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FR-Feuilleton Souveräne Einsatzfreude

Peter Iden, dem ehemaligen Feuilletonleiter der Frankfurter Rundschau, zum 80. Geburtstag.

Peter Iden
Peter Iden. Foto: Martina Greiling

Peter Iden, so konnte es eine kleine Mannschaft im FR-Feuilleton der neunziger Jahre erleben, hat stets mit großer Einsatzfreude gespielt, mit der Souveränität des Ballverteilers. Dazu gehörte Enthusiasmus (nicht zu verwechseln mit Leichtsinn). Zum Einsatzwillen gehörte der Satz: „Man muss die jungen Leute bewegen.“ Unvergessen, dass wir nie so sehr rumgekommen sind, weit vom Schreibtisch entfernt, fern vom Büro. Unübersehbar, heute, dass er weiterhin für Freunde weite Reisen auf sich nimmt, Ausfahrten mit seinem Auto.

Was passiert in Salzburg, was an der Schaubühne, was in der Josefstadt? Das Schreiben über das Theater hat Peter Iden, der ein halbes Jahrhundert Theaterkritiker war, in den nuller Jahren aufgegeben, zu viel Trauer. Was soll das da vorne? Zu viel Zorn auch. Aber was soll es, angesichts der Darbietungen, gäbe er den angry elder man?

Florenz, Basel, Baden-Baden, Paris oder Mailand, die Ausstellungen dort haben genug zu bieten. Kunst – was ist das? Kein Bericht für den Leser ohne den Enthusiasmus der Analyse. Was ist da los, wenn die Künste ihren Anspruch auf Autonomie aufgeben, ja, verschleudern an den Zeitgeist? Eine weitere Herkunft von Peter Iden kann in der ästhetischen Avantgarde vorgefunden werden. Es war der soziale Aufruhr, der die Hierarchien vor hundert Jahren sprengte. Es war der ästhetische Aufbruch, der vor 120 Jahren den Kanon aufkündigte. Muss Kunst aufrührerisch sein? Das ja wohl doch, aber auch verantwortungslos? Nur das Thema fangen wir heute nicht auch noch an.

Haben Sie noch? Ein letztes Glas?

Salute.

Doch was wird aus Italien? Am Gardasee hat er eine zweite Bleibe, seit langem schon. Das Ufer entlang altes historisches, herrliches Terrain. Vom Steg aus wird der Beobachter zu einem Statisten auf einer grandiosen Naturbühne. In Gargnano sucht er das Gespräch am Kiosk, an der Tankstelle. Leider keine Libreria am Ort. Was wird aus dem Land, wo die Zyniker blühen? Gespräche mit dem Autor, dem Regisseur Cesare Lievi, dem Freund. Nicht dass die grandiose Gardawelt unberührte Natur wäre, aber die Naturbühne ist doch etwas, was in der Balance hält. Vielleicht auch ein Gegengewicht bildet zu den Naturbildern eines Anselm Kiefer oder Gerhard Richter, zu deren von der Geschichte geschundenen Landschaften.

Was tun? Haltung bewahren, wissend, dass das „Vergangene reicher, das Gegenwärtige aber komplexer ist“ (Botho Strauß). Wie richtig. Und doch, keine Verklärung des Vergangenen, zumal angesichts ihrer Verbrechen. Gewissheiten sterben ab, doch nur ja keine Geisterbeschwörung. Offensichtlich das Ziel der Hassstrategen, die Machtergreifung des Ressentiments wurde in Deutschland schon mal zugelassen.

Sehr richtig. Was also tun?

Einsatzfreude zeigen, weiterhin. Denn die Demokratie soll von den Feinden der Demokratie in einen großen Abnutzungskampf hineingezwungen werden. Dieses Finale ist kein Spiel mehr.

Ob wir aber trotzdem, vielleicht doch noch mal reinschauen? Die zeigen im Fernsehen jetzt bestimmt die Wiederholung. Es wäre schade, schade um den Ball. Und wie er sich, zumal in Zeitlupe, um sich selbst dreht. Er ist ja nicht nur ein Spielgerät, sondern der perfekte geometrische Körper schlechthin, Verkörperung einer Abstraktion auch. Doch dann, einmal auf die Reise geschickt, gestreichelt, getreten oder ganz klassisch gekickt, tritt der Ball in einen anderen Aggregatzustand. Auf seiner Flugbahn wird der Flugkörper zu einem ästhetischen Objekt. Welch’ eine Weltkugel, völlig losgelöst.

So viel Autonomie, immer wieder neu, sonst nirgends nie.

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