Lade Inhalte...

FR-Interview mit der Autorin Anabel Hernández An der Seite des Kartells

Die Autorin Anabel Hernández hat einen Bestseller über den Drogen-Krieg in Mexiko geschrieben. im FR-Interview spricht sie über das Drama ihres Landes.

17.06.2011 15:38
Die Macht der Mafia an einer Straße nach Monterey: Das „Z“ steht für das „Zetas“ Drogenkartell in Mexiko. Foto: REUTERS

Frau Hernández, Ihr Buch hat sich in wenigen Monaten 74.000 Mal verkauft in Mexiko und 8.000 Mal in den USA. Es soll demnächst in Italien erscheinen. Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Ich will mit dem Buch Antwort auf die Frage geben, wie es soweit kommen konnte in Mexiko. Ich zähle keine Toten, beleuchte nicht nur einen Teil des Problems, sondern versuche die Hintergründe zu erklären. Der gute Verkauf ist dabei nicht so sehr mein Verdienst; vielmehr füllt das Buch eine Lücke, die andere nicht schließen. Die Politik und die Intellektuellen geben nicht die Antworten auf die Fragen der Bevölkerung. Die Menschen sind angesichts 40.000 Toter in fast fünf Jahren verzweifelt. Je schlimmer die Situation wird, desto mehr Bücher verkaufe ich. Das zeugt vom Drama unseres Landes.

Ihre These ist, dass die Regierung auf Seiten der mächtigsten Mafia, dem Sinaloa-Kartell, kämpft. War das auch Ausgangspunkt ihrer Recherchen?

Nein, es war das für mich überraschende Resultat meiner Recherchen. Ich wollte ein Buch über „Chapo“ Guzmán schreiben, den mystifizierten Boss des Sinaloa-Kartells, der von der Regierung lange als eine Art intelligenter und ungreifbarer Robin Hood geschildert wurde.

Was war der Wendepunkt?

Als ich herausfand, dass Chapo am 19. Januar 2001 keineswegs aus dem Hochsicherheitsgefängnis Puente Grande floh, sondern dass er sich bei Ex-Präsident Vicente Fox mit 20 Millionen Dollar gewissermaßen freikaufte. Die Geschichte, dass er versteckt unter Schmutzwäsche aus dem Knast raus ist, ist reine Legende. Er marschierte in einer Polizeiuniform ungehindert in die Freiheit.

Warum sollte Vicente Fox so gehandelt haben?

Als Fox das Präsidentenamt 2.000 übernahm, hatte er finanzielle Probleme. Zum Ende seiner Amtszeit besaß er Fincas und Pferde, seine Frau hatte Juwelen. Zudem herrschte die Auffassung in der Regierung, die auch heute noch gilt: Man unterstützt das stärkste Kartell im Kampf gegen die anderen in der Hoffnung, so schneller den Konflikt zu beenden. Der Staat als Kriegspartei sozusagen.

Sie belegen Ihre Thesen in dem Buch an vielen Stellen mit Dokumenten, manchmal beziehen Sie sich aber auch nur auf Quellen, ohne sie zu nennen.

Ich habe mit Vertretern aller Kartelle gesprochen, habe Drogenfahnder aus Mexiko und den USA interviewt, habe Informanten in der Regierung. Aber ich muss viele Quellen schützen. Aber seien Sie versichert, dass ich für alle meine Aussagen Beweise habe. Unabhängig davon ergibt sich schon ein Bild, wenn man nur bekannte Fakten betrachtet und sich dann die passenden Zeitpunkte ansieht. Es ist wie ein Puzzle, dessen Teile plötzlich ein vollständiges Bild ergeben. Sehen Sie doch nur, welches Kartell bei Drogensicherstellungen, Festnahmen, Tötungen fast ungeschoren davon kam, immer das aus Sinaloa.

Warum hat dann aber Präsident Felipe Calderón, der Nachfolger von Fox, den Krieg intensiviert?

Er hat ihn geerbt, und er kam ihm zupass. Bedenken Sie nur, dass seine Wahl überschattet war von schweren Betrugsvorwürfen. Mit dem angeblichen Krieg der Kartelle konnte er davon ablenken und sich Legitimität verschaffen.

Im Zentrum Ihrer Kritik steht Sicherheitsminister Genaro García Luna, der Architekt des Drogenkampfs der Regierung. Trotz katastrophaler Resultate hält Calderón an ihm fest.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit langem gegen ihn wegen seiner Verstrickungen ins Drogengeschäft. Der Präsident kennt diese Akten und tut nichts. Die Ermittlungen sind eingefroren. Warum, kann ich Ihnen nicht sagen.

Das heißt, es kann keine Lösung des Drogenproblems geben?

Doch, aber die Strategie muss sich ändern. Und zwar schnell. Mittlerweile ist Mexiko nicht nur Schmuggelland für kolumbianisches Kokain, sondern führender Produzent von Heroin, Marihuana und synthetischen Drogen. Dagegen muss vorgegangen werden. Dann muss man den Kartellen und ihren Bossen das Geld wegnehmen. Das ist ihre stärkste Waffe. Man muss ihre Standbeine in der legalen Wirtschaft schließen: Hotels, Restaurants, Krankhäuser, Brauereien, Molkereien. Man muss gegen korrupte Richter, Polizisten und Politiker vorgehen. Das ist ihr Sicherheitsring. Dann, aber erst dann kann man ihnen den richtigen Krieg erklären. Calderón macht es umgekehrt und ignoriert die anderen Felder. Dafür muss er politisch zur Verantwortung gezogen werden.

Interview: Klaus Ehringfeld

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen