfolgsautor Schätzing zu sagen: 500 Seiten weniger hätten es auch getan?

Die gibt es: meine Frau und mein Verleger sind immer meine ersten Leser. Sie sind offen und ehrlich zu mir. Denen vertraue ich. Wenn ein Buch diese Filter passiert hat, bin ich für Kritik allerdings nicht mehr sehr empfänglich. Man muss meine Bücher ja nicht mögen. Im übrigen, 1300 Seiten zu schreiben, so was plant man nicht. Da wäre ich ja bescheuert. Die Geschichte erzählt sich selbst, und sie wird so lang, wie sie wird.

In Ihrem Buch hat es der milliardenschwere Tycoon Julian Orley geschafft, einen Fahrstuhl ins All und ein Hotel auf dem Mond zu bauen. Orley ist unverkennbar dem britischen Multi-Milliardär Richard Branson nachempfunden. Der Chef des Virgin-Misch-Konzerns will demnächst Touristen mit einem eigens von ihm entworfenen Space-Ship ins All schicken. Wirtschaftsbosse wie er sind - nicht nur in Ihrer Fiktion - mitunter mächtiger als viele kleine Staaten. Macht Ihnen das Angst?

Nein, ich komme nicht umhin, jemanden wie Richard Branson für seine Vision und seine Durchsetzungskraft zu bewundern. Aber eben nicht rückhaltlos. Wenn sie in manchen Bereichen schneller, innovativer und weniger bürokratisch sind als Regierungen, kann das sein Gutes haben. Aber es sind und bleiben Machtmenschen. Entscheidend ist also: Wie gehen diese Leute mit der Macht um. Ich habe Orley in meinem Roman als durchaus sympathischen Menschen gezeichnet - aber eben auch als Egozentriker. Er spielt mit den Welt-Mächten und der Weltöffentlichkeit. Es ist immer eine Gratwanderung, wenn sich Privatunternehmer daranmachen, der Politik das Zepter aus der Hand zu nehmen, aber zur Erringung echten Fortschritts unvermeidbar.

Haben Sie Branson je getroffen?

Leider nein. Es war geplant, klappte aber nicht, weil ihm Termine dazwischen kamen.

Was würden Sie bei einem Treffen von ihm erfahren wollen?

Erstmal nur quatschen. Mich reizen Typen, die ihren großen Worten Taten folgen lassen und dabei so vielseitig interessiert sind wie Branson. Der Mann ist der Popstar unter den Tycoons, das mag ich. Ich würde allerdings auch gerne erfahren wollen, wie nah er mit seinen Visionen an den Menschen ist. Orley koppelt sich irgendwann ja völlig von der Zusammenarbeit mit Regierungen ab, er wird zu seinem eigenen Staat. Es ist problematisch, wenn sich die Wirtschaft vom Staat entkoppelt. Wenn umgekehrt eine Regierung die Wirtschaft komplett kontrolliert, ist es auch nicht besser - das kann man demnächst in China beobachten. Die legen eine phantastische Performance hin, aber irgendwann wird die Partei mit ihren starren Strukturen die weitere Entwicklung eher behindern als fördern.

China kontrolliert nicht nur die eigene Wirtschaft, wie man jetzt im Vorfeld der Buchmesse wieder beobachten konnte, als zwei chinesische Regimekritiker auf Druck der staatlichen Stellen nachträglich wieder von einer Podiumsdiskussion ausgeladen wurden. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie sahen, dass die renommierteste Buchmesse der Welt vorauseilend vor den Oberen in Peking in die Knie ging?

Das ist lächerlich, was da geschieht. Eine Farce. Als hätte man im Vorfeld nicht genau gewusst, wie dieses Regime reagiert. Entweder haben wir es bei denen, die da zurückgerudert sind, mit Feiglingen oder Dummköpfen zu tun. Gerade die chinesische Literatur ist ein wichtiges Sprachrohr der Regimekritiker. Es geht doch gar nicht darum, China und das chinesische System in Bausch und Bogen zu verdammen, keiner will das. Sie sind zu Gast, und man soll Gästen Respekt erweisen. Aber wenn ein Land sich öffnet - und die Öffnung ist seit Deng Xiaoping ja nun mal Doktrin - muss es auch bereit sein, die Ohren zu öffnen und sich Kritik anzuhören. Wir wiederum müssen bereit sein, den Diskurs auf deutschem Boden auszutragen, anstatt, wenn sich die Partei verschnupft gibt, vorauseilend den Schwanz einzuziehen. Die Buchmesse hat in der Vergangenheit Literaten und Menschenrechtlern aus Afrika und Südamerika Tribut gezollt, und jetzt dieses Zusammenzucken. Warum? Weil Afrika und Südamerika arm sind und wir keinen nennenswerten wirtschaftlichen Interessen an diese Länder knüpfen? Wie käuflich ist unsere Courage?

Werden Ihre Werke ins Chinesische übersetzte?

"Der Schwarm" war in China ein ziemlicher Erfolg. Es hieß, 20.000 Exemplare seien verkauft worden.

Klingt so, als würden Sie das nicht wirklich glauben.

De facto haben sie wahrscheinlich 200.000 verkauft und 20.000 abgerechnet. Einen wirklich beachtlichen Erfolg hatte das Buch dagegen in Taiwan. Dort wird auch "Limit" erscheinen. Ob es in Rotchina herauskommt, halte ich für fraglich. Dabei es in keiner Weise China-feindlich, im Gegenteil.

Sie meinen, es könnte schwierig werden, weil Sie in "Limit" den maßlosen Expansionsdrang Chinas sehr kritisch sehen?

Ich habe nichts gegen den chinesischen Expansionsdrang an sich. Wenn sie ihre Sache gut machen - und sie sind irre motiviert und fleißig - gebührt ihnen der wirtschaftliche Erfolg. Aber in Sachen Zensur und Menschenrechte gibt‘s in "Limit" ordentlich was um die Ohren.

Der Mond als Objekt der Begierde ist ja nur eine Metapher, die man auch durch den afrikanischen Markt ersetzen könnte, auf dem sich die Chinesen stark engagieren.

Durchaus. Für Afrika, die Antarktis, für alle Gegenden, auf die sich Nationen stürzen, wenn sie meinen, dort gäbe es was zu holen. Diesen Wettstreit führen Europäer, Amerikaner und Asiaten übrigens mit identischen Methoden, da steht keiner dem anderen in irgendwas nach. Für die Taiwanesen ist "Limit" natürlich ein gefundenes Fressen. Und wann immer man in Taiwan ein China-kritisches Buch publiziert, spricht sich das auch in China selbst schnell herum, und viele versuchen, über welche Kanäle auch immer, an die taiwanesische Ausgabe zu kommen. Insofern wird "Limit" wahrscheinlich auch in China gelesen werden.

Waren Sie je in China?

Ich habe es oft vorgehabt, es aber bis heute nicht geschafft. Schade. Wenn die Funktionäre "Limit" gelesen haben, lassen sie mich wahrscheinlich nicht mehr rein. Aber ich konnte mit vielen China-Experten sprechen, vieles lesen, mir ein detailreiches Bild machen. Und dann stand ich in regem E-Mail Kontakt mit meiner chinesischen Kollegin Mian Mian.

Die sich mit "La la la" und "Deine Nacht, mein Tag" weltweit einen Namen gemacht hat. Bücher, die die KP wegen ihrer angeblich zweifelhaften moralischen Qualität verbieten ließ.

Mian Mian hat mein Wissen über die Lebensbedingungen im modernen China sehr bereichert. Ich wollte von ihr wissen, welche aktuellen chinesischen Popgruppen in China derzeit eine Rolle spielen und welche ihrer Ansicht nach in 16 Jahren Superstars sind. Jetzt bin ich beinahe ein chinesischer Popexperte.

China als Pop- und Spaßland?

Mit den Chinesen, die ich kenne, kann man eine Menge Spaß haben. Wir dürfen China mit Fug und Recht toll finden, wir müssen den Machthabenden nur auf die Finger klopfen, wenn Menschenrechte nicht geachtet werden. Und zwar, ohne das Land pauschal als eine Art Mordor zu dämonisieren, in dem nur Orks leben.

Wie kann man jemandem auf die Finger klopfen, von dem man in Teilen abhängig ist?

Angesichts des Buchmesse-Debakels muss man sich die Frage wirklich stellen. Aber gut, zunächst einmal sollten wir nicht ständig versuchen, unser persönliches westliches Verständnis von Demokratie einem Volk aufzuzwingen, das traditionell mit ganz anderen Demokratievorstellungen aufgewachsen ist und vielleicht auch eine Demokratie wie unsere gar nicht vertragen würde. Und wir müssen die heikle Situation der Menschenrechte in China immer vor dem Hintergrund der Geschichte dieses Landes sehen. China ist von Maos Horden vergewaltigt worden, ist seiner Geschichte, seiner Identität beraubt worden. China versucht, eine neue Identität zu finden, und nichts wäre fataler, als wenn dieses Riesenreich jetzt auseinander bricht. Man kann von einem Land, das so vieles leistet, nicht verlangen, dass es innerhalb weniger Jahre alles umkrempelt und paradiesische Zustände schafft.

China ist nur eine politische Tangente Ihres neuen Buches, die gegenwärtige Finanzkrise eine andere. An einer Stelle lassen Sie einen Ölmanager im Jahr 2025 rückblickend die gegenwärtige Krise einordnen und abschließend beurteilen: "Die Chance, den Kapitalismus neu zu erfinden, sei 2009 verschenkt worden und damit die Möglichkeit, den Staat nachhaltig zu stärken." Spricht da der Fatalist in Ihnen?

Ich bin kein Fatalist. Obwohl man bei den Bankern schon wieder eine Rückkehr zum "business as usual" beobachten kann. Ich kann diese Sonntagsreden: "Von jetzt an wird alles anders, das lassen wir den Burschen nie wieder durchgehen" nicht mehr hören. Der Staat ist eingestiegen, will sich kümmern, mehr kontrollieren. Aber spätestens im nächsten Jahr wird alles wieder wie vorher sein. Jede Wette. Es wird wieder faule Kredite geben, weil die Jungs mit allen Mitteln das große Geld machen wollen und alle fallen darauf herein. Aber niemand hat ein ernsthaftes Interesse daran, das System Kapitalismus grundlegend zu überdenken.

Das scheinen die Wähler auch so zu sehen. Oder wie erklären Sie sich, dass jetzt die FDP das Steuer mit übernimmt, eine wirtschaftsliberale Partei, die staatliche Eingriffe während der Finanzkrise strikt abgelehnt hat?

Langsam. Die Liberalisierungspolitik der FDP zielt auf den Mittelstand, auf die wahren Leistungsträger, die in den letzten Jahren gearbeitet haben wie die Ochsen, ohne dass der Staat sie wesentlich unterstützt hätte. Das sind nicht die Profiteure, die an dem ganzen Schlamassel schuld sind. Das sind hart arbeitende Unternehmer, deren Leistung sich immer weniger lohnte, da sind viele anständige Menschen drunter. Den Kapitalismus zu überdenken hieße, einen ethischen Kapitalismus zu entwickeln, der die Bereicherungspolitik der Skrupellosen in Zukunft erschwert. Ich denke, die FDP ist die nachvollziehbare Antwort auf den Frust der Leistungsträger. Außerdem, machen wir uns nichts vor. Die Zeit der großen Volksparteien ist vorbei. Gewählt wird, wer eine Position vertritt, die Gewinner sind die Gelben, die Grünen und die Neomarxisten. CDU und SPD versinken in der Profillosigkeit.

Die Rückkehr zur Tagesordnung, ohne dass sich was ändert, regt Sie ganz schön auf. Diesen Furor haben Sie auch in "Limit" eingespeist. Ist es Ihnen heute ein größeres Bedürfnis als früher, Ihre Thriller debattenreif zu schreiben?

Ich habe ganz klar einen politischen Ansatz, einen, der sich gut mit den Ausdrucksmöglichkeiten eines Thrillers verträgt. Nur gibt es in Deutschland keine Verbindung zwischen Politik und Thriller. Das wird strikt getrennt. Ein Thriller-Autor kann nicht gleichzeitig auch politischer Autor sein, er wird nicht ernst genommen. In den USA gibt es solche Unterscheidungen nicht. Die haben das wunderbare Genre des Polit-Thrillers, siehe Tom Clancy und Robert Ludlum. Andererseits versuche ich niemanden zu belehren oder zu bekehren, ich halte kein Banner hoch und werfe nicht mit Botschaften um mich. Meine Bücher sollen unterhalten - wer darin Denkanstöße entdeckt, kann sich frei bedienen.

Herr Schätzing, Richard Branson will demnächst Touristen für 250.000 Dollar pro Ticket zweieinhalb Stunden ins All schicken. Wenn er Sie einlüde - wäre das ein Grund, Ihre Flugangst zu überwinden?

Ich glaube schon. Wahrscheinlich hätte ich weniger Angst, zum Mond zu fliegen, als von Köln nach Paris.

Michael Schumacher soll sich schon ein Ticket gesichert haben.

So lange gewährleistet ist, dass Branson den Schumacher nicht ans Steuer seines Mondshuttles lässt, bin ich dabei.

Interview: Martin Scholz

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